Tuesday 19. October 2021
#139 - Juni 2011

 

Neue Strategie zum Schutz der biologischen Vielfalt

 

Vor dem Hintergrund der wachsenden Bedrohung für die biologische Vielfalt in Europa schlägt die Kommission eine neue Strategie zur Umkehrung dieser gefährlichen Entwicklung vor.

 

In Anbetracht der schwersten Wirtschafts- und Finanzkrise, die die Europäische Union seit ihrer Gründung erlebt hat, mag der Hinweis darauf, dass die Hälfte der bekannten Wirbeltiere und ein Drittel der in Europa vorkommenden Vogelarten vom Aussterben bedroht sind, unangebracht erscheinen. Angesichts der wachsenden Bedrohung unserer Ökosysteme, zahlreicher Arten sowie der genetischen Vielfalt ist der Schutz der weltweiten und damit auch der europäischen Biodiversität aber zweifelsohne dringlicher als die Bekämpfung der Finanzkrise.

 

So trägt die jüngste Mitteilung der Europäischen Kommission über den Schutz der biologischen Vielfalt denn auch eine Überschrift, die eine deutliche Sprache spricht: „Lebensversicherung und Naturkapital“. Der Titel verdeutlicht die beiden wichtigsten Faktoren dieser Debatte: zum einen die natürliche Umwelt, die eine wesentliche Rolle für die Bewahrung des menschlichen Lebens spielt und die insofern über einen ihr ureigenen Wert verfügt, der ihr nicht vom Menschen verliehen wurde, sondern den sie mit der Menschheit teilt und vom dem wir alle profitieren. Zum anderen das Konzept des „Naturkapitals“ , welches sich auf die Qualität des menschlichen Lebens bezieht, im Rahmen dessen wir diese natürlichen Ressourcen nutzen. So betrachtet wird die Natur als produktives Element, als „Kapital“ erachtet. Während die erste Perspektive von Biodiversität als notwendiger Voraussetzung für das Überleben des Menschen ausgeht, wird aus der Mitteilung deutlich, dass die Kommission den Schwerpunkt eher auf das Argument des instrumentalen Werts der biologischen Vielfalt, auf ihre Eigenschaft als „Kapital“ legt, um die zu ihrer Bewahrung erforderlichen Investitionen zu rechtfertigen.

 

In ihrer Mitteilung betont die Kommission, dass unter dem Einfluss vor allem menschlicher Aktivitäten Arten heute 100 bis 1000 Mal schneller verloren gehen als dies unter natürlichen Bedingungen der Fall wäre. Dies sei vor allem auf die Verstädterung, Infrastrukturmaßnahmen, die Austrocknung von Feuchtgebieten und auf die landwirtschaftliche Nutzung des Bodens zurückzuführen. Die Zerstörung der natürlichen Ökosysteme sei somit zur größten Bedrohung für das Überleben der zahlreichen Lebensformen und der genetischen Vielfalt geworden.

 

Die Bemühungen der Europäischen Kommission zur Bewahrung der biologischen Vielfalt konzentrieren sich vorrangig auf gesetzliche und finanzielle Maßnahmen: die Erarbeitung strengerer Kontrollen, das Erstellen von Berichten, die Förderung von Forschungsvorhaben und die Begutachtung der europäischen Ökosysteme. Bereits heute spielt der Schutz des Naturkapitals eine wichtige Rolle für die Wahrung der Lebensqualität der Europäer, eine Entwicklung, die sich in Zukunft weiter verstärken wird.

 

Zu diesem Zweck hat die Kommission eine Strategie erarbeitet, mit dem Ziel den Biodiversitätsverlust bis 2020 einzudämmen. Das Datum wurde nicht zufällig gewählt: Mit ihrer Initiative will die Kommission ihre „Strategie EU 2020“ stärken, welche zum Ziel hat, Europa auf ein wesentlich stärker konkurrierendes internationales Umfeld vorzubereiten, zu dem auch die natürlichen Ressourcen gehören. So sieht die Biodiversitätsstrategie zur Aufrechterhaltung und Verbesserung der Ökosysteme folgende Ziele vor: strengere Rechtsvorschriften zum Schutz von Vögeln und ihrer Lebensräume, Erhaltung und Verbesserung von Ökosystemen und die Wiederherstellung von mindestens 15 % der Gebiete, die bereits Schaden genommen haben, Aufforderung an die Land- und Forstwirtschaft, einen Beitrag zur Wiederherstellung der Biodiversität zu leisten, nachhaltige Bewirtschaftung der überfischten oder stark abgefischten Fischbestände durch Senkung der Fangquoten auf bis zu 88 % , Bekämpfung invasiver gebietsfremder Arten, die heimische Arten aus ihren Lebensräumen verdrängen sowie die Erhöhung des EU-Beitrags zur Eindämmung des weltweiten Biodiversitätsverlusts.

 

Zwischenzeitlich hat sich die Europäische Union mit einer großen Bandbreite an Instrumenten zur Umsetzung derartiger Aktionen versehen. Wichtigstes Instrument ist das Netzwerk Natura 2000, das weltweit größte Netz von Schutzgebieten, das etwa 18 % der Fläche der Europäischen Union umfasst. Natura 2000 ist eine Mischung aus streng überwachten Naturschutzgebieten und Land, welches sich in Privatbesitz befindet, jedoch nachhaltig bewirtschaftet wird. Ein weiteres Instrument ist die sogenannte Biodiversity Baseline, ein technischer Bericht, im Rahmen dessen statistische Daten über die Biodiversität, Ökosysteme und ihre jeweiligen Komponenten zusammengetragen werden. Und schließlich ist noch das Webportal des Europäischen Informationssystems für Biodiversität zu nennen, das die wichtigste Plattform für den Austausch von Daten und Informationen darstellen wird.

 

Zweifelsohne unternimmt die Europäische Union erhebliche Anstrengungen zum Schutze ihrer eigenen, aber auch der weltweiten Biodiversität. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass die industrialisierten europäischen Wirtschaften einen Großteil der Verantwortung für die weltweite Überbeanspruchung der natürlichen Ressourcen tragen. Ihre Anstrengungen haben bislang nur begrenzte Ergebnisse gezeitigt, da die meisten Ökosysteme so stark beschädigt sind, dass sie quantitativ und qualitativ nicht mehr in der Lage sind, ihren grundlegenden Aufgaben wie die Bestäubung von Anbaupflanzen, die Bereitstellung sauberer Luft und sauberen Wassers sowie den Schutz vor Überflutungen oder Erosionen nachzukommen. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.

 

José Ignacio García SJ

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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