Friday 22. October 2021
#165 - November

 

Auf neuem Boden Wurzeln schlagen

 

Die meisten Migranten verlassen ihre vertraute Heimat, um einer wirtschaftlichen oder sozialen Notlage zu entkommen oder einem Krieg oder einer Verfolgung aus religiösen Gründen zu entfliehen.


Eine meiner frühesten Erinnerungen an den Herbst in meiner Heimatgrafschaft Sligo an der schroffen Atlantikküste im Nordwesten Irlands ist die an Schwalben, die sich in Scharen auf den Stromleitungen vor unserem Haus versammelten. Tagelang hockten Hunderte von ihnen auf den Leitungen, dann waren sie plötzlich verschwunden. Es waren Zugvögel, die den Wintereinzug im Norden verkündeten und sechs Monate später, zurückgekehrt aus ihren wärmeren Gefilden, Vorboten des neuen Sommers sein würden.

 

Bei vielen Tierarten ist Migration Bestandteil des Lebens. Schwalben, Kanadagänse, Haie und andere große Meereslebewesen legen gewaltige Entfernungen zurück; ihr Kommen und Gehen ist dabei i. d. R. einem sich periodisch wiederholenden Kreislauf unterworfen, der vor Urzeiten begann. Auch die Menschheitsgeschichte wurde durch Migration geprägt. So fanden die Neandertaler ihren Weg bis zur arktischen Wüste Norwegens, die Kelten kamen von Phönizien nach Irland, die Hebräer flohen aus der ägyptischen Sklaverei in das ‚Gelobte Land’ Kanaan, und die Sachsen schwärmten Richtung Westen aus nach Britannien. Menschen aus allen Teilen der Welt haben Atlantik und Pazifik auf dem Weg nach Amerika überquert. Papst Franziskus ist der Sohn von Migranten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Piemont in Richtung Argentinien verließen. John F. Kennedy, dessen Vorfahren aus der irischen Grafschaft Wexford stammten, gab seinem Buch über die Völker seines Heimatlandes USA den Titel Die Nation der vielen Völker (A Nation of Emigrants).

 

Vor dem Hintergrund seiner eigenen Familiengeschichte ging dem Papst die Notlage der Migranten, die sich an der Felsenküste von Lampedusa zusammendrängten, erwartungsgemäß ganz besonders nahe; dort bot sich ihm ein Bild des Elends und der Verzweiflung angesichts so vieler Flüchtlinge aus Nordafrika oder dem Mittleren Osten, die sich in Europa Zuflucht und ein besseres Leben erhofften. Der Papst besuchte Lampedusa im Juli. Der tragische Tod vieler Migranten, die am Donnerstag, dem 2. Oktober vor Lampedusa ertrunken waren, warf einen langen Schatten auf den Papstbesuch in Assisi anlässlich des Patronatsfestes des Heiligen Franz und wurde zu einem zentralen Thema seiner Pilgerreise.

 

Die Bischöfe der COMECE widmen ihre Herbstvollversammlung dem Thema Migration: Migration als Bestandteil des Lebens, Migration als zentrales politisches Thema, Migration als Problem, als Herausforderung, als Chance und schließlich als ein mit dem christlichen Glauben eng verknüpftes Thema – denn das Christentum verdankt ja mehr als jede andere Weltreligion seine Universalität den Wanderungsbewegungen von Völkern.

 

Es ist erwiesen, dass viele verkümmernde katholische Gemeinden in Westeuropa durch die Ankunft von Migrantengruppen aus Übersee neuen Auftrieb erhalten und Migranten den Glauben der sie aufnehmenden Gemeinschaften mit neuem Leben erfüllt haben.

 

Als Kind fragte ich mich, was die Schwalben wohl als ihre Heimat betrachteten: War es das Nest unter der Traufe von O’Neills Bauernhaus am Fuße des Knocknarea, wo sie den Sommer verbrachten, oder war es unter dem Dach eines 5.000 km entfernt liegenden Hofes im Schatten des südafrikanischen Kapgebirges? Dem Begriff Heimat kommt eine Schlüsselbedeutung zu. Die meisten Migranten verlassen – oft schweren Herzens – ihre vertraute Heimat, weil sie wirtschaftlichem oder sozialem Druck ausgesetzt sind oder um Krieg oder Verfolgung aus religiösen Gründen zu entfliehen, und sie träumen von einem neuen Leben und vor allem von einer neuen Heimat für sich und ihre Familien.

Für uns ist Europa schon zur Heimat geworden; nun gilt es dafür zu sorgen, dass auch andere in Europa eine Heimat finden. Die Bruderliebe soll bleiben, schreibt der Autor des Hebräerbriefs. Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt. (Hebräer 13,1).

 

Patrick H. Daly

Generalsekretär der COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

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