Friday 22. October 2021
#177 - Dezember 2014

 

Hüter des Vertrauens

 

Am 1. Dezember 2014 übergibt Herman Van Rompuy sein Amt als ständiger Präsident des Europäischen Rates an den bisherigen polnischen Premierminister Donald Tusk. In seiner fünfjährigen Amtszeit hat er in enger Zusammenarbeit mit dem Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso die Europäische Union durch ihre größte Krise gesteuert.


Im November 2009 wurde der flämische Christdemokrat zum ersten ständigen Präsidenten des Europäischen Rates gewählt und trat sein Amt mit dem Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon am 1. Dezember 2009 an. 2012 wurde er für eine zweite zweieinhalbjährige Amtszeit wiedergewählt. Durch seine langjährigen Erfahrungen in der belgischen Politik, zuletzt als Premierminister, war er geübt im Schmieden von Kompromissen und Bündnissen. Als Präsident des Europäischen Rates betrachtete er es als seine Hauptverantwortung, „Hüter des Vertrauens“ unter den 28 Staats- und Regierungschefs zu sein. Leitprinzip war für ihn dabei das europäische Gemeinwohl, das über den staatlichen Einzelinteressen steht. Mindestens ein Mal im Jahr besuchte er alle Hauptstädte der Mitgliedsländer.

 

Im dem Anfang 2014 erschienenen Buch „Europa im Sturm“ zieht er eine Bilanz nach fünf Jahren an der Spitze des Europäischen Rates. Im Zentrum steht die Wirtschafts- und Finanzkrise, die für ihn die größte Bedrohung für die europäische Einheit darstellte. Van Rompuy vergleicht sein Krisenmanagement mit dem Bau eines Rettungsbootes mitten im Sturm und auf offener See. Dabei erwies er sich als Meister des Kompromisses, wo es nicht um Sieg oder Niederlage ging, sondern darum, dass alle Länder aus den Verhandlungen als Sieger hervorgingen. Sein Selbstverständnis beschreibt er als Brückenbauer und Versöhner.

 

Ein Höhepunkt in der Amtszeit Van Rompuys war im Dezember 2012 die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union, den er in Stockholm zusammen mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und dem Präsidenten des Europäischen Parlaments Martin Schulz entgegennahm. Sehr persönlich formulierte er in seiner Rede: „In der Politik wie auch im Leben ist die Versöhnung das Schwierigste. Sie geht über das reine Vergeben und Vergessen oder ein einfaches Stillschweigen hinaus Wenn man daran denkt, was Frankreich und Deutschland durchgemacht haben! Und dann dieser Schritt. Jedes Mal, wenn ich dieses Wort höre, ‚Freundschaft, Amitié’, bin ich berührt. Es handelt sich hierbei um ein für völkerrechtliche Verträge ungewöhnliches Wort. Aber die Entschlossenheit, die Geschichte sich nicht wiederholen zu lassen, etwas radikal Neues zu wagen, war so stark, dass neue Worte gefunden werden mussten.

 

Herman Van Rompuy machte nie ein Geheimnis um seine tiefe Verwurzelung im christlichen Glauben. Er war Schüler des St. Johannes Berchmans-Kollegs der Jesuiten in Brüssel und studierte Philosophie und Betriebswirtschaftslehre an der Katholischen Universität in Löwen. Regelmäßig zieht er sich zur Besinnung in das Benediktinerkloster Afflighem in der Nähe von Brüssel zurück. Seinen Glauben beschrieb er einmal als „eine Erfahrung der Sehnsucht nach Gott“. Weiter sagte er: „Es gibt so viele Widersprüche zwischen der Welt, so wie sie ist und der Idee, dass sie jemand aus Liebe gewollt hat. Das ist ein Grund für den Glauben: es muss Jemanden geben, der diesen Widerspruch auflöst.“ Christliche Politik verstand er als einen Ausgleich zwischen ethischem Idealismus und politischem Realismus. Einen seiner Vorträge überschrieb er „Keine Realpolitik ohne Idealpolitik“. Politik ist für ihn nicht nur ein Kampf um die Macht, sondern auch eine Tätigkeit im Dienst der Menschen.

 

Am 29. Mai 2014 wurde Herman Van Rompuy der Karlspreis der Stadt Aachen „in Würdigung seiner bedeutenden Verdienste als Mittler, Konsensbildner und Impulsgeber für die europäische Einigung“ verliehen. Zu seinem letzten EU-Gipfel am 24. Oktober brachte er einige seiner Enkelkinder mit, die auch auf dem „Familienphoto“ der Staats- und Regierungschefs erscheinen. Mit Winston Churchill beschrieb er einmal den Unterschied zwischen einem Staatsmann und einem Politiker so: der Politiker denkt an die nächsten Wahlen, der Staatsmann an die nächste Generation. Herman Van Rompuy dachte auch als Politiker an die nächste Generation. In seiner persönlichen Integrität und seiner großen Integrationskraft hat er einen bedeutenden Beitrag zur Konsolidierung und Weiterentwicklung der Europäischen Union geleistet.

 

Martin Maier SJ

JESC

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