Montag 10. Dezember 2018
#219 - Oktober 2018

Pierre Teilhard de Chardin: Gott im Krieg

Die Überlegungen von Pierre Teilhard de Chardin können zur Erkennntnis helfen, wie Gott auch im Herzen solch tragischer Ereignisse wie dem Krieg gegenwärtig ist. Es ist Teilhards eigene spirituelle Erfahrung, die er in Worte zu fassen versucht hat.

Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955) hat den Ersten Weltkrieg als Krankenträger in einem Infanterieregiment erlebt. Er war an den symbolträchtigsten Orten im Einsatz, so in Verdun auf dem Höhenzug „Chemin des Dames“. Er verlor zwei seiner Brüder, mehrere Freunde und musste miterleben, wie viele seiner Kameraden um ihn herum ihr Leben ließen. Für ihn, der in einem geschützten Umfeld aufgewachsen war, war der Krieg gleichbedeutend mit einem wahren „Eintauchen in die Wirklichkeit“.

 

Die Kriegsjahre waren für ihn aber auch eine Zeit des intensiven literarischen Schaffens. Er nutzte die Ruhezeiten hinter den Kampflinien, um seine Gedanken über das, was er an der Front erlebt hatte, aufzuschreiben. Das nach seinem Tod veröffentlichte Werk „Frühe Schriften“ (1916-1919) (Ecrits du temps de la guerre)  enthält die wichtigsten Themen, die er später weiterentwickeln sollte.

 

Durch das Böse auf die Probe gestellt

 

Das erste herausstechende Thema ist das des Bösen. Wie ist eine solche Gewalt zwischen Ländern möglich, die sich auf ein christliches Erbe berufen? Zahlreiche Philosophen sehen darin das „Ende der Zivilisation“ (Franz Rosenzweig). Teilhard dagegen beschreibt die Leiden des Krieges nach seiner Rückkehr von Verdun in seinem Tagebuch als „Zeichen eines großen Werkes, das im Begriff ist, vollbracht zu werden“. Jenseits der offensichtlichen Absurdität erkennt er eine Möglichkeit der Erneuerung.

 

Einer seiner bedeutenden Texte ist „Heimweh nach der Front“ (La nostalgie du front), auf französisch in der Zeitschrift Etudes und auf deutsch unter dem Titel „Entwurf und Entfaltung“ veröffentlicht. Sein Brief ist keine Rechtfertigung des Krieges, sondern die Darstellung einer gelebten Erfahrung. „Heimweh nach der Front“ ist dialektisch aufgebaut. Auf der einen Seite steht das „Ich des Abenteuers und des Forschungsdrangs“, die Lust auf neue Erfahrungen, die mit dem Althergebrachten bricht. Auf der anderen Seite die Freiheit, die nur derjenige erreichen kann, der „nicht mehr für sich selber lebt“, der zugunsten einer Entität höherer Ordnung auf seine begrenzten Wünsche verzichtet. Der Verzicht auf den eigenen, ichbezogenen Willen ist die Voraussetzung für den Zugang zum wirklichen Leben, zu einem Leben, das den Tod überwunden hat.

 

An mehreren Stellen räumt Teilhard ein, mit der Verzweiflung gekämpft zu haben. Es gibt Momente, in denen er Todesangst hat. Dann aber richtet er seine Augen auf Christus am Kreuz und versteht, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Jenseits dieser scheinbar unüberwindlichen Hürde zeichnet sich die Verheißung der Auferstehung ab. Dies jedoch setzt voraus, dass der Mensch bereit ist „zu glauben“, sich selbst „vertrauensvoll aufzugeben“. „Je mehr wir den Halt in der ungewissen und dunklen Zukunft verlieren, desto mehr dringen wir in Gott ein.“

 

Ein gekreuzigter Gott

 

Der Gott, der für Teilhard mitten im Krieg gegenwärtig ist, ist Christus, der das Leiden von Gethsemane erlebt und den Kreuzestod gestorben ist. Auf dem Höhepunkt der Gewalt erscheint ihm Gott unendlich weit entfernt. So gibt es Zeiten, wie sein Tagebuch bezeugt, in denen er von tiefen Glaubenszweifeln heimgesucht wird. Alles, was bleibt, ist die innere Bewegung, die einen antreibt, sich auf einen anderen zu verlassen: „Was bleibt sonst zu tun, wenn jeder Anhaltspunkt fehlt, als sich bedingungslos an unserem Herrgott festzuhalten und zu beten, bis der Lauf der Dinge wieder hergestellt ist.“ Christus hat den Tod besiegt, weil er Verlassenheit erlebt hat. Er fand sich allein wieder, ohne die Unterstützung der Menschen, die ihn begleitet hatten, doch auf Gott allein gestützt.

 

Teilhard rechtfertigt den Krieg nicht mit religiösen Gründen, wie es einige seiner Mitbrüder unter den Jesuiten getan haben. Er erfindet keinen Gott des „Trostes“. Er findet sich damit ab, nicht zu verstehen, sich stattdessen auf denjenigen zu verlassen, der den Leidensweg bereits beschritten hat. „Allein die Gestalt des Gekreuzigten kann das mit einem derart entfesselten Kampf und Schmerz einhergehende Maß an Grauen, Schönheit, Hoffnung und tiefem Geheimnis aufnehmen, zum Ausdruck bringen oder lindern.“

 

Übertriebener Optimismus?

 

Mehr als die Generationen vor uns haben wir ein Gespür für die Absurdität von Konflikten entwickelt. Aus dem Streben nach Macht heraus haben sie in die Katastrophe geführt. Ist Teilhard nicht zu optimistisch, wenn er schreibt, dass ein „großes Werk“ im Begriff ist, vollbracht zu werden? Dass die Krise, die Europa damals durchlebte, Ausdruck eines „Geburtsschmerzes“ war? Dass eine neue Welt im Entstehen begriffen war?

 

So interpretierte er später die Geschichte der vom Existenzkampf und von dramatischen Ereignissen geprägten Evolution. Ist der Krieg nur eine weitere Episode in diesem großen Wettbewerb, in dem nur die „Stärksten“, mit anderen Worten die Sieger, eine Chance haben?

 

Teilhards Gedankengänge sind differenzierter. Sein Blick geht weiter, gestützt auf die Hoffnung auf die Auferstehung. Er verzweifelt nicht an der Menschheit und weigert sich, sich in eine „Hinterwelt“ zu flüchten. Aus dem Bösen kann Gott das Gute hervorbringen. Der Prozess der Verwandlung jedoch bleibt dem menschlichen Auge verborgen.

 

 

François Euvé sj

Chefredakteur der französischen Zeitschrift „Etudes“,

Mitglied des Rates der Stiftung Teilhard de Chardin.

 

 

Autor von „Pour une spiritualité du cosmos. Découvrir Teilhard de Chardin(Für eine Spiritualität des Kosmos. Teilhard de Chardin entdecken), Paris, Salvator, 2015

 

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

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