Friday 22. October 2021
#160 - Mai 2013

 

Epikie – die bessere Gerechtigkeit für Europa

 

Das Jahr 2013 ist das „Europäische Jahr der Bürgerinnen und Bürger“. Dieses Jahr wurde ausgerufen, um über die Rechte und Pflichten der Unionsbürgerschaft zu informieren. Aber wie können und wie sollten EU Bürger ihre Rechte und Pflichten verstehen und wahrnehmen?


Im Alltag wird jeder Bürger mit zahllosen Gesetzen und Anordnungen konfrontiert, die in unserer Gesellschaft gelten. Allerdings umfassen diese in ihrem Wortlaut niemals alle Erfordernisse der konkreten Wirklichkeit, in der sich der einzelne Bürger bewegt. Deshalb muss jeder Bürger für sich, im konkreten Einzelfall in seinem Gewissen verantwortlich beurteilen, welche Geltung und welche Weise er der Beachtung der in der Gesellschaft vertretenen Normen und Anordnungen schenkt, aber ebenso, wo deren Grenzen sind.

Dieses Phänomen erkannte bereits Aristoteles. Er verpflichtet den Bürger in der Nikomachischen Ethik dazu, in außergewöhnlichen Situationen unabhängig von der allgemein formulierten Norm zu handeln. Für diesen Sachverhalt verwendet er den Begriff der Epikie: „Epikie ist die Berichtigung des Gesetzes da, wo es in Folge seiner generellen Fassung lückenhaft ist.“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik V, 14) Vor diesem Hintergrund wird Epikie auch mit „bessere Gerechtigkeit“ oder auch mit „praktizierter Vorbehalt“ übersetzt. So steht für Aristoteles die Epikie nicht außerhalb der Gerechtigkeit, sondern sie ist selbst eine Form der „besseren“ Gerechtigkeit. Eine Tugend, deren Ziel es ist, das Handeln des Menschen unabhängig von der allgemein gefassten Norm sittlich zu optimieren.

 

Bei Aristoteles ist die Epikie verstanden als Verbesserung einer nicht (oder nicht mehr) angemessenen Ordnung allen Bürgern zugestanden und unter Umständen sogar aufgetragen. Im Mittelalter nehmen vor allem Albert der Große und Thomas von Aquin diese Idee wieder auf. Einer langen Tradition verdankt sich hier das Beispiel des einst bedeutsamen Verbotes, die Stadttore ab einer gewissen Zeit zu öffnen. Tritt in unserem Beispiel aber nun eine Gefahr ein (z.B. ein Feuer innerhalb der Stadt), die nur durch das Öffnen der Stadttore abgewährt werden konnte, war dieser Fall im Gesetz nicht vorgesehen. In solch einer Situation wäre das gesetzeswidrige Öffnen der Tore das einzig richtige Verhalten. Dieses formell gesetzeswidrige Verhalten ist in unserem Beispiel dann aber die einzig richtige Entscheidung, da genau das getan wird, wozu das Gesetz im Grunde erlassen wurde: der Schutz der Stadt vor Gefahr. Das durch Normen geregelte Handeln steht hier somit unter einem verantwortlich praktizierten Vorbehalt.

 

Auch wenn sich in Europa schon sehr früh hochkomplexe Gesellschaftsstrukturen herausbildeten, so handelte es sich doch in der griechischen Polis des Aristoteles, als auch in der mittelalterlichen Gesellschaft der Dominikanergelehrten Thomas und Albert im Vergleich zu heute um relativ homogene Wertegemeinschaften, in denen sie sich bewegten.

Soll die Tugend der Epikie, zur Realisierung einer „besseren“ Gerechtigkeit, auch heute in Europa gelebt werden können, so muss sich die Europäische Gemeinschaft mehr und mehr zu einer Wertegemeinschaft entwickeln. Gemeinsame Werte, die alle Bürgerinnen und Bürger Europas zu einer Europäischen Bürgerschaft verbindet.

 

Jede Bürgerin, jeder Bürger der Europäischen Gemeinschaft, muss vor dem Hintergrund seiner eigenen Würde und der Würde aller Menschen für sich selber durchdeklinieren, was eine „bessere“ Gerechtigkeit für sich selber, für den anderen und für die Gesellschaft als Ganzes bedeutet. Dazu muss er erkennen, was die tiefer liegende Intention einer Norm ist, die gegebenenfalls im konkreten Einzelfall nur defizient zum Ausdruck gebracht wird. Dies bedeutet natürlich, dass die Intention der einzelnen Normen dem Bürger bewusst ist und er sich mit den der Norm zugrunde liegenden Motiven identifizieren kann. Letztendlich muss er sich mit einer Europäischen Union als Wertegemeinschaft identifizieren können. Liegt dies vor, kann es im Einzelfall zu einem praktizierten Vorbehalt zu geschriebenen Gesetzen führen. Dieser Vorbehalt jedoch darf nicht als Mittel der eigenen Nutzenoptimierung (hier könnte man z.B. an Steuervermeidungsstrategien, oder dem eigentlichen oder ursprünglichen Sinn nicht entsprechenden Einsatz von Fördermitteln denken) missbraucht werden.

 

Jede Bürgerin und jeder Bürger sollte in der Lage sein, sowohl den tieferen Sinn als auch die Ziele der EU Normen und Gesetze zu begreifen und versuchen, sich mit ihnen zu identifizieren. Erst dann wäre Europa wirklich ein vereinter Lebensraum - eine wirkliche Gemeinschaft, in der jeder Akteur stets das Ganze im Blick hat: mit der Pflicht seine eigenen Anspruchshaltungen an die Gemeinschaft im Bedarfsfall zurückzustellen, aber auch im Gegenzug verantwortungsvoll seine eigenen Rechte und die Rechte des Schwächeren selbstbewusst und solidarisch einzufordern.

 

Peter Henrich OP

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Theologischen Fakultät Paderborn

 

 

N.B: Dieser Artikel basiert auf einen noch unveröffentlichten wissenschaftlichen Beitrag. Aus Gründen der Allgemeinverständlichkeit wurde auf wissenschaftliches Zitieren verzichtet.

Weiterführende Literatur:

Fuchs, Josef (1997). Für eine menschliche Moral: Auf der Suche nach der sittlichen Wahrheit. Bd. 4. Freiburg/Schweiz, Univ-Verl.

Virt, Günter (1983): Epikie – verantwortlicher Umgang mit Normen. Mainz, Matthias-Grünewald.

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