Friday 22. October 2021
#139 - Juni 2011

 

Johannes Paul II: der andere Architekt des Europäischen Aufbauwerks

 

Lange hat es gedauert, bis der erste der Väter Europas zur Ehre der Altäre erhoben wurde. Viele hatten erwartet, dass es Robert Schumann sein würde, doch Gott hat gewollt, dass ihm Johannes Paul II. zuvorkommt. Es war ungewohnt für uns, ihn „Vater Europas“ zu nennen, doch zweifellos verdanken wir zum großen Teil ihm die aktuelle Gestalt Europas. Erinnern wir uns nur an das Europa zu Beginn seines Pontifikats und wir begreifen, zu welch tief greifenden Veränderungen es seither gekommen ist. Die Seligsprechung von Johannes Paul II. war zudem Anlass, die Umstände des Attentats auf ihn ins Gedächtnis zu rufen. Sie zeigen deutlich, dass sich die Anhänger des „Eisernen Vorhangs“ durchaus der Gefahr bewusst waren, die der Papst aus Polen für sie darstellte.

 

 

Als Karol Wojtyla 1978 die Nachfolge des hl. Petrus antrat, war die Welt in zwei feindliche Lager geteilt. Die Trennlinie verlief quer durch die Mitte Europas. Als junger Student empfand ich diese Teilung als künstlich und ungerecht. Obwohl ich im tiefsten Inneren davon überzeugt war, dass ein derart ungerechtes System wie der Kommunismus keinen Bestand haben würde, glaubte ich doch nicht, seinen Fall mit eigenen Augen erleben zu dürfen. Bereits zu Beginn seines Pontifikats war Johannes Paul II. sicher, dass die Sowjetunion ihrem Untergang geweiht war. Und auch, wenn sie eines kleinen Anstoßes bedurfte, schien ihr sicheres Ende gekommen. Johannes Paul II. musste „nur noch“ die westlichen Politiker und die Diplomatie des Vatikans hiervon überzeugen.

 

Wenn der Papst von den geografischen Grenzen Europas sprach, verwendete er gerne die Worte von General Charles de Gaulle, der von einem Europa vom „Atlantik bis zum Ural“ sprach. Ein Jahr nach seiner Wahl begann der Papst seine Rede an die Mitglieder des Europäischen Parlaments mit folgenden Worten: „In dem Teil Europas, den Sie repräsentieren“. Am Sitz der EWG in Brüssel erklärte er 1985, dass sich die „Europäer nicht mit der Teilung ihres Kontinents abfinden dürfen. Die Länder, die aus verschiedenen Gründen nicht an Ihren Institutionen teilhaben, dürfen nicht vom grundlegenden Wunsch nach Einheit ferngehalten werden; ihr besonderer Beitrag am europäischen Erbe kann nicht länger außer Acht gelassen werden.“

 

Zwölf bzw. fünfzehn EU-Staaten sind lediglich ein kleiner Teil Europas, nicht nur im geografischen oder politischen Sinne sondern auch kulturell. Europa als „Zimmerchen von Maastricht“ war ein verstümmeltes Europa, dass sich zudem oft gar nicht bewusst war, welche Verarmung die Abtrennung der gesamten mittel- und osteuropäischen Kultur bedeutete.

Europa ist, so Johannes Paul II., allem voran ein „Kontinent der Kultur“, der sich aus zwei grundlegenden Traditionen zusammensetzt: der griechisch-römischen Antike und der jüdisch-christlichen Tradition mit ihrem Glauben und ihrer Verbundenheit mit der menschlichen Würde. Ohne ein Verständnis für das christliche Erbe dieses Kontinents, so Johannes Paul II. in Prag, würden seine Einwohner zu Ausländern in ihrer eigenen Heimat, unabhängig von ihrer persönlichen Einstellung zum Glauben.

 

Das Christentum ist nicht nur ein Teil der reichen europäischen Vergangenheit. Es wird für immer die Hauptreligion Europas bleiben. Und neben den Millionen von Gläubigen sind auch die Bürger Europas, die sich nicht mehr zum christlichen Glauben bekennen, tief im Erbe der universellen, dank der Christen entdeckten Werte verwurzelt: die Würde des Menschen, die tiefe Verbundenheit zu Gerechtigkeit und Freiheit, die Verbundenheit mit der Arbeit, die Eigeninitiative, der Familiensinn, die Achtung vor dem Leben, die Toleranz, der Wunsch nach Zusammenarbeit und Friede.

 

Wenn man an die Geschichte Europas denkt, muss man sich ihrer Doppeldeutigkeit und Ambiguität bewusst sein. Neben edlen Dingen hat dieser Kontinent auch die totalitären, gesetzlosen und atheistischen Ideologien des 20. Jahrhunderts hervorgebracht. Wenn wir vermeiden wollen, dass sich die schlimmsten Szenarien der Vergangenheit, so die Worte des Seliggesprochenen, wiederholen, muss das moderne Europa zu seinen christlichen Wurzeln zurückfinden und das Gespür für seine eigene Identität wiederfinden. Es darf nicht allein eine Wirtschaftsstruktur bleiben, sondern muss allem voran zu einer kulturellen und spirituellen Gemeinschaft werden.

Zahlreiche Persönlichkeiten, die viel für den europäischen Einigungsprozess getan haben, werden in Straßburg und Brüssel geehrt, indem heute Plätze und Gebäude ihren Namen tragen. Vielleicht wäre es gerecht, einem anderen Architekten des Europäischen Aufbauwerks in der gleichen Weise Ehre zukommen zu lassen: Johannes Paul II.

Piotr Mazurkiewicz

 

Originalfassung des Artikels : Französisch

 

 

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