Montag 18. Dezember 2017
Juni Ausgabe #205

Gemeinsames Gedenken an die britische Abgeordnete Jo Cox

Im Juni jährt sich zum ersten Mal der Tag, an dem Jo Cox, die talentierte Labour-Abgeordnete und leidenschaftliche Kämpferin für soziale Gerechtigkeit, ermordet wurde. Mit zahlreichen Veranstaltungen möchte man nun das feiern, was die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen im Land verbindet.

Am 16. Juni wird das Vereinigte Königreich des Tages gedenken, an dem vor einem Jahr die Nachricht vom Mord an der Parlamentarierin Jo Cox das britische Volk erschütterte. Jo Cox wurde in Birstall, einer Kleinstadt in ihrem Wahlkreis in West Yorkshire, auf offener Straße angeschossen und niedergestochen. Bei ihrem Mörder handelt es sich um einen Einheimischen mit Kontakten zu rechtsextremen Organisationen.

 

In einem vor Kurzem im Guardian erschienenen Artikel schreibt Jos Ehemann Brendan Cox in bewegenden Worten über seine Erfahrungen seit dem Tod seiner Frau. Er berichtet insbesondere über eine Initiative, mit der Großzügigkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt – Werte, die Jos Leben prägten – gefördert werden sollen. Brendan erklärt, dass er im vergangenen Jahr seine Energie auf zwei Dinge konzentriert habe: „Zunächst – und das war das Allerwichtigste für mich – ging es darum, unseren Kindern möglichst viel Liebe und Geborgenheit zu schenken, so sehr der Verlust uns auch schmerzt. Ich kann ihnen ihre Mutter nicht zurückbringen, aber ich kann mein Bestes tun, um ihr Leben mit schönen und spannenden Erlebnissen zu bereichern. Das Zweite, was mich antreibt, ist die Bekämpfung des Hasses und Extremismus, der Jo getötet hat.“

 

Dies führte zur Gründung der Jo-Cox-Stiftung. Auf deren Homepage heißt es, die Zielsetzung der Stiftung bestehe darin, „die durch Jos Leben und ihren frühen Tod ausgelöste Energie und Entschlossenheit in ganz konkrete Bemühungen umzusetzen, um die Anliegen, für die sie eintrat, voranzubringen“. Die Stiftung richtet dabei ihr Augenmerk auf vier Themen: Einsamkeit, den Syrienkonflikt, die Stellung von Frauen im öffentlichen Leben sowie den Schutz von Zivilisten in bewaffneten Konflikten.

 

In ihrem Engagement im humanitären und karitativen Bereich sowie während ihrer Zeit als Abgeordnete im britischen Parlament setzte sich Jo unermüdlich für gesellschaftlich und wirtschaftlich Ausgegrenzte ein, vor allem für Flüchtlinge. Sie vertrat auch die Auffassung, dass die Präsenz ethnischer Minderheiten im Vereinigten Königreich eine seiner größten Stärken sei. In ihrer „Jungfernrede“ im House of Commons im Juni 2015 verwies Jo auf den multikulturellen Charakter ihres Wahlkreises und unterstrich „die positive Entwicklung, die dieser durch die Immigration erfahren“ habe. Sie war überzeugt, dass wir trotz aller Verschiedenheit „weit mehr gemeinsam haben als uns trennt“. Umso tragischer ist es daher, dass sich gegen eben diese Vision eines gesellschaftlichen Zusammenhalts, für dessen Verwirklichung sich Jo einsetzte, der Hass ihres Mörders richtete.

 

Die Jo-Cox-Stiftung hofft, den Teufelskreis der Polarisierung, der die Basis für Extremismus ist, zu durchbrechen. Mit einer Reihe von Partnern hat sie daher die Idee des Great Get Together ins Leben gerufen. Was sich dahinter verbirgt, erläutert Brendan im Guardian: „Um den Jahreswechsel herum wurde mir klar, dass wir den Jahrestag von Jos Tod am besten begehen, indem wir den Menschen ermöglichen, zusammenzukommen und gemeinsam all das Positive zu feiern, was unsere Nation zusammenhält und verbindet. Diese Idee hat wirklich eingeschlagen, und am Wochenende des 16. bis 18. Juni wird es überall im Land Tausende von Veranstaltungen unter dem Motto The Great Get Together geben.”

 

Es ist ein starkes Zeichen, dass The Great Get Together zufällig genau eine Woche nach den von Premierministerin Theresa May angesetzten vorgezogenen Parlamentswahlen stattfinden wird. Brendan erklärt, er sei „überzeugt, dass nach dem Wahltag ein Augenblick des kollektiven Zusammenkommens ganz besonders wichtig“ sei, und bekennt: „Aus verschiedenen Gründen ist dies keine Wahl, auf die ich mich freue. In diesem Land sind wir stolz auf unsere Tradition, eigene Meinungen kundzutun und Meinungsverschiedenheiten zu haben und dennoch andere Meinungen zu respektieren. Mich beunruhigt, dass Respekt für unsere Gegner zu einer beliebigen Eigenschaft geworden ist, die man allzu schnell über Bord werfen kann, wenn sich die Gemüter erhitzen. Aber Wahlen dürfen die Spaltung der Gesellschaft nicht noch vorantreiben, und ich hoffe innig, dass dies nicht geschehen wird.“

 

Mit Blick auf den Erfolg der extremen Rechten in den letzten Wahlen in Österreich und Frankreich schreibt Brendan: „Wir können dankbar dafür sein, dass hier in Großbritannien zumindest in diesen Wahlen die Extremisten keine vergleichbare Bedrohung darstellen. Aber wir müssen wachsam bleiben. Wir müssen den Extremismus ernster nehmen. Wir machen uns über den Ernst der Lage immer noch etwas vor. Ein kurzer Blick auf den politischen Aufstieg der extremen Rechten mit der Zunahme von aus Hass begangenen Verbrechen und politischer Gewalt genügt, um zu sehen, dass etwas sehr Grundlegendes in der Welt geschieht.“

 

Weiter bemerkt er: „Wir haben uns eingeredet, dass unsere Werte und die sie tragenden Institutionen in gewisser Weise sakrosankt sind, während sie tatsächlich nur so stark wie ihr Rückhalt in der Bevölkerung sind. Es wird immer klarer, dass jede Generation für ihren Schutz und ihre Bewahrung kämpfen muss. Liberal eingestellte Menschen betrachten allzu oft jeden, der nicht mit ihnen übereinstimmt, als dumm oder engstirnig, auch wenn die meisten weder das eine noch das andere sind. Viele Menschen machen sich verständlicherweise Sorgen, wenn sie an die Geschwindigkeit des gesellschaftlichen Wandels und die Auswirkungen der Immigration denken, aber diese Menschen sind trotzdem vernünftige und anständige Leute, die an gesellschaftlichen Zusammenhalt glauben. Wer diese Menschen als rassistisch oder dumm bezeichnet, treibt sie nur in die Hände von Extremisten.”

 

The Great Get Together ist ein Schritt auf dem Weg hin zur Überwindung der gesellschaftlichen Spaltung. Mitte Mai waren bereits 20.000 Veranstaltungen geplant – von Straßenfesten, die von Pfadfindergruppen organisiert werden, über eine von der Anglikanischen Kirche in Birmingham initiierten Aktion, bei der eine Taube gebaut und verziert werden soll, bis hin zu zahlreichen Tanzveranstaltungen, die überall im Land in Dorfsälen abgehalten werden. Die Organisatoren des Great Get Together laden Partner aus allen Bereichen der Gesellschaft zum Mitmachen ein. Dabei würdigen sie das Engagement von Glaubensgemeinschaften, die „bereits viel tun, um Gemeinschaft zu stiften und Brücken zu bauen zwischen Menschen, die verschieden in Bezug auf Alter, ethnische Herkunft, wirtschaftlichen Status und Chancen sind“, und fügen hinzu: „Wir hoffen, dass Sie mit uns zusammen The Great Get Together zu einem großen Erfolg und zu einer Feier der Gemeinsamkeiten werden lassen.“

 

Brendan schließt mit den Worten: „Jo feierte gerne, und ich hoffe, dass wir überall im Land einen Moment der Freude erleben werden. Doch bei aller Fröhlichkeit schwingt für ihre Familie und ihre Freunde an einem solchen Tag natürlich auch Trauer mit. Aber wenn es uns gelänge, die Menschen in unserem Land ein wenig mehr zusammenzubringen, so wäre Jo ganz bestimmt stolz auf uns.“

Henry Longbottom, SJ

JESC

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

 

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