Montag 10. Dezember 2018
#219 - Oktober 2018

Zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkrieges

Am 11. November 1918, nach mehr als vier Jahren Krieg, unterzeichneten Vertreter des Deutschen Reiches, Frankreichs und Großbritanniens in einem Eisenbahn-Salonwagen im Wald von Compiègne ein Waffenstillstandsabkommen.

Das lang ersehnte Ende des Ersten Weltkriegs, der schätzungsweise 17 Mio. Soldaten und Zivilisten das Leben gekostet und großes Leid über Europa und die Welt gebracht hatte, war endlich da. Doch mit dem Waffenstillstand und dem Friedensvertrag von Versailles war zunächst nur ein brüchiger Friede verbunden. Auch Papst Benedikt XV. mahnte im Jahr 1920, dass „die Keime der alten Feindseligkeiten nicht ausgerottet“ seien und „geheime Feindschaften und eifersüchtige Spannungen unter den Völkern“ fortdauerten (Enzyklika Pacem, Dei Munus Pulcherrimum). Es gelang nicht, eine stabile Staatenordnung in Europa herzustellen. Und gut zwanzig Jahre später befand sich die Welt in der nächsten Katastrophe.

 

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, vor dem Hintergrund zweier Kriege, gelang es, in weiten Teilen Europas den Krieg zu verbannen. Ein echter Friede hielt Einzug und die Länder Europas, deren Soldaten sich zuvor in den Schützengräben gegenübergestanden hatten, wuchsen mehr und mehr zu einem gemeinsamen Wirtschafts- und Kulturraum zusammen. Die Idee der europäischen Integration als ein Friedensprojekt wurde geboren: Aus einstigen Erzfeinden sind enge Freunde geworden, was sich etwa in der deutsch-französischen und der deutsch-polnischen Freundschaft in Austauschprogrammen und gegenseitiger Verständigung ausdrückt.

 

Dieser schon Jahrzehnte währende Friede erscheint uns oftmals selbstverständlich – obgleich doch auch gegenwärtig weltweit viele Kriege und Konflikte herrschen. Immer weniger Menschen haben den letzten Krieg in Mitteleuropa am eigenen Leibe erlebt und können uns von den kriegsbedingten Leiden und Schmerzen berichten, die so gut wie alles Missbehagen und die Unzufriedenheit heutiger Tage bei Weitem in den Schatten stellen. Das Gedenken an das Ende des Krieges mahnt, uns nicht in trügerischer Sicherheit zu wiegen, kriegerische Konflikte nicht zu verharmlosen und dem hohen Wert des Friedens nicht seine Bedeutung abzusprechen. Gerade deshalb müssen uns auch aktuelle Debatten und die Art und Weise, wie sie geführt werden, sehr nachdenklich stimmen. Während Modernisierungsprozesse wie Digitalisierung und Globalisierung Veränderungsdruck – und damit Angst – bei den Menschen erzeugen, scheint ein allgemeiner Vertrauensverlust in die demokratischen Institutionen um sich zu greifen; Nationalismus und Populismus flammen neu auf, die Begeisterung für das europäische Projekt schwindet, die Sprache verroht, viele drohen abzustumpfen. In vielem ist der Friede heute neu bedroht.

 

Daher müssen wir täglich dafür sorgen, Frieden zu schaffen und ihn zu bewahren; überzogenem Nationalismus müssen wir entgegentreten. Es braucht dafür ein neues Bedenken dessen, was Europa und das europäische Gemeinwohl ausmachen. Nur wenn Partikular- und Sonderinteressen hinter das gesamtgesellschaftliche Wohl zurücktreten, die gesellschaftliche Solidarität gestärkt wird und es um Menschenwürde, Gerechtigkeit und Wohlstand für alle geht, können wir Sicherheit und Frieden dauerhaft stärken und wahren. Auch andere große Herausforderungen wie Klimawandel, Migration und Handelsfragen sind nur in einem gemeinsam getragenen Miteinander zu bewältigen.

 

Die katholische Kirche hat sich vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs vielfach für Frieden und Verständigung eingesetzt. Auch heute sieht die Kirche täglich ihren Auftrag und ihre Chance, am Friedensprojekt Europa und am Frieden in der Welt mitzuwirken. Dies bedeutet nicht nur, für den Frieden zu werben, sondern konkrete Wege für den Frieden zu bereiten. In einer von Angst und Verzagtheit geprägten Zeit ist es Aufgabe der Kirche, zuversichtlich und hoffnungsvoll voranzuschreiten und für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten.

 

Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck

Bischof von Essen

Katholischer Militärbischof für die Deutsche Bundeswehr

Vize-Präsident der COMECE

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