Friday 22. October 2021
#160 - Mai 2013

 

EU-Lateinamerika-Dialog: Handel, aber auch Menschen

 

In der Vergangenheit gehörte Lateinamerika nicht zu den Prioritäten der EU-Politik. Doch die Dinge ändern sich.


Im Leben dreht sich nicht alles um die Wirtschaft, die Ökonomie hilft uns aber, einen Teil der Wirklichkeit zu verstehen. Schaut man sich das Handelsvolumen der EU mit Ibero-Amerika (97 % der ibero-amerikanischen Bevölkerung spricht Spanisch oder Portugiesisch) in Höhe von nahezu 200 Milliarden Euro pro Jahr an, so sollte dieses bereits Grund genug sein, den Beziehungen mit diesem Teil der Erde, zu denen auch die Mobilitätstrends gehören, mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

 

Die historischen Beziehungen Portugals und Spaniens zu ihren früheren Kolonien sorgten schon immer für eine gewisse Nähe zwischen der EU und Ibero-Amerika. Doch erst seit sich die EU neuerdings ihrer eigenen strategischen Interessen an Ibero-Amerika bewusst geworden ist, strebt sie eine echte Vertiefung ihrer Beziehungen zu dieser Region an. Der Präsident des Europäischen Rates, Herman Van Rompuy, fasste das Potenzial dieser Beziehungen während des EU-Lateinamerika-Gipfels 2010 in Madrid folgendermaßen zusammen: „Die heute hier versammelten Staats- und Regierungschefs vertreten über eine Milliarde Menschen, ein Drittel der Mitglieder der Vereinten Nationen und einen erheblichen Anteil der weltweiten Wirtschaft.“ Dies ist ein Potenzial, das es in sämtlichen Bereichen, auch dem der Migration, weiterzuentwickeln gilt.

 

Einige Zahlen

Angaben der Internationalen Organisation für Migration zufolge betrug die Anzahl der aus den ibero-amerikanischen Ländern stammenden Migranten, die nunmehr in der EU der 27 leben, 2010 insgesamt 4,29 Millionen. Sie entspricht damit in etwa der Zahl der regionalen Migration innerhalb der ibero-amerikanischen Länder selbst (4,08 Millionen). Die in der EU der 27 lebenden, aus Ibero-Amerika stammenden Migranten machen rund 9 % aller in den EU-Staaten lebenden Zuwanderer aus. Die bevorzugten Zielstaaten sind Spanien, das Vereinigte Königreich, Italien, die Niederlande und Frankreich. Spanien ist aus nachvollziehbaren historischen und sprachlichen Gründen das Land mit den meisten Migranten (60 % der Ibero-Amerikaner, die in die EU kommen, wählen Spanien als Bestimmungsland). Im Gegenzug machen die europäischen, in die ibero-amerikanischen Länder auswandernden Migranten nur 18 % aller Zuwanderer in der Region aus. Die meisten Migranten, die aus der EU nach Ibero-Amerika auswandern, stammen aus Spanien (47.701), Deutschland (20.926), den Niederlanden (17.168) und Italien (15.701). Insgesamt haben mehr als 100.000 Europäerinnen und Europäer ihre Heimat verlassen, um sich in Ibero-Amerika niederzulassen.

 

Ein neuer politischer Rahmen

Die Migration gehört zu den wichtigsten Kooperationsbereichen, besonders seit 2009, nachdem die EU, Lateinamerika und die Karibischen Staaten (CELAC, Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten) einen strukturierten und umfassenden Dialog zu diesem Thema ins Leben riefen. Die Verpflichtung zur weiteren Vertiefung des Dialogs wurde anlässlich des sechsten EU-Lateinamerika-Gipfels in Madrid im Mai 2010 (als Teil des Madrider Aktionsplans) erneuert und im Januar 2013 im Rahmen des ersten EU-CELAC-Gipfels in Santiago de Chile, auf dem man sich auf einen Aktionsplan 2013-15 einigte, erneut bekräftigt.

 

Krise und Mobilität

Die Wirtschaftskrise hat nicht zu einer massiven Rückkehr von Migranten aus EU-Ländern in ihre ibero-amerikanischen Heimatländer geführt. Stattdessen zogen die Migranten von einem EU-Staat in den nächsten, ohne dass die zur Erleichterung der Rückkehr insbesondere arbeitsloser Migranten getroffenen staatlichen Maßnahmen besonders erfolgreich gewesen wären. Transferüberweisungen stellen einen Großteil des Devisenzuflusses in die lateinamerikanischen Länder dar (5,5 Milliarden Euro aus der EU im Jahre 2010). Für einige Länder sind sie sogar sozial von großer Bedeutung.

 

Derzeit werden in Ibero-Amerika hoch qualifizierte europäische Fachkräfte benötigt, sodass es zu einer Art Sogwirkung kommt. Von dieser neuen, nunmehr in entgegengesetzter Richtung erfolgenden Mobilität sind in erster Linie Brasilien, Peru, Kolumbien, Chile, Argentinien und Mexiko betroffen. Insgesamt wurde 2010 die eindrucksvolle Summe von 3,6 Milliarden Euro aus der Region in die EU überwiesen.

 

Nächste Schritte?

Eine Verbesserung der legalen Mobilitätskanäle wäre in beiderseitigem Interesse, nicht nur mit Blick auf den Arbeitsmarkt, sondern auch in Bezug auf Studierende, Wissenschaftler oder Freiwillige und ihre Familien. Ein absolutes Muss in diesem Zusammenhang sind die Förderung und der Schutz der Grundrechte von Migranten in beiden Regionen. Andere vorrangige Ziele sind die Bekämpfung von Menschenhandel und Schleuseraktivitäten sowie die Unterstützung von Opfern, wie auch im Aktionsplan 2013-2015 gefordert.

 

Auswirkungen für die Kirchen

Ibero-amerikanische Christen ziehen in das spirituelle Vakuum eines immer laizistischeren Europas, während ibero-amerikanische Priester immer größere Kirchengemeinden zu betreuen haben. Die Wahl von Papst Franziskus, eines Spanisch sprechenden Sohns europäischer Auswanderer, erinnert uns daran, dass Migration dies- und jenseits des Atlantiks gut für die Christenheit ist.

José Luis Bazán

Rechtsberater, COMECE-Sekretariat

 

 

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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