Donnerstag 20. September 2018
#217 - Juli-August 2018

Politisches Engagement von Katholiken

Papst Franziskus hat italienische Katholiken ermuntert, sich stärker politisch zu engagieren. Matteo Truffelli, Präsident der Laienorganisation Katholische Aktion Italiens, die ihr 150. Gründungsjubiläum feiert, erläutert, warum es aus seiner Sicht wichtig ist, sich für das Gemeinwohl in Europa einzusetzen.

„Liebe Freunde der Katholischen Aktion, […] laßt nicht nach in der Verantwortung, den guten Samen des Evangeliums im Leben der Welt auszusäen: durch den karitativen Dienst, das politische Engagement – geht in die Politik, aber bitte in die große Politik, in die mit großem ‚P‘ geschriebene Politik! Ihr könnt dies auch tun durch euer starkes Engagement für die Erziehung und im Bereich der Kultur.“

 

Diese Aufforderung, sich für das Gemeinwohl einzusetzen, richtete Papst Franziskus an die Mitglieder der Katholischen Aktion, die er am 30. April 2017 anlässlich ihres 150. Gründungsjubiläums traf. Es war ein väterlicher Appell, der nicht nur den Mitgliedern der Katholischen Aktion galt, sondern insgesamt den Laien in der Kirche, die bereit sind, sich in der Welt von heute zu engagieren. Seine Worte, sich „in die große Politik, in die mit großem ‚P‘ geschriebene Politik” einzubringen, hinterließen bei mir einen tiefen Eindruck. Dieses Thema wird derzeit lebhaft diskutiert: Welchen Beitrag können Katholiken, sowohl als Einzelpersonen als auch als kirchliche Organisationen, zum gesellschaftlichen und politischen Leben in ihrem Umfeld leisten? Derartige Überlegungen, die nach der päpstlichen Ansprache aufkamen, wurden in dem Buch La P maiuscola. Fare politica sotto le parti (Das große P – Politisches Engagement von unten) zusammengetragen; in den darin enthaltenen Interviews machten wir uns Gedanken darüber, wie sich der Ratschlag Franziskus‘ in den heutigen Kontext umsetzen ließe.

 

Die Notwendigkeit einer Politik „mit großem P“ fordert zweifellos die ganze europäische und internationale Welt in einer Zeit heraus, in der Spannungen durch neue populistische Strömungen angefacht werden und wir nach Meinung von Papst Franziskus „eine Art dritten Weltkrieg, der stückweise geführt wird“, durchleben. Die heutige Welt wird in der Tat von Konflikten unterschiedlicher Art geprägt. Die Gewalt des Terrorismus vermischt sich mit der Gewalt der unzähligen Kriege, unter denen die weltweit ärmsten Länder zu leiden haben. Viele der reichen Nationen reagieren auf die Konflikte, indem sie sich für eine isolationistische Politik entscheiden, anstatt sich stärker von den guten Gründen für eine friedliche Koexistenz leiten zu lassen. Gleichzeitig scheinen westliche Demokratien in der Krise zu stecken, und viele Menschen glauben an Identität und starke Führung und erliegen dem Irrglauben, dadurch Probleme lösen zu können.

 

Angesichts dieser enormen Schwierigkeiten mag der Gedanke naheliegend sein, dass die Lösung in der Abschottung und Errichtung von Mauern liegt. Aber die Welt von heute braucht keine egoistische Politik, denn diese wäre nicht nur ungerecht, sondern sogar schädlich. Papst Franziskus selbst zeigt uns in seiner Enzyklika Laudato si', dass es dort, wo es gemeinsame Probleme gibt, auch gemeinsame Antworten geben muss. Demnach können die großen Probleme unserer Zeit nicht von einzelnen Staaten gelöst werden. Wir müssen uns der Gründe für internationale Solidarität und Frieden stärker bewusst werden, anstatt zu einer Sichtweise der Welt zurückzukehren, die von der Idee eines Gleichgewichts der Kräfte bestimmt wird.. Aus diesem Grund ruft beispielsweise die Katholische Aktion Italiens oft Initiativen ins Leben und organisiert Veranstaltungen, in denen es um internationales Recht und Europa geht.

 

In dieser Zeit der Unsicherheit stellen viele Menschen gerne das Projekt der europäischen Einigung, das unserem Kontinent im Laufe der Jahre so viele Vorteile gebracht hat, in Frage. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir Europa einen neuen Schub geben müssen, damit es einen Sprung nach vorne macht und jene Energie, durch die wir damals eine komplett neue Lösung finden konnten, wiedergewinnt. Eine Einigkeit Europas wäre nur wenige Jahre zuvor absolut unvorstellbar gewesen, aber sie trug zur Lösung jener Probleme bei, vor denen alle europäischen Nationen standen und die in einer Zeit, die nicht einfacher als die heutige war, unüberwindbar erschienen.

 

Von daher stehen auch wir als Bürger und katholische Laien in der Verantwortung, uns für eine Politik einzusetzen, die sich der vielen drängenden Probleme unser Zeit annimmt, auch derjenigen, die außerhalb unser Reichweite zu liegen scheinen, die uns zu groß oder zu schwierig erscheinen; gleichzeitig sollten wir uns nicht unserem Auftrag verweigern, die Zukunft zu gestalten. In diesem Zusammenhang denke ich beispielsweise an den Kampf gegen Kriminalität und Korruption, an den Umweltschutz und die Entwicklung der weltweit ärmsten Länder, an die Gestaltung einer friedlichen Koexistenz von Nationen, Religionen und Kulturen, die Belebung der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes sowie an die Förderung und den Schutz von Gesundheit und Leben.

 

Daher stimme ich mit ganzem Herzen dem italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella zu, der im vergangenen Jahr anlässlich des 60. Gründungstages der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ausführte: „Europas Väter, die mit der demokratischen Zustimmung ihrer Länder den Verträgen Leben einhauchten, waren keine Visionäre, sondern Politiker; sie waren sich der Herausforderungen und Risiken bewusst und in der Lage, sich ihnen zu stellen. Diese Männer wagten es, die Schwäche, Verletzlichkeit und Ängstlichkeit ihres jeweiligen Volkes in Stärke umzuwandeln, die Fähigkeiten jedes Landes in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen und die Errichtung einer großen, offenen Gesellschaft anzustreben, in der sich Freiheit, Demokratie und Zusammenhalt wechselseitig stärken”. Heute sind wir aufgerufen, es ihnen nachzutun. Und wir sind aufgerufen, auf die Politiker einzuwirken, damit auch sie in vielerlei Bereichen das Gleiche tun.

 

Matteo Truffelli

Präsident der Katholischen Aktion Italiens,

Autor des Buchs La P maiuscola. Fare politica sotto le parti (Verlag AVE)

(Das große P – Politisches Engagement von unten)

 

Originalfassung des Artikels: Italienisch  

 

 

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