Mittwoch 14. November 2018
#218 - September 2018

Kontroverse um das Haus der europäischen Geschichte

Im Mai 2017 wurde im Park Leopold in Brüssel in unmittelbarer Nähe der EU-Institutionen das Haus der europäischen Geschichte eröffnet. Schon bald entwickelte sich eine heftige Kontroverse um seine konzeptionelle und inhaltliche Gestaltung.

Einem bekannten Diktum entsprechend wird die Geschichte von den Siegern geschrieben. Nachdem sich Europa über Jahrhunderte in mörderischen Kriegen bekämpft hat, ist es höchst schwierig wenn nicht unmöglich, eine „europäische Geschichte“ zu schreiben. Doch mit der Gründung der Europäischen Union hat Europa ein neues Kapitel von Weltgeschichte geschrieben. Ein Kontinent hat „Erbfeindschaften“ und Spaltungen überwunden und zur Einheit gefunden. Damit sind aber die leidvollen Kapitel der Geschichte nicht ausgelöscht. Hin und wieder flackern alte Gespenster wieder auf und Ereignisse der Vergangenheit werden missbräuchlich instrumentalisiert. Deshalb hat Jan Tombinski in der Maiausgabe von Europe-infos für eine Erinnerungskultur in Europa plädiert, damit die gemeinsame Zukunft nicht aufs Spiel gesetzt wird.

 

Mit dem Haus der europäischen Geschichte wurde ein Ort für eine solche Erinnerungskultur geschaffen. Es möchte „zu einem besseren Verständnis der gemeinsamen Vergangenheit und der verschiedenen Erfahrungen der Menschen in Europa beizutragen“. Dabei werden nicht Nationalgeschichten aneinandergereit, sondern die unterschiedlichen Erfahrungen der einzelnen Länder und Völker Europas zusammengebracht und einander gegenübergestellt. Die Dauerausstellung befasst sich mit gesamteuropäischen Phänomenen und ist auf das 19. und 20. Jahrhundert fokussiert. Wechselausstellungen thematisieren spezifische Aspekte der europäischen Geschichte. Besonders stark wirken auf den Besucher die Darstellungen der Verwüstungen durch die beiden Weltkriege. Eine Filmsequenz zeigt den Abwurf von Bomben aus Flugzeugen und wechselt die Perspektive dann auf die Zerstörungen in den Städten.

 

Proteste gegen das Geschichtsbild des Hauses

 

Doch schnell hat sich um das Museum eine Kontroverse entwickelt. Paweł Ukielski, stellvertretender Direktor des Museums des Warschauer Aufstands und Vorstandsmitglied der Plattform für das Gedächtnis und das Gewissen Europas, veröffentlichte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 6. November 2017 einen höchst kritischen Artikel über das Haus. Neben einer Reihe von sachlichen Fehlern bemängelte er vor allem, dass die christlichen Wurzeln Europas viel zu wenig berücksichtigt würden. Mit ähnlichen Argumenten hatte der polnische Kulturminister Piotr Glinski in einem Brief an den Präsidenten des Europäischen Parlaments Antonio Tajani schon im September gegen das Geschichtsbild des Hauses protestiert.

 

Auf Paweł Ukielski antwortete Paul Ingendaay, Europa-Korrepondent der Frankfurter Allgemeine Zeitung, und zeigte, dass sich ein Großteil dieser Angriffe durch einen aufmerksamen Besuch des Museums entkräften läßt und dass manche Vorwürfe falsch sind. Für Ingendaay steht im Subtext der Vorwürfe die Forderung der Darstellung einer genuin anderen europäischen Identität: „christlich, nationalstaatlich, antikommunistisch“. Dies scheint ihm aus polnischer Sicht verständlich doch nicht im Einklang mit der Intention des Hauses.

 

Im Gespräch mit der Museumsleiterin

 

Wie antwortet das Haus der europäischen Geschichte selbst auf die Vorwürfe? Seine Leiterin, die Deutsche Constanze Itzel, ist gerne zu einem Gespräch mit Europe-infos bereit. In ihrer kunstgeschichtlichen Dissertation beschäftigte sie sich mit der theologischen Bilddebatte im 15. Jahrhundert und von daher ist sie mit der christlichen Prägung der europäischen Kultur durchaus vertraut. Es habe keinerlei Absicht gegeben, das christliche Erbe Europas zu negieren. Sie unterstreicht die politische Unabhängigkeit des Hauses und verweist auf den Museumsführer, in dem unter dem europäischen Erbe das Christentum als grundlegender Bestandteil der „westlichen Zivilisation“ ausdrücklich erwähnt wird: „Auch heute noch beruhen die europäischen Werte, Traditionen und Kulturen auf diesem christlichen Erbe.“ Könnte dem dadurch Rechnung getragen werden, einen Kirchengeschichtler in den wissenschaftlichen Beirat des Museums zu berufen?

 

Constanze Itzel gibt bereitwillig zu, daß man manches auch anders hätte machen können. So komme die Darstellung des Holocaust an den Sinti und Roma im Zweiten Weltkrieg in der Dauerausstellung zu kurz. Die kommunistische Zeit in den Ländern Mittel- und Osteuropas nach dem Zweiten Weltkrieg hätte noch kritischer beleuchtet werden können. Ein Evaluierungsprozeß sei bereits im Gang. Itzel zeigt sich offen für eine Podiumsdiskussion, in der die unterschiedlichen Bewertungen des Hauses miteinander in ein Gespräch gebracht werden. Auch in der Auseinandersetzung um die europäischen Geschichte gibt es zum Dialog keine Alternative.

 

Martin Maier SJ

JESC

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