Donnerstag 20. September 2018
#218 - September 2018

Für einen neuen demografischen Frühling

„Der demografische Winter ist ein lautloser Notstand, der alle Länder Europas betrifft.“ So beginnt der Beschluss über den demografischen Frühling, den der Vorstand der Vereinigung Katholischer Familien in Europa (FAFCE) am 12. April 2018 in Wien verabschiedet hat.

Seit mehreren Jahrzehnten ist Europa der am stärksten vom demografischen Wandel betroffene Kontinent. Wie Eurostat kürzlich mitteilte, „wurden in der EU mehr Sterbefälle als Geburten registriert (…), was bedeutet, dass die natürliche Veränderung der EU-Bevölkerung negativ war.“ Dieses Defizit wurde allein durch den Migrationssaldo aufgefangen.

 

Die Geburtenzahlen und -statistiken sprechen für sich. Die Daten belegen, dass seit Jahrzehnten deutlich weniger Kinder geboren werden. Basierend auf diesen Erkenntnissen hat die FAFCE die Problematik aufgegriffen, ohne sich dabei auf eine Grundsatzposition zu beschränken.

 

Für eine familienfreundliche Sozialordnung

 

Die Europäische Kommission analysiert „die voraussichtlichen Auswirkungen der Bevölkerungsalterung auf die öffentlichen Ausgaben“. Die finanziellen Probleme müssen angegangen werden. Was aber drückt eine Gesellschaft aus, die sich in ihren nachfolgenden Generationen nicht mehr erneuert?

 

2017 wurde die Europäische Säule sozialer Rechte verabschiedet, ein Text von hohem Symbolwert. Im Rahmen der von der Europäischen Kommission eingeleiteten öffentlichen Konsultation hob die FAFCE die Herausforderungen in Bezug auf die Work-Life-Balance, eine alternde Bevölkerung und Arbeitslosigkeit hervor. In der Säule heißt es: „Eltern und Menschen mit Betreuungs- oder Pflegepflichten haben das Recht auf angemessene Freistellungs- und flexible Arbeitszeitregelungen sowie Zugang zu Betreuungs- und Pflegediensten...“.

 

Damit werden der Familie als solche Rechte zugestanden, die im Zusammenhang mit ihrer Verantwortung stehen. In der Charta der Familienrechte wird bekräftigt: „Familien haben ein Recht auf eine soziale und wirtschaftliche Ordnung, in der die Gestaltung der Arbeitsverhältnisse es den Familienmitgliedern gestattet zusammenzuleben und nicht die Einheit, das Wohlergehen, die Gesundheit und den Zusammenhalt der Familie behindert...“.

 

Die Rolle der Europäischen Union

 

In der EU fällt die Familienpolitik in die Zuständigkeit der einzelnen Mitgliedstaaten. Die Tatsache, dass die FAFCE-Mitglieder auf nationaler Ebene arbeiten, verleiht ihnen die Legitimität, die europäischen Familien zu vertreten.

 

Doch auch die EU könnte sich proaktiv für eine familienfreundliche Kultur und damit für einen demografischen Frühling einsetzen. Zum Beispiel mit dem Legislativvorschlag zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben: Der Schwerpunkt sollte stärker auf dem Wohl des Kindes und der Schwächsten in unseren Gesellschaften als auf der Karriere liegen. Es bleibt zu hoffen, dass die Verhandlungen zwischen den Institutionen, die im Herbst dieses Jahres beginnen sollen, in diese Richtung gehen.

 

Die FAFCE will eine Gesellschaft, die den Menschen und seine Familie in den Mittelpunkt stellt, unter Berücksichtigung der neuen Arbeitsformen, die durch die Entwicklung der digitalen Wirtschaft entstanden sind. In diesen Kontext schreibt sich auch die Arbeit der European Sunday Alliance ein.

 

Grundsätzlich kann jede politische Entscheidung auf europäischer Ebene Auswirkungen auf die Demografie haben. Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss hat in seiner Stellungnahme Familienpolitik und demografischer Wandel erklärt: „Angesichts der gegenwärtigen demografischen Situation in der Europäischen Union ist es äußerst wichtig, die Auswirkungen der bisherigen Politiken auf die Geburtenrate zu erfassen“. Eine wichtige Aufgabe, der sich die nächste Europäische Kommission annehmen sollte, wenn sie für die Zukunft unseres Kontinents handeln will, besteht somit darin, die Auswirkungen jedes neuen Legislativvorschlags auf die Familie zu bewerten („Family Mainstreaming“).

 

Darüber hinaus sind die europäischen Institutionen ein idealer Rahmen für den Austausch bewährter Verfahren: Wohnungspolitik, Zugang zu Krediten, Rentensysteme, um nur einige Bereiche einer nachhaltigen Familienpolitik zu nennen, die eine langfristige Antwort auf die demografischen Herausforderungen bieten.

 

Im Rahmen dieser Debatte dürfen wir aber auch nicht die Rolle der von Papst Franziskus angeprangerten „individualistischen Kultur“ außer Acht lassen, die einen immensen Einfluss auf persönliche Lebensentscheidungen und soziale Verhaltensweisen hat und einer Logik folgt, die dazu führt, dass sich „der Mensch wie Narziss in der griechischen Mythologie in sich selbst einschließt“.

 

Es ist dringend geboten, den einzigartigen, grundlegenden und unersetzlichen Platz der Familie in der Gesellschaft als Fundament für eine echte Entwicklung der Völker zu bekräftigen. Denn am Ende steht „die Offenheit für das Leben im Zentrum der wahren Entwicklung“ (Caritas in Veritate, 28).

 

Angesichts der bevorstehenden Europawahlen sollten wir auf die enormen demografischen Herausforderungen reagieren und Europa zum Leben aufrufen: „Wenn wir fähig sind, den Individualismus zu überwinden, kann sich wirklich ein alternativer Lebensstil entwickeln, und eine bedeutende Veränderung in der Gesellschaft wird möglich“ (Laudato Si’, 208).

 

Antoine Renard

Präsident der FAFCE

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

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