Dienstag 16. Oktober 2018
#219 - Oktober 2018

Kein echtes Kriegsende im Jahre 1918

Angesichts der unglaublichen Zahl von zehn Millionen Toten war eine Versöhnung zwischen den Völkern nur schwer möglich. Welche Rolle hat die katholische Kirche bei den Friedensbemühungen gespielt?

Am 11. November 1918 unterzeichneten die deutschen Bevollmächtigten in Rethondes mit den Vertretern Frankreichs und Großbritanniens einen Waffenstillstand. Dieses Abkommen, das die Kampfhandlungen an der Westfront beendete, war das letzte einer Reihe von Waffenstillständen, die bereits zuvor mit anderen Ländern geschlossen worden waren (mit Bulgarien in Saloniki am 29. September 2018, mit dem Osmanischen Reich in Mudros am 30. Oktober 2018 und mit Österreich-Ungarn in Villa Giusti am 3. November 2018).

 

Dies war aber nicht das eigentliche Ende des Ersten Weltkrieges. Die Waffenstillstände ebneten lediglich den Weg für die Aushandlung von Friedensverträgen, auf Grundlage derer der Krieg erst 1919/1920 offiziell als beendet galt. Darüber hinaus wurden die Kampfhandlungen in der Türkei, Russland und Polen fortgesetzt oder flammten dort teilweise bis Anfang der 1920er-Jahre wieder auf. Gewalttätige Auseinandersetzungen gab es auch auf dem Gebiet des zukünftigen Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen (dem späteren Jugoslawien), während es in mehreren Ländern wie Russland, Deutschland und Ungarn zu Aufständen kam.

 

Das Ende der Feindseligkeiten warf zahlreiche Fragen mit Blick auf einen künftigen Frieden und auf Versöhnung zwischen den ehemaligen Kontrahenten auf. Ziel der Sieger war es, die in Auflösung befindlichen, ehemaligen Mittelmächte zu vernichten, sie daran zu hindern, eines Tages erneut die Waffen gegen sie zu erheben und hohe Summen an Wiedergutmachungszahlungen durchzusetzen. Der totale Krieg, der je nach Land drei oder vier Jahre lang gewütet hatte, hatte seine Spuren in den Köpfen und Herzen der Menschen hinterlassen, die jeden Kompromiss ablehnten. Die von Papst Benedikt XV. in seinem Friedensappell vom 1. August 1917 dargelegten Bedingungen für einen gerechten Frieden schienen von Anfang an nicht akzeptabel zu sein. Als sich Deutschland Anfang Oktober 1918 an den damaligen US-Präsidenten Woodrow Wilson wandte, um sich nach den Bedingungen für einen möglichen Waffenstillstand zu erkundigen, „beschwor“ der Papst Letzteren, das Ersuchen „wohlwollend zu prüfen“. Jedoch fand der Aufruf des Papstes kaum Gehör. Im Übrigen war eine Teilnahme des Heiligen Stuhls an der Friedenskonferenz auf Druck Italiens bereits 1915 durch die Entente, die eine Diskussion über die Römische Frage vermeiden wollte, grundsätzlich ausgeschlossen worden.

 

Der in den Verträgen von Versailles – einem „Diktat“ für die Deutschen –, Saint-Germain-en-Laye (mit Österreich), Trianon (mit Ungarn) und Sèvres (mit der Türkei) ausgehandelte Frieden stellte die Kirche jedoch auch nicht zufrieden. So schreibt Papst Benedikt XV. in seiner Enzyklika Pacem Dei vom 23. Mai 1920: „[…] denn wenn auch […] fast überall […] Friedensverträge unterzeichnet wurden, so sind doch die Keime der alten Feindseligkeiten nicht ausgerottet. Auch seid ihr euch im Klaren darüber, […] dass es keinen lebensfähigen Friedensvertrag geben kann, solange nicht Hass und Feindschaft auf Grund einer Wiederversöhnung im Geiste der gegenseitigen Liebe zugleich zur Ruhe gekommen sind“. Für den Papst wurde also kein „gerechter, ehrenvoller und dauerhafter Frieden“ geschlossen, sondern es war lediglich ein „gewisser Friede“ zustande gekommen. Auch Papst Pius XI. prangerte in der ursprünglichen Fassung seiner später abgeänderten ersten Enzyklika einen „künstlichen, auf dem Papier geschlossenen Frieden“ an, der „den Geist der Vergeltung und der Rache […] verstärkt hat“. Der Heilige Stuhl war sehr besorgt über den Zusammenbruch des katholischen Österreichs, nahm aber rasch Beziehungen zu den neuen Staaten auf, die nach Kriegsende entstanden waren, vor allem mit Polen, in dem es eine katholische Mehrheit gab. Was den von Wilson als internationale Instanz zur Konfliktverhütung gegründeten Völkerbund angeht, so wurde er vom Heiligen Stuhl, der selber nicht daran teilnehmen konnte, weil er kein Staat war (der Vatikanstaat wurde erst 1929 gegründet), mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Er billigte dessen Ziele, kritisierte aber seine Ursprünge, die auf protestantische und freimaurerische Einflüsse zurückzuführen waren, und bedauerte, dass es sich um eine Initiative handelte, die lediglich von den Siegern des Krieges ausgegangen war.

 

Die Versöhnung zwischen den Völkern wurde durch das Ausmaß der Verluste (zehn Millionen Tote), des Leidens und der Zerstörung – auch religiöser Gebäude – erschwert. Sinnbild hierfür war die Kathedrale von Reims, die zwar beschädigt, aber nicht, wie damals von der Propaganda behauptet, bewusst zerstört worden war. Auf beiden Seiten hatten die Kriegshandlungen während des Konflikts breite Unterstützung durch die Katholiken in den jeweiligen Ländern erfahren. Erst Mitte der 1920er-Jahre begann ein wirklicher Friedensprozess, der auch die Köpfe und Herzen der Menschen erreichte. Pioniere dieses Friedensprozesses waren Katholiken wie Marc Sangnier, der 1926 in Bierville einen Friedenskongress für junge Franzosen und Deutsche organisierte. Der Weg zum Frieden jedoch blieb mühsam und steinig.

 

Ende 1918 war der Friedensaufbau an politische, humanitäre und spirituelle Erwartungen geknüpft, welche auch von der fragilen und prophetischen Stimme der Kirche mitgetragen wurden. Die heutigen Gedenkfeiern bringen noch immer die Intensität der Hoffnungen dieser Zeit zum Ausdruck.

 

Xavier Boniface

Professor für Zeitgeschichte

Université de Picardie Jules Verne (Amiens, Frankreich)

 

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

 

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