Friday 22. October 2021
#160 - Mai 2013

 

Die größten Plagen in Nigeria sind Terrorismus und Korruption

 

Anlässlich seines Besuchs bei den EU-Institutionen vom 23. bis 25. April 2013 sprach Kardinal John Onaiyekan, Erzbischof von Abuja, in einem Interview über die Lage in Nigeria.


Warum haben die EU und die USA Boko Haram noch nicht auf die Liste der Terrororganisationen gesetzt?

 

Darüber wird auch in Nigeria diskutiert. Einerseits besteht kein Zweifel daran, dass Boko Haram wie eine Terrororganisation agiert. Ihre Mitglieder töten wahllos und auf eine Weise, die es schwer macht, sie als solche zu erkennen, da sie keine Uniformen tragen und in der Menge unerkannt bleiben.

 

Andererseits möchte das nigerianische Volk alles vermeiden, was eine Intervention von außen erforderlich macht, welche uns letzten Endes nicht nützen würde. Ich gehöre zu jenen, die sich fragen, was wir tatsächlich erreichen würden, wenn wir Boko Haram auf die Liste der Terrororganisationen setzen würden. Welche Folgen hätte dies? Was wir mit Sicherheit nicht wollen, ist, dass die USA in Nigeria einmarschieren, wie sie es im Irak getan haben, oder dass Frankreich in Nigeria einmarschiert, so wie es gemeinsam mit der EU in Tripolis einmarschiert ist.

 

Natürlich gibt es auch Nigerianer, die das völlig anders sehen. Einige sind der Ansicht, dass nicht nur Boko Haram, sondern praktisch jeder Moslem in Nigeria eliminiert werden sollte. Diesen Standpunkt teile ich natürlich nicht, denn ich bin davon überzeugt, dass die große Mehrheit der nigerianischen Moslems nicht Boko Haram, sondern einfach nur Nigerianer ist.

 

Da Terroristen von Natur aus nicht als solche zu erkennen sind, kann man unmöglich Terrororganisationen bekämpfen, ohne unschuldige Menschen zu töten. Schauen Sie doch, was passiert, wenn Amerikaner und Europäer versuchen, gegen den Terrorismus vorzugehen. Pakistan etwa beklagt den Tod unschuldiger Menschen durch den Einsatz von Drohnen.

 

Was genau erwarten Sie denn dann von Europa?

 

In der Welt von heute gibt es eine Vielzahl an internationalen Beziehungen, Kooperations- und Unterstützungsabkommen. Ich würde mir wünschen, dass die USA und Europa mehr Bereitschaft zeigen, uns bei diesem Problem zu unterstützen, aber auf unser Verlangen hin und gemäß unseren Vorstellungen. Es gibt gewisse Dinge, die wir brauchen, aber nicht haben. Sie können mit Sicherheit etwas tun, um uns zu helfen.

 

Wie sehen Sie Ihre neue Rolle als Führungspersönlichkeit der katholischen Kirche? Stehen Sie im Dialog mit den Politikern und der politischen Elite?


Natürlich stehen wir im Dialog, beginnend mit den katholischen Politikern. Ich versuche sie zu ermutigen, denn sie müssen in einem äußerst schmutzigen politischen Umfeld arbeiten. Dies ist ein Dilemma, denn eigentlich möchte keiner von ihnen in die Politik, eben weil sie ein so schmutziges Geschäft ist. Doch irgendjemand muss es ja tun, also sage ich ihnen, sie sollen in die Politik gehen, aber die Augen weit offen lassen. Die Regierung hat religiöse Berater, allerdings gibt es in Nigeria sehr viele unterschiedliche Religionsgemeinschaften. Zum Glück ziehen wir bei der Lösung von Problemen an einem Strang. Wir alle sind der Meinung, dass Unehrlichkeit falsch ist, dass sich der Mensch um das Gemeinwohl kümmern sollte. Doch wenn es um konkrete politische Strategien geht, legen die politischen Parteien oft ein eindeutig korruptes Verhalten an den Tag.

 

Sie denken also, dass die Fehler eher in den Strukturen und in den Mechanismen als in den Menschen zu suchen sind?

 

Strukturen werden von korrupten Menschen geschaffen. Es gibt einen harten Kern von korrupten Menschen, die ihre eigenen Strukturen bis aufs Messer verteidigen. Ihre Strukturen sind derart aufgebaut, dass man ihnen nur angehören kann, wenn man bereits ist, ihre Bedingungen zu akzeptieren. Insofern werden Sie als ehrlicher Mensch niemals die Wahlen gewinnen. Selbst wenn Sie ein netter Mensch sind und es Ihnen gelingt, eine hochrangige Position innerhalb eines korrupten Systems einzunehmen, werden Sie sich irgendwann entscheiden müssen. Entweder Sie bestehen darauf, ehrlich zu sein und dann werden Sie nicht lange durchhalten, oder Sie reden sich selbst ein, dass die Dinge nun einmal so sind, wie sie sind.

 

Vielleicht könnte Europa Nigeria bei seinem Reformprozess begleiten oder mit dem Land in einen Austausch bewährter Praktiken treten?

 

Die Gespräche mit unseren ausländischen Partnern und Freunden zum Thema Korruption sind nicht sehr eindeutig. Bei uns in Nigeria gibt es Korruption auf höchster Ebene, eine Korruption, die nur mit Partnern im Ausland möglich ist. Entweder gibt es offene Absprachen auf Regierungsebene und wenn nicht, dann zumindest unter Geschäftsleuten. Ausländische Geschäftsleute kommen nach Nigeria, weil in Nigeria Dinge erlaubt sind, die in ihren eigenen Ländern verboten sind. Auf diese Weise bringen sie Geld ins Land. Auf gleiche Art und Weise legen die korrupten Nigerianer ihr Geld nicht in nigerianischen Banken, sondern in Europa und Amerika an.

 

Sollte Europa also auf mehr geschäftliche Transparenz bestehen?

Bei meinen Gesprächen mit einigen Mitgliedern des Europäischen Parlaments diese Woche in Brüssel sagte man mir, dass europäische Unternehmen erfolgreich gegen Gesetzesvorschläge der EU zur Schaffung von mehr Transparenz und Rechenschaft für Unternehmen, die beispielsweise in Afrika investieren, vorgegangen sind. Einigen ist es gelungen, alles zu blockieren. Ich habe aber die MdEP aufgefordert, ihre Bemühungen fortzusetzen und diesen Menschen zu sagen, dass es sehr kurzsichtig ist, in ein Land zu investieren und dann ein Maximum aus der Wirtschaft herauszupressen. Sie sollten sich eher um stabile und transparente wirtschaftliche Rahmenbedingungen bemühen, damit ihre Investitionen sicher sind. Würden wir diesen progressiveren Ansatz verfolgen, könnten wir beginnen, humane und friedliche wirtschaftliche Beziehungen zu unterhalten.

 

Das Interview führte Fr Joe Vella Gauci

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

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