Friday 22. October 2021
#162 - Juli-August 2013

 

Dobro došla Hrvatska – Herzlich willkommen Kroatien!

 

Kaum einer weiß es, doch die Mehrzahl der Europäer schmückt sich schon lange mit Kroaten.


Die „Krawatte“ wurde von einem unter Ludwig dem XIII. aufgestellten kroatischen Reiterregiment getragen: Zur Uniform gehörte ein weißes Halstuch, das alsbald auch am französischen Hofe Mode und als „cravate“ zum Zeichen des Adels wurde. Unter Ludwig XIV. erhielt das Reiterregiment 1666 den Namen „Royal Cravate“. Das deutsche Wort „Krawatte“ stammt von „Krawat“, der mundartlichen Bezeichnung von „Kroate“.

 

Wir werden lernen müssen, von nun an korrekt zu sprechen und „Republika Hrvatska“ zu sagen, wenn wir die Republik Kroatien meinen, denn sie ist soeben Mitglied der Europäischen Union geworden. Zu den Klängen der „Ode an die Freude“, der europäischen Hymne, feierten zehntausende Kroaten im ganzen Lande am 1. Juli um Mitternacht Ortszeit den Beitritt ihres Landes zur Europäischen Union.

 

Nach acht Jahren Beitrittsverhandlungen ist Kroatien nunmehr das 28. Mitglied der EU und hat damit auch einen EU-Kommissar, Neven Mimica, der am 12. Juni 2013 die Zustimmung des Europäischen Parlaments erhalten hat und bis zum Ende des Mandats der aktuellen Kommission im Mai 2014 die Aufgabe des Verbraucherschutzkommissars übernimmt. Das Europäische Parlament hat ferner zugestimmt, dass elf Mitgliedstaaten jeweils einen Sitz verlieren, Deutschland drei, um Platz für die 15 neuen kroatischen Abgeordneten zu schaffen. Letztere wurden am 14. April von den Kroaten gewählt, wobei die niedrige Wahlbeteiligung von nur 20,79 % auf ein mäßiges Interesse der Bevölkerung schließen lässt. Bei den Europawahlen 2014 wird die kroatische Wählerschaft Gelegenheit haben, mehr Begeisterung zu zeigen, auch wenn dann lediglich elf Sitze an kroatische Abgeordnete zu vergeben sein werden.

 

Im April empfing das COMECE-Sekretariat eine Gruppe kroatischer Praktikanten, zukünftige parlamentarische Assistenten der neuen kroatischen EU-Abgeordneten, die nach Brüssel gekommen waren, um sich mit den Aufgaben des Europäischen Parlaments vertraut zu machen. Die Praktikanten informierten sich in diesem Zusammenhang auch über die Vertretung der europäischen Bischöfe bei der EU sowie über die Bedeutung der christlichen Werte in der EU und in der europäischen politischen Debatte. Die COMECE selbst wird einen neuen, von der kroatischen Bischofskonferenz abgestellten Bischof als neues Mitglied aufnehmen. Letztere war bislang zwar durch Kardinal Josip Bozanić in der COMECE vertreten gewesen, hatte bislang jedoch nur Beobachterstatus.

 

Die Geschichte von der Krawatte zeigt uns, dass Kroatien Teil der europäischen Geschichte ist. Zur Römerzeit bildete es sogar das Zentrum Europas, als Kaiser Diokletian an der dalmatinischen Küste eine befestigte Kaiserresidenz erbauen ließ, um sich nach seiner Abdankung im Jahre 305 dorthin zurückzuziehen. Der Palast ist heute eines der am besten erhaltenen Bauwerke der Spätantike und bildet das Zentrum von Split. Später geriet die dalmatinische Küste unter venezianischen Einfluss, wovon die Städte Rovinj oder Dubrovnik, die alte Republik Ragusa, zeugen. In der Folge war es die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, die in den Ebenen im Norden Slawiens und in der Donauebene ihren Einfluss geltend machte.

 

In der jüngeren Geschichte wurde Europa vom Jugoslawienkrieg erschüttert, der von 1991 bis 2001 im gesamten Balkangebiet wütete und die sechs Teilrepubliken der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawiens auseinanderbrechen ließ. Als Kroatien 1991 seine Unabhängigkeit verkündete, besetzte die (von Serbien dominierte) jugoslawische Armee ein Drittel des Landes. Es folgten vier Jahre Krieg. Die materiellen und menschlichen Verluste waren immens, ganze Völker wurden umgesiedelt, andere gezwungen, in den EU-Ländern Asyl zu suchen.

 

Trotz ihres tragischen Endes sollten wir aber nicht vergessen, dass die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien von 1945 bis 1992 Bestand hatte. Diese multinationale, vielsprachige und multireligiöse Gemeinschaft hat es den Nationen auf dem Balkan ermöglicht, Einfluss auf die Sowjetunion zu nehmen und sich als neutrale und bündnisfreie Einheit zu behaupten.

 

Einheit macht stark, übersteigerte Nationalismen dagegen führen zu Blutvergießen und Völkermord. Gestärkt durch diese Erfahrung ihrer jüngeren Geschichte treten die Balkanländer nun der Europäischen Union bei. Nach Slowenien 2004 und Kroatien in diesem Jahr wird nun Serbien in den kommenden Monaten Beitrittsverhandlungen mit der EU aufnehmen. Erstmalig also treten diese Länder und Völker nicht gezwungenermaßen einem geopolitischen Machtgefüge bei (wie zur Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie, dem osmanischen Reich oder der Sowjetunion), sondern einer Gemeinschaft von Nationen, die sich aus eigenen Stücken für eine geteilte Souveränität entschieden hat, zum Wohle der Allgemeinheit, der Freiheit und ihrer Völker. Somit kann für die Balkanländer nun eine neue Erfahrung von Föderation in Europa beginnen.

 

Johanna Touzel

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

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