Samstag 21. Juli 2018
#217 - Juli-August 2018

Johann Sebastian Bach – ein europäischer Komponist

Musik ist ein besonderer Reichtum europäischer Kultur. In der Artikelreihe zum Europäischen Jahr des Kulturerbes befaßt sich der Musikwissenschaftler und Theologe Meinrad Walter mit Johann Sebastian Bach als europäischem Komponisten.

Gereist ist er eher selten. Weder Italien noch Frankreich hat er je gesehen. Und doch kennt der Leipziger Thomaskantor Johann Sebastian Bach die nationalen musikalischen Stile Europas bestens. Er hört sie in vielen Werken und geht ihnen auf den Grund. Vor allem stellt er sie einander gegenüber und schmilzt sie gleichsam in seinen eigenen Stil ein.

 

Wenig Reisen, aber viele internationale Kontakte

 

Bachs regionaler Radius war durchaus eng. Doch seine Neugier auf alles Klingende machte vor nichts Halt: weder vor konfessionellen Schranken noch vor nationalen Grenzen. Erste internationale Impulse empfängt er vermutlich von seinen Lehrern im Bereich der Tastenmusik. Von Mitteldeutschland kam er in jungen Jahren gen Norden immerhin bis Lübeck, und zwar zu Fuß, um dort eine Art mehrmonatiges privates Masterstudium beim berühmten Dieterich Buxtehude zu absolvieren. In jungen Jahren hat er sich auch in Hamburg beworben, allerdings vergeblich. Der mehrmonatige Aufenthalt im Frühsommer 1720 mit seinem Dienstherrn Fürst Leopold von Anhalt-Köthen im böhmischen Karlsbad endete traumatisch, weil Bach bei der Rückkehr erfahren musste, dass seine erste Frau Maria Barbara zwischenzeitlich verstorben war.

 

In südlicher Richtung ist Bach noch weniger gereist, etwa im Jahr 1732 mit Begleitung seiner zweiten Frau Anna Magdalena zur Abnahme der Orgel von St. Martin in Kassel. Als Ersatz für Reisekosten erhielt Bach damals 26 Reichstaler, eine ziemlich hohe Summe. Später berichten dann sogar überregionale Zeitungen von Bachs Besuch bei Friedrich dem Großen in Berlin und Potsdam.

 

Alles in allem: Reiselustig war dieser Komponist nicht. Sein Zeitgenosse Georg Friedrich Händel etwa kam viel weiter herum: In Italien führte er Sänger-Castings durch und in der Metropole London ließ er sich nieder. Bach und Händel wollten sich mehrmals treffen. Vielleicht gelang es auch deshalb nicht, weil Bach zu wenig Lust am Reisen hatte?

 

Europäische Traditionen und Innovationen

 

Und doch ist Bach an den typischen „musikalischen Landschaften“ Europas mit ihren Traditionen und Innovationen geradezu brennend interessiert. Als Weimarer Hoforganist schreibt Bach Orgelwerke aus Frankreich und Italien ab, um mit diesen Stilen vertraut zu werden. Auch das damals grassierende „Vivaldi-Fieber“ packt ihn. Sein herzoglicher Dienstherr bringt aus Amsterdam, einem erstrangigen Umschlagplatz für Noten, die neuesten Orchesterwerke des rothaarigen venezianischen Priesters mit, und Bach arrangiert solche Werke für Orgel. Später reist er von Leipzig aus mehrfach nach Dresden, um dort am katholischen Hof die traditionelle Vokalpolyphonie nach Palestrinas Vorbild zu studieren, die er für seine „große catholische Messe in h-Moll“ gut brauchen kann. Der internationalen Kontaktpflege diente in Bachs letzten Lebensjahren auch seine Mitgliedschaft in der „Correspondierenden Sozietät der musikalischen Wissenschaften“, der mit Meinrad Spiess auch ein schwäbischer Klostermusiker angehört hat.

 

Italienisches Concerto und Französische Ouvertüre

 

Wie sehr Bach die nationalen Stile nicht einfach kopiert, sondern sie sich durch eine Art „Einschmelzung“ in seinen Personalstil wirklich zu eigen macht, geht aus etlichen Werktiteln und Satzbezeichnungen hervor. Die Orgelfantasie in G-Dur (BWV 572) überschreibt er mit „Pièce d’Orgue“ und sie hat die französischen Satzbezeichnungen „Très vitement, gravement, lentement“. Der zweite Teil der „Clavier-Übung“ umfasst das berühmte „Concerto nach Italiänischem Gusto“ und die „Ouvertüre nach Französischer Art“. Bach zeigt hier, wie sehr er führende nationale Stile Europas nicht nur beherrscht, sondern sie zugleich einander kontrastierend gegenüberstellen kann.

 

Der musikalische Gegensatz beginnt schon mit den Tonarten, weil das F-Dur des Italienischen Konzerts in höchster harmonischer Spannung zum h-Moll der Französischen Ouvertüre steht. Das Concerto will die orchestralen Klangfarben auf die Tasten des Cembalos zaubern. Überdies kommt es galant daher, melodisch eingängig und harmonisch überschaubar. Die Ouvertüre geht als vielsätzige Suite einigen typisch französischen Inspirationen nach. Allerdings hält Bach hier den Schwierigkeitsgrad in Grenzen, weil es immer neben den „Kennern“ auch die „Liebhaber“ ansprechen will. Ihre „Gemüts-Ergötzung“ liegt ihm am Herzen, wie es bereits auf der Titelseite der beiden Werke steht.  

 

Musik war für Bach immer auch Sprache des Glaubens. In einem wachsend säkularisierten Europa bewahrt und vermittelt die geistliche Musik Bachs das christliche Erbe. Von daher gewinnt Albert Schweitzers Bezeichnung von Bach als „fünftem Evangelisten“ eine ganz neue Aktualität.

 

Meinrad Walter

Honorarprofessor an der Hochschule für Musik Freiburg

 

 

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