Friday 22. October 2021
#160 - Mai 2013

 

Beim Thema Energie geht es nicht nur um wirtschaftliche Aspekte

 

Braucht Europa einen Ethikrahmen zur Bewertung der Erforschung, der Erzeugung und der Verwendung von Energie? Interview mit Prof. Emmanuel Agius.


Emmanuel Agius ist Professor für Philosophische und Theologische Ethik an der Universität Malta und einer der Berichterstatter über die Stellungnahme Nr. 27 der Europäischen Gruppe für Ethik (EGE), dem unabhängigen Beratungsgremium der Europäischen Kommission für Ethik der Naturwissenschaften und der neuen Technologien im Zusammenhang mit dem Gemeinschaftsrecht und der EU-Politik.

 

Professor Agius, berät die Europäische Gruppe für Ethik (EGE) die EU in erster Linie zu bioethischen Fragen?


Im Verlauf ihres derzeitigen und vorherigen Mandats hat die Europäische Gruppe für Ethik (EGE) nicht mehr ausschließlich Stellungnahmen zu Themen erstellt, die mit den im Rahmen der Biowissenschaften, der medizinischen Forschung und der Biotechnologie aufgeworfenen ethischen Fragen zu tun haben, sondern ihren Blick verstärkt auf einen sehr viel breiteren Themenkomplex im Zusammenhang mit dem verantwortungsvollen Umgang mit allen wissenschaftlichen und technologischen Bereichen innerhalb wie außerhalb der EU gerichtet.

 

Zu Beginn ihres gegenwärtigen Mandats (2011-2016) unterstrich Kommissionspräsident José Manuel Barroso in seiner Begrüßungsansprache an die neue EGE, die Europäische Union sei auf Werten gegründet: Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Achtung der Menschenrechte. Als konkrete politische Bereiche, in denen diese Werte umzusetzen seien, nannte Barroso die Digitale Agenda für Europa, das zukünftige Achte EU-Rahmenprogramm für Forschung, die Innovationsunion, internationale Vorschriften für den weltweiten Handel, neue Anwendungen in Wissenschaft und Technik, EU-Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels, den nachhaltigen Umgang mit Rohstoffen (sowie) die EU-Energiepolitik. Dabei forderte er die EGE auf, eine maßgebliche Rolle in diesem Verfahren zu spielen.

 

Hat sich die EGE mit diesen neuen Themen auseinander gesetzt und ist es ihr gelungen, ihre Sachkenntnis einzubringen?


Anders als bei den im Laufe der letzten 50 Jahre herausgegebenen Stellungnahmen, in denen es in erster Linie um ethische medizinische und biologische Analysen ging, hat sich die EGE bei ihren ersten beiden Stellungnahmen des derzeitigen Mandats von ihrem herkömmlichen Ansatz gelöst. In ihren jüngsten Stellungnahmen geht es um die Ethik der Informationstechnologie und der Kommunikation (Stellungnahme Nr. 26) und um einen Ethikrahmen zur Bewertung der Erforschung, der Erzeugung und der Verwendung von Energie (Stellungnahme Nr. 27).

 

Die Stellungnahme Nr. 27 entstand auf expliziten Wunsch des Kommissionspräsidenten vor dem Hintergrund der am 28. Juni 2011 im Rat für Wettbewerbsfähigkeit erzielten politischen Vereinbarung über einen Kommissionsvorschlag für ein nukleares Forschungs- und Trainingsprogramm für den Zeitraum 2012-2013. Gleichwohl die Diskussion im Rat erfolgreich abgeschlossen wurde, waren einige Mitgliedstaaten der Ansicht, dass es einer breiteren Debatte über ethische Fragen und über einen nachhaltigen Energiemix in Europa bedurfte, woraufhin sie eine Stellungnahme der EGE beantragten.

 

Am 19. Dezember 2011 forderte der Präsident der Europäischen Kommission die EGE auf, „einen Beitrag zur Debatte über einen nachhaltigen Energiemix in Europa zu leisten und sich in diesem Zusammenhang mit den ethischen Auswirkungen der Forschung unterschiedlicher Energiequellen auf das menschliche Wohlbefinden auseinanderzusetzen“.

 

Wie ist es der EGE gelungen, die EU-Entscheidungsträger über den besten Energiemix für Europa aufzuklären?


In einem ersten Schritt beschlossen wir, die ethischen Kriterien hinsichtlich der Art und Weise zu identifizieren, wie Entscheidungen über die Erforschung von Energieressourcen (in Anbetracht der Entscheidung des Rates) getroffen werden sollten und welche Auswirkungen die Nutzung von Energie auf unterschiedliche Bereiche hat. Anschließend schlugen wir einen integrierten Ethikrahmen zur Erörterung der ethischen Fragen im Zusammenhang mit der Erzeugung, der Verwendung, der Speicherung und der Verteilung von Energie vor. Zum Schluss arbeiteten wir die ethisch relevanten Energieforschungsbereiche heraus.

 

In ihrer Stellungnahme hat die EGE einen integrierten ethischen Ansatz gewählt, um ein Gleichgewicht zwischen vier gesellschaftlich, ökologisch und wirtschaftlich zentralen Kriterien zu erzielen: Zugangsrechte, Energieversorgungssicherheit, allgemeine Sicherheit und Nachhaltigkeit. Diese vier Kriterien wurden durch einen horizontalen Grundsatz, den der Gerechtigkeit, erweitert, der den Grundstein für die Umsetzung der Menschenwürde und der Menschenrechte bildet.

 

Die EGE spricht in ihrer Stellungnahme Nr. 27 eine Reihe wichtiger und innovativer Empfehlungen für zukünftige Aktionen im Rahmen der EU-Energiepolitik aus, die von den europäischen Institutionen und vielen Betroffenen bislang positiv aufgenommen wurden.

 

Wie lauten Ihre wichtigsten Empfehlungen an die EU-Kommission?

 

1. Zugang zu Energie: In Übereinstimmung mit den Millenniumsentwicklungszielen sollte das Recht aller EU-Bürgerinnen und -Bürger auf Zugang zu ausreichenden Energiedienstleistungen gewährleistet sein. Dieses Recht sollte bei der nächsten Überarbeitung der EU-Grundrechtecharta bekräftigt werden. Darüber hinaus sollte ein Aktionsplan zur Bekämpfung der Energiearmut erarbeitet werden.

 

2. Sicherheit und Bewertung der Auswirkungen: Die Informationen über sämtliche Risikofaktoren bei der Produktion und beim Transport von Energie, über die Folgen für Gesundheit und Umwelt sowie über die Gesamtkosten jeder Art der Energieerzeugung müssen transparent sein. Ferner sollte für jede Energieressource über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg eine vergleichende Bewertung der möglichen Auswirkungen vorgenommen werden (Energieerzeugung und -verwendung, Transport, Speicherung, Rückstände, Abbau und Endlagerung von Abfallprodukten etc.). Hierzu gehört auch die Frage der Verantwortlichkeit in Übereinstimmung mit dem Lissabon-Vertrag und dem Vorsorgeprinzip. Ferner haben wir strikte ökologische, sicherheitsrelevante und soziale Bedingungen für das Fracking empfohlen.

 

3. Energieversorgungssicherheit: Die mit dem Import von Energieressourcen einhergehende Verwundbarkeit sollte durch eine koordinierte Politik und die Entwicklung intelligenter Stromnetze in Europa auf ein Mindestmaß reduziert werden.

 

4. Nachhaltigkeit Es sollten Maßnahmen zur Reduzierung der CO2-Emissionen und anderer ´Treibhausgase getroffen werden. Des Weiteren sollten die Entwicklung und die Verwendung emissionsarmer Technologien mit besonderem Augenmerk auf die erneuerbaren Energien gefördert werden. Durch die Förderung und Finanzierung von Bildungsprojekten und bewusstseinsbildenden Initiativen (z. B. in den Schulen) sollten die Menschen (bereits von Kindheit an) dazu angeregt werden, im Sinne eines verantwortungsvollen Umgangs mit Energie neue Verhaltensweisen und Lebensformen zu verinnerlichen.

 

5. Forschung Die Kommission sollte die Erforschung von Technologien fördern, die zur Entwicklung intelligenter Stromnetze und Energiespeicherungsmöglichkeiten in Europa beitragen.

 

6. Demokratische Debatte, partizipative Instrumente und Verantwortung für zukünftige Generationen: Die Europäische Union und ihre Institutionen sollten das Amt eines Bürgerbeauftragten zum Schutze der Interessen zukünftiger Generationen schaffen. Dieser Ombudsmann soll keine Entscheidungsbefugnisse haben, sondern würde einen Beitrag zu fundierten Entscheidungen leisten, indem er die Langzeitfolgen der politischen, sozio-ökonomischen und technologischen Entscheidungen in die Diskussion einbringt.

 

Es bleibt zu hoffen, dass die künftigen Generationen der heutigen Generation für die Bemühungen, die diese unternimmt, um ihnen eine bessere Welt mit sauberen, nachhaltigen und sicheren Energiedienstleistungen zu hinterlassen, dankbar sein werden.

 

Das Interview führte José Ramos-Ascensão

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

Teilen |
europeinfos

Published in English, French, German
COMECE, 19 square de Meeûs, B-1050 Brussels
Tel: +32/2/235 05 10
e-mail: europeinfos@comece.eu

Editors-in-Chief: Martin Maier SJ

Note: The views expressed in europeinfos are those of the authors and do not necessarily represent the position of the Jesuit European Office and COMECE.
Display:
http://europe-infos.eu/