Dienstag 11. Dezember 2018
#220 - November 2018

Studierende auf den Spuren des „Großen Krieges“

Seit 2014 findet unter der Leitung von Prof. Ulrich Bartosch an der Fakultät für Soziale Arbeit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ein Seminarprojekt statt, das unter dem Thema „Erinnerungsarbeit zum Großen Krieg“ den Ersten Weltkrieg behandelt.

Verschüttete Zugänge zum Ersten Weltkrieg

 

Das Seminar wird jeweils über eine Zeitspanne von zwei Semestern auf unterschiedlichen Ebenen entwickelt. In einer Einführungsveranstaltung werden die Studierenden mit dem Ersten Weltkrieg als Studienthema konfrontiert. Dabei stellte sich heraus, dass hierzu kaum historisches Wissen und sehr selten persönliche Bezüge bei den Studierenden vorhanden sind, die etwa durch Fotos oder Dokumente aus dem Familienarchiv dokumentiert wären. Tatsächlich kann man pauschalierend feststellen, dass die Zugänge zum Großen Krieg verschüttet sind. Die jungen Leute spiegeln dabei allerdings nur das wider, was wohl dem kollektiven Gedächtnis der bundesdeutschen Gesellschaft entspricht.

 

Die Gruppe wird mit Texten und Filmen konfrontiert und viele unterschiedliche Aspekte des Themas werden aufzeigt. Die Teilnehmer sind aufgefordert, sich in einer Expertise einem besonderen Problem zuzuwenden und die gewonnenen Einsichten mit den anderen zu teilen. Solche Expertisen befassen sich zum Beispiel mit der Entwicklung der Waffentechnik, der Hygiene und dem Sanitätswesen, dem Festungsbau, der Rolle der jüdischen Soldaten, der Schlacht von Verdun, dem Militarismus, der Rolle der Wissenschaftler, Private Fotografie und das Bild des Krieges und vieles mehr. Die Arbeit an den Expertisen begleitet den Seminarverlauf.

 

Unterschiedliche Annäherungen an das historische Geschehen

 

Für einen Gesamtüberblick wird das Werk „Der Große Krieg“ von Herfried Münkler (2013) zur Lektüre unter den Teilnehmern aufgeteilt. Die einzelnen Abschnitte werden als Exzerpte zur Verfügung gestellt und in den Seminarsitzungen besprochen. Die Gruppe repräsentiert somit in der Gesamtheit die großen Zusammenhänge und einzelne ausgewählte Aspekte des historischen Geschehens.

 

In dieser fortgeschrittenen Vertrautheit mit dem Thema folgt ein Tag im Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt, das die größte Dauerausstellung zum Ersten Weltkrieg in Deutschland beherbergt. Das Museum gibt Gelegenheit durch die Geschichte „zu gehen“ und den Verlauf des Krieges „abzuschreiten“. Die einzelnen ziehen zunächst auf eigene Faust los und suchen sich einen Ausstellungsbereich, in dem die eigene Expertise – nach augenblicklichem Stand – eingebracht werden kann. Im nachfolgenden gemeinsamen Rundgang berichten dann die Studierenden über den jeweiligen Fortgang ihrer Recherchen. In einem Schau-Schützengraben werden Passagen aus Henri Barbusse „Das Feuer“ vorgelesen, die neben der sachlich-technischen Auseinandersetzung Zugang zu den Empfindungen der Kriegsteilnehmer ermöglichen.

 

Es folgt ein Filmabend, an dem unterschiedliche Filme über den Ersten Weltkrieg in Ausschnitten behandelt werden. Hier eröffnen sich Diskussionen zur technischen Entwicklung der Propaganda und Berichterstattung oder zur dramaturgischen Bearbeitung, die auch bis in die Gegenwart mit ihren „embedded journalists“ reichen.

 

Exkursion an die Orte des Geschehens

 

Einen Höhepunkt des Seminars bildet die Exkursion nach Frankreich über ca. 5 Tage. Sie führt unter anderem zum Hartmannsweilerkopf, nach Reims und Verdun, nach Arras und nach Straßburg. Dieser Seminarteil will Erfahrungen ermöglichen. Dazu gehört das Erleben der geographische Nähe der Schauplätze und auch ihrer räumlichen Ausmaße. Wanderungen durch die Stellungen, Innehalten an Kriegsgräberstätten, Besuche von Museen, Stellungen oder Monumenten entfalten vor dem Hintergrund der fortgeschrittenen Expertise der Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine eindrückliche Wirkung. Neben fachlichen, historischen Erläuterungen werden vor Ort auch Berichte des dortigen Geschehens vorgelesen. In Fort Vaux bei Verdun kommt auch historisches Filmmaterial zum Einsatz.

 

Ein heikles Element des Seminarkonzepts bildet die Reflexion über die Rolle der Soldaten des Krieges. Kann es gelingen, den Teilnehmern eine Brücke zum kritischen Verständnis der Motivation jener jungen Männer zu bauen, die unter den Kreuzen ihre letzte Ruhe gefunden haben? Selbst eine andere Haltung zum Krieg zu entwickeln, sollte nicht nur durch überhebliche Abwertung anderen Entscheidungen gegenüber möglich sein. Im Gegenteil: Die fehlgeleitete Opferbereitschaft der Gefallenen bedarf des Respekts und der Kritik zugleich, um für sich selbst eine reife Position zu gewinnen, die den Frieden kompromisslos verteidigen will. Hier kommt auch der Umstand zum Tragen, dass die Toten zwar 100 Jahre in den Gräbern liegen, aber jung gestorben sind.

 

Sie sind vielfach jünger als die Studierenden selbst. Es ist daher naheliegend, sie als junge Menschen mit vergleichbaren Lebenszielen und –wünschen kennenzulernen. Als Angebot wurden den Studierenden Briefsammlungen von Kriegsteilnehmern zur Hand gegeben, mit der Aufforderung: „Gehen Sie zu einem Grab, lesen Sie sich einige Briefe vor und geben Sie somit stellvertretend den Gefallenen ihre Stimme.“ Das Angebot wurde angenommen und es ergaben sich nachdenkliche, bewegte Szenen.

 

Gründe, die für das Seminar sprechen

 

Aus dem Seminar wächst die aufregende Entdeckung, dass viele gegenwärtige Konflikte und überhaupt die Landkarte Europas und vieler Weltteile vorwiegend aus den Ereignissen um die Jahrhundertwende und durch den Verlauf des Großen Krieges zu verstehen sind. Auch die Öffnung des Blickes für einen Krieg, der mit Lanzen begonnen wurde und im Giftgas, im Luftkampf und mit der Einführung der Panzerwaffe endete, hat weitreichende Folgen. Die unglaubliche Dynamik die Politik, Konflikt, Technik, Wissenschaft und Kultur entfalten können, macht vorsichtig und skeptisch gegenüber der naiven Vorstellung, „jemand“ wird die Dinge schon unter Kontrolle halten.

 

Die Nähe des Krieges in einem Land, demgegenüber die Studierenden keinerlei Konkurrenz, oder gar Feindschaft nachempfinden können, macht nachdenklich, traurig, fassungslos und unsicher. Sie lässt den europäischen Gedanken lebendig werden und jenseits der ökonomischen Argumentation die Friedensdimension des Projekts Europa spürbar werden.

 

 

Prof. Dr. Ulrich Bartosch

Professur für Pädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

 

 

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