Tuesday 19. October 2021
#171-Mai 2014

 

Der Zaun der Schande

 

Der Tod von 15 jungen Männern, die versucht hatten, die Küste von Ceuta zu erreichen, facht die Debatte über Menschenrechte und Migration neu an.


Schockierende Bilder verlieren ihre Wirkung auch dann nicht, wenn man sie wiederholt zu Gesicht bekommt. Die jüngsten Bilder aus Nordafrika führen uns zum einen die verzweifelte Entschlossenheit von Menschen vor Augen, der Armut zu entkommen und zum anderen die fruchtlosen Bemühungen, diese Menschen an ihrem Fluchtversuch zu hindern.

 

Am 6. Februar 2014 kam es vor der Küste von Ceuta zu einem der beschämendsten Ereignisse der letzten Monate – eine traurige Erinnerung an die Tragödie von Lampedusa im September 2013. In den frühen Morgenstunden beschloss eine Gruppe von rund einhundert jungen Afrikanern, die kurze Strecke zwischen der marokkanischen Küste und dem Strand von Ceuta (nur einige hundert Meter) schwimmend zurückzulegen, um auf spanisches Staatsgebiet zu gelangen. Beim Versuch, die Flüchtlinge zurückzudrängen, feuerten spanische Sicherheitskräfte mit Gummigeschossen auf die schwimmenden Flüchtlinge. Dabei starben 15 von ihnen und Dutzende wurden verletzt.

 

In den darauffolgenden Wochen wurde die Lage immer chaotischer. Während die Polizei wie gelähmt und von den Auswirkungen ihres unverhältnismäßigen Eingreifens offensichtlich schockiert war, versuchten Hunderte von jungen Afrikanern in mehreren Wellen über den Grenzzaun zu klettern, der die Stadt Ceuta von Marokko trennt. Einigen gelang dieser Versuch, womit sich die Lage in den bereits völlig überfüllten Flüchtlingslagern noch verschärfte. Das Schicksal derjenigen, die beim Versuch über die Grenze zu schwimmen den Tod fanden, oder die schrecklichen Bilder der jungen Afrikaner, die den Zaun erstürmten, sind an sich schon furchtbar genug, nicht weniger dramatisch aber ist die Situation in den mittlerweile völlig überfüllten Flüchtlingslagern.

 

Ceuta und Melilla sind zwei spanische Enklaven in Nordafrika, Überbleibsel aus der Kolonialzeit. Die beiden Städte sind zum Ziel zahlloser Flüchtlinge aus den Ländern südlich der Sahara geworden, die versuchen, über diese beiden Stützpunkte nach Europa zu gelangen. Die spanischen Behörden versuchen, den Grenzübertritt zehntausender Afrikaner, von denen sich viele teilweise seit Jahren auf einer beschwerlichen Flucht befinden, zu verhindern.

 

Wie Malta oder Lampedusa haben Ceuta und Melilla das zweifelhafte Privileg, die Endstation vieler Flüchtlinge zu sein. Als Reaktion auf die Ereignisse, die zum Tod der 15 jungen Afrikaner und in der Folge zu einem regelrechten Ansturm auf den Grenzzaun von Ceuta führten, ließ die spanische Regierung den Zaun weiter erhöhen und zusätzlich mit Natodraht versehen, dessen messerscharfe Metallblättchen neue Fluchtversuche unmöglich machen sollen. Keine dieser Maßnahmen führte zum gewünschten Erfolg.

 

Die Europäische Kommission reagierte umgehend über ihre EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström, die von der spanischen Regierung Aufklärung über die Ereignisse sowie Maßnahmen forderte, mit denen solche Vorkommnisse in Zukunft vermieden werden sollen. Diese Aufforderung führte allerdings zu gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen der EU-Kommission und der spanischen Regierung. Spanien, so die spanische Regierung, könne nur weitere Maßnahmen ergreifen, wenn sich die EU finanziell daran beteilige. Wie so oft versuchen die EU-Mitgliedstaaten, sich ihrer Verantwortung zu entziehen, indem sie auf ein stärkeres Engagement der EU pochen.

 

Für die Kirche ist die Migration ein sehr sensibles Thema. Seit vielen Jahren setzt sich die katholische Kirche in besonderem Maße für die schutzbedürftige Gruppe der Migranten ein, die in den Jahren der Flucht durch Afrika und die Maghreb-Region allen möglichen Misshandlungen ausgesetzt sind und am Ende ihrer Reise erneut vor einer Mauer stehen.

 

Zuweilen ist es eine physische Mauer (Konfrontation mit der Polizei), zuweilen eine juristische Mauer (Kriminalisierung der legitimen Erwartungen derer, die sich nach einem besseren Leben frei von Armut sehnen). Der katholische Bischof von Tanger (Marokko), Monsignore Santiago Agrelo, brachte die Situation mit deutlichen Worten zum Ausdruck: „Ich schätze, die spanische Regierung kann nicht einseitig handeln, außerhalb der europäischen Richtlinien, doch entlässt dies sie nicht aus ihrer Verantwortung. Natürlich ist dem Gesetz Folge zu leisten, doch sind Gesetze nicht in Stein gemeißelt. Regierungen können ihre Stimme erheben, damit die Gesetze geändert werden. Diese Stimme kann zu einem Aufschrei werden, wenn deutlich wird, dass die Gesetze die unveräußerlichen Rechte des Einzelnen verletzen. Die spanische Regierung ist stumm geblieben und trägt daher gemeinsam mit der Europäischen Kommission Verantwortung für das Leid und den Tod Zehntausender junger Afrikaner an den südlichen Grenzen Europas.“

 

Monsignore Agrelo betonte ferner, die Frage müsse aus dem richtigen Blickwinkel heraus betrachtet werden, wobei den Menschenrechten oberste Priorität einzuräumen sei: „Es wundert mich, dass im Europäischen Parlament keine Stimmen laut werden, die einen Wandel der Prioritäten fordern. Dies wäre ein wesentlicher Schritt hin zu einer neuen Flüchtlingspolitik. Es ist ethisch verwerflich und unlauter, wenn wir in Europa immer nur fordern, dass unsere Grenzen sicherer werden, uns aber keine Gedanken über die Sicherheit der Flüchtlinge, über die Ursachen ihres Leidens oder darüber machen, was wir tun können, um ihnen aus der Hölle zu helfen, zu deren Entstehen wir selbst beigetragen haben.“

 

Migration ist mit Sicherheit keine einfache Angelegenheit, aber selbst wenn wir uns berechtigte Sorgen um die Sicherheit machen, dürfen wir die Menschenrechte der Flüchtlinge und den Schutz dieser verwundbaren Bevölkerungsgruppe nicht vergessen.

 

 

José Ignacio Garcia

JESC

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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