Friday 22. October 2021
#162 - Juli-August 2013

 

Die Arbeitslosigkeit in Europa ist ein moralisches Problem

 

Angesichts des inakzeptablen Ausmaßes, das die Arbeitslosigkeit, insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit in Europa erreicht hat, ist es wichtig, nach dem Vorbild von Papst Franziskus an die moralische Würde von Arbeit erinnern.


Einer Umfrage von Eurobarometer zufolge ist die Arbeitslosigkeit eindeutig das Problem, das den Europäern (48 % und damit 2 % mehr als bei der letzten Umfrage) derzeit die größten Sorgen bereitet. Für 25,5 Millionen Menschen ist sie nicht nur ein „Problem“, sondern bittere Realität: Sie müssen ohne Arbeitsstelle auskommen. Rund sechs Millionen von ihnen sind unter 25 Jahre alt.

 

Allerdings ist die Situation nicht in allen EU-Staaten gleich. Während die Arbeitslosigkeit in Österreich oder Deutschland mit 4,9 % bzw. 5,4 % relativ gering ausfällt, hat sie in Griechenland mit 27,0 %, in Spanien mit 26,8% oder in Portugal mit 17,8 % kritische Ausmaße angenommen. Diese Unterschiede zeigen, dass die europäische Integration noch längst nicht erreicht und die wirtschaftliche Lage der einzelnen EU-Staaten nach wie vor sehr unterschiedlich ist. Die Menschen stehen dem beispiellosen Abbau ihrer Arbeitsplätze und der Unfähigkeit ihrer Regierungen, gegen diese Situation vorzugehen, hilflos gegenüber. Schlimmer noch, der öffentliche Sektor ist aufgrund der drastischen Einsparungen bei den öffentlichen Ausgaben zu einem der Hauptverursacher der Arbeitslosigkeit geworden. Es ist bereits die Rede von einer „verlorenen Generation“, jungen Menschen zwischen 25 und 35 Jahren, die heutzutage große Probleme haben, einen passenden Arbeitsplatz zu finden, was dazu führt, dass es ihnen unmöglich ist, eine für ihre Zukunft so wichtige berufliche Karriere aufzubauen.

 

Inmitten dieser Krise mahnt Papst Franziskus die Vorherrschaft der Arbeit über andere Aspekte der Wirtschaftstätigkeit an. Dabei greift er eines der zentralen Themen der katholischen Soziallehre auf, das der humanisierenden Rolle, die die menschliche Arbeit spielt. Bereits Johannes Paul II. hatte in seiner Enzyklika „Laborem Exercens“ aus dem Jahre 1981 die herausragende Bedeutung der Arbeit für die wirtschaftlichen Beziehungen hervorgehoben. Im Gegensatz zur an den Universitäten häufig gelehrten liberalen kapitalistischen Theorie, der zufolge Arbeit lediglich ein Faktor ist, der nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage gesteuert wird, betont die katholische Soziallehre die Einzigartigkeit der Arbeit als menschlichen Wert, der Würde schafft und den Menschen die Nähe Gottes als Schöpfer erfahren lässt.

 

Papst Franziskus erinnert an diese wichtige Rolle von Arbeit als Quell der menschlichen Würde und prangert Arbeitslosigkeit als Ursache für Würdelosigkeit, Ausgrenzung und sozialen Ausschluss an. Er verweist ferner auf den beispiellosen Wert von Arbeit als Chance für Kreativität und Veränderung. Er fordert die jungen Menschen auf, sich diesen schwierigen Zeiten zu stellen und aktive Hoffnung und Engagement zu entfalten. In eindringlichen Worten verweist er abschließend auf die „Sklavenarbeit“ als letztes Glied in einer Kette der moralischen Erniedrigung des Menschen.

 

Mit seiner Botschaft schließt sich der Papst all denjenigen an, die für eine stärkere öffentliche Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in Europa eintreten. Die derzeitigen Sparauflagen haben für Millionen von Menschen katastrophale Auswirkungen. Der Ruf nach einschneidenden Haushaltseinsparungen, die Kreditrestriktionen und der starke, den Export erschwerende Euro stellen eine enorme Bürde dar, die Europa in zwei Lager teilt: in ein Europa, das Arbeitsplätze schafft und ein Europa, das Arbeitsplätze verliert.

 

Unser Wirtschaftsmodell befindet sich in einem grundlegenden Wandel, wobei der Faktor Arbeit eines der sensibelsten Elemente ist. Die Geschwindigkeit, mit der Arbeitsplätze verloren gehen, übertrifft die Fähigkeit unserer Wirtschaften, neue Arbeitsplätze zu schaffen, bei weitem, ein Trend, der sich zu verstärken scheint. Steigende Produktivität hat eine sinkende Nachfrage nach Arbeit zur Folge, während die europäischen Arbeitnehmer aufgrund der Globalisierung im Vergleich zu Arbeitnehmern aus den aufstrebenden Wirtschaften, in denen der Sozialschutz und die Löhne wesentlich geringer sind, immer mehr an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen. Die Anpassungsfähigkeit von Arbeitnehmern an neue Arbeitsplätze – so besagt es auch die Wirtschaftstheorie – ist begrenzt, etwa weil die Menschen nur unzureichend für die neuen Stellen ausgebildet sind, es ungerecht ist, sie dazu zu zwingen, zu schlechteren Konditionen zu arbeiten als in ihrer letzten Stelle, es ihnen unmöglich ist, eine neue Stelle anzunehmen, weil diese ins Ausland verlagert wurde, oder sich der Umzug ihrer Familien an einen neuen Wohnort nur schwer realisieren lässt.

 

Zumindest im Vorfeld des EU-Gipfels Ende Juni waren die Reaktionen der europäischen Institutionen vor dem Hintergrund des Ausmaßes der Herausforderung äußerst zurückhaltend und langsam, während die sozialen Mechanismen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bis zum Äußersten ausgereizt sind. Es gibt keine einfache Lösung und es besteht die Versuchung, kurzfristige Lösungen zu wählen, anstatt langfristige Maßnahmen zu ergreifen, die den notwendigen breiten Konsens gewährleisten würden.

 

José Ignacio García SJ

JESC

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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