Dienstag 11. Dezember 2018
#220 - November 2018

Gemeinsame Erinnerungskultur

Am 11. November jährt sich zum hundertsten Mal der Tag, an dem der Waffenstillstand von Compiègne unterzeichnet wurde.

Damit wurde das Ende des Ersten Weltkriegs eingeläutet. In der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ fanden fast 10 Millionen Soldaten einen grausamen Tod, weitere 20 Millionen wurden verwundet und blieben fürs Leben an Körper oder Seele gezeichnet. Die Zahl der Todesopfer unter den Zivilisten betrug 6 Millionen. Ganze Landstriche wurden verwüstet – von Granaten zerklüftet, durch Giftgas verseucht. Namen wie Verdun, Ypern, Tannenberg oder die Somme stehen für ein bis dahin beispielloses Massensterben.

 

Lange wurde das Ende des Ersten Weltkriegs in einem ausschließlich nationalen Gedenken gefeiert. In Frankreich und Belgien ist der 11. November immer noch ein nationaler Feiertag, in Großbritannien finden jährlich am zweiten Novembersonntag Gedenkfeiern statt. In Deutschland spielte die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg eine untergeordnete Rolle; am Volkstrauertag, dem zweiten Sonntag vor dem ersten Advent, wird der Toten beider Weltkriege gedacht. Doch die gemeinsame Erinnerung an die Opfer des Ersten Weltkriegs und an seine Ursachen und Auswirkungen ist ein wesentlicher Bestandteil des europäischen Integrationsprozesses. Gerade angesichts des Wiederauflebens von nationalistischem Denken in Europa ist eine gemeinsame Erinnerungskultur um so dringlicher.

 

 

Ein Beispiel für ein solches gemeinsames Gedenken ist das deutsch-französische Museum am Hartmannsweilerkopf, das im November 2017 von den Präsidenten beider Länder, Emmanuel Macron und Frank-Walter Steinmeier eröffnet wurde. Der Ort, wo sich Deutsche und Franzosen vor 100 Jahren noch aufs Blut bekämpften, ist zu einem gemeinsamen Erinnerungsort und zu einem Zeichen der deutsch-französischen Versöhnung geworden.

Das Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs gibt auch Anlaß für eine kritische Rückbesinnung auf die Rolle der Kirchen. Der Schweizer evangelisch-reformierte Theologe Karl Barth konstatierte nach dessen Ausbruch im Jahr 1914, dass „Vaterlandsliebe, Kriegslust und christlicher Glaube“ in ein hoffnungsloses Durcheinander geraten seien. In den Kirchen jedes beteiligten Landes siegte der Nationalismus über den Glauben.

 

So setzten die Bischöfe der COMECE am 24. Oktober 2018 ein wichtiges Zeichen mit einer gemeinsamen Fahrt zu Gedenkstätten des Ersten Weltkriegs in Flandern. Gedenken und Gebet prägten diesen Tag gemeinsamer Erinnerungskultur. Hauptzelebrant der Eucharistiefeier in der Sankt Martins-Kathedrale in Ypern war Bischof Lode Aerts von Brügge. Auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Langemark leitete der deutsche Bischof Franz-Josef Overbeck ein gemeinsames Gebet, auf dem Tyne Cot War Cemetary der britische Bischof Nicolas Hudson. Besonders bewegend war zum Abschluß des Tages die Teilnahme der Bischöfe an dem täglich abgehaltenen Gedenken am Menin Gate Memorial in Ypern, das an über 50 000 britische und Commonwealth-Soldaten erinnert, die kein bekanntes Grab haben. Zunächst galt die seit 1927 abgehaltene Zeremonie den gefallenen Soldaten des Commonwealth und Belgiens. Heute erinnert sie an alle Gefallenen in Flandern, auch der ehemaligen Gegner.

 

Die Blickrichtung des Gedenkens darf nicht nur in die Vergangenheit gerichtet sein. 1913 haben in Europa wenige für möglich gehalten, was sich auf dem Kontinent von 1914 bis 1918 abgespielt hat. Wie kann verhindert werden, daß sich etwas Vergleichbares wiederholt? Die Europäische Union ist eine Antwort auf die Massentötung und die Vernichtung des Ersten Weltkriegs. Doch jede Generation muß neu lernen, die Idee der Nation von der Ideologie des Nationalismus zu unterscheiden. Nur eine gemeinsame Erinnerung an die blutige Vergangenheit wird eine gemeinsame Zukunft von Versöhnung und Frieden sichern.

 

Martin Maier SJ

JESC

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