Donnerstag 17. August 2017

Flüchtlinge in Griechenland: Wege der Hoffnung inmitten des Elends

14 Monate ist es her, dass der Massenzustrom von Flüchtlingen nach Griechenland und Europa durch das Inkrafttreten des EU-Türkei-Vertrags gestoppt wurde. Ein beeindruckendes Ergebnis, das zeigt, welchen Einfluss die Politik auf die logistische Organisation bzw. die Regulierung der Massenflucht Tausender Flüchtlinge ausübt.

Wie sieht die Lage in Griechenland heute aus?

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kommen jede Woche zwischen 300 und 350 Flüchtlinge aus der Türkei über einen der fünf „Hotspots“ auf den griechischen Inseln (Lesbos, Leros, Chios, Kos, Samos) nach Griechenland. Seit Januar 2017 waren es rund 5400 und damit 98 % weniger als im gleichen Zeitraum vor einem Jahr.

 

Die „Blutung“ scheint gestoppt, das Medikament wirkt und die Flüchtlingskrise in Griechenland ist aus den Schlagzeilen und den Köpfen der Menschen verschwunden.

Großes Schweigen herrscht über das Elend der 50.000 Flüchtlinge, die ausharren müssen in aus EU-Mitteln über das UNHCR oder größere NGOs finanzierten Flüchtlingscamps, in Wohnungen und Hotels oder aber in unbewohnten Häuser, öffentlichen Parkanlagen oder an anderen prekären Orten. In der Großstadt Athen leben sie von der Solidarität, der Großzügigkeit einiger Aktivisten und Ehrenamtlichen, meistens als unfreiwillige Geiseln einer Situation, die sie sich nicht ausgesucht haben.

 

Neuankömmlinge werden auf den Inseln in Internierungslagern festgehalten, fernab der Touristen, um der Wirtschaft des Landes ja nicht zu schaden. Die Lebensbedingungen dort sind äußerst prekär, Rechtsbeistand und medizinische Versorgung minimal, und das nicht nur um Neuankömmlinge abzuschrecken, sondern auch, um die anwesenden Flüchtlinge davon abzuhalten, einen Asylantrag zu stellen, und sie dazu zu bewegen, in ihre Heimatländer zurückzukehren.

Einige wenige Flüchtlinge werden auch, wie zwischen der EU und der Türkei vereinbart, in die Türkei zurückgeschickt.

 

Die Ende 2016 beschleunigten Familienzusammenführungen gestalten sich heute langsamer und schwieriger. So hat beispielsweise Deutschland angekündigt, im Vergleich zu den bisher 600 künftig nicht mehr als 70 Familienzusammenführungen pro Monat zuzulassen.

 

Die Möglichkeit der Umsiedlung in andere EU-Länder steht nur wenigen Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak, Eritrea, dem Jemen, dem Iran, Palästina und Burundi offen, und sie wird durch ein schwerfälliges, mitunter aufgrund besonderer Umstände wie der Notstandssituation oder der Präsidentschaftswahlen in Frankreich noch weiter verlangsamtes Verfahren zusätzlich erschwert. So war im vergangenen Monat keine einzige Umsiedlung nach Frankreich möglich.

 

Andere Länder wie Portugal, das Flüchtlinge eigentlich mit offenen Armen aufnimmt, haben Probleme bei der Ankunft der Flüchtlinge in den Aufnahmeeinrichtungen. Nach Monaten des Wartens in Griechenland resignieren viele Flüchtlinge und versuchen, auf eigene Faust nach Deutschland zu gelangen, selbst auf die Gefahr hin, alles zu verlieren und nach Griechenland zurückgeschickt zu werden.

 

Die allermeisten Flüchtlinge jedoch, insbesondere Afghanen, Kurden und Menschen aus diversen afrikanischen Staaten, haben keine andere Wahl als sich damit abzufinden, dass sie in Griechenland bleiben und ihre Träume begraben müssen.

 

Nach einer lebensgefährlichen Flucht und der anfänglichen Euphorie bei ihrer Ankunft in Europa werden sie mit der Wirklichkeit eines krisengeschüttelten Landes konfrontiert, in dem 60% der Jugendlichen arbeitslos sind. Ein Land, für das die dankbaren Flüchtlinge vor dem Hintergrund der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme trotz ihrer eigenen Misere letztendlich eine Mischung aus Dankbarkeit und Mitleid empfinden und zum Ausdruck bringen. Sie leben in einem Wechselbad, in dem sie permanent zwischen Phasen des geduldigen Hoffens und des zermürbenden Bangens schwanken.

 

Das Leben der Flüchtlinge scheint in diesem Elend, in dem sich nichts tut, stillzustehen. Depressionen, schwere psychische Störungen häufen sich, es kommt zu Selbstverletzungen und Selbstmordversuchen.

 

Was die Flüchtlinge am Leben hält, ihre Herzen gleichsam weiter schlagen lässt, sind ihre Smartphones, die WLAN-Verbindungen in die Heimat mit schönen Bildern, aber auch grausamen Aufnahmen von Krieg, Konflikten oder Massakern. Die oftmals belastenden Beziehungen zu ihren Lieben, zu ihren Familien und Freunden, die sie zurücklassen mussten, erschweren den Blick nach vorne.

 

Wir brauchen neue Wege

Die unverarbeitete Trauer, die Traumata, die es zu überwinden bzw. zu behandeln gilt, gehen für die Flüchtlinge und diejenigen, die nachfolgen, mit einem Leben einher, das von Schreien, Schweigen und riesigen Fragezeichen geprägt ist. Warum beispielsweise muss man so sehr darum kämpfen, ein muslimisches Kind auf griechischem Boden begraben zu dürfen?

 

Warum gibt es so viele Hindernisse zu überwinden, um für viel Geld (über 3000 Euro) den einzigen muslimischen Friedhof in etwa 800 km Entfernung von Athen zu erreichen? Welche Ängste, welche Gleichgültigkeit, welcher Mangel an Erfahrung im Umgang mit Fremden offenbaren diese Hindernisse? Sind die Friedhöfe wie unsere Erinnerungen nicht auch Grenzen, die wir öffnen müssen? Zeiten und Orte, an denen wir unsere Waffen endlich niederlegen können, unsere Seelen zur Ruhe kommen.

 

In einer Zeit, die geprägt ist von Gewalt und großem Misstrauen gegenüber Muslimen und dem Islam, sollten wir unsere Vorbehalte kritisch hinterfragen. Jedes Land in Europa sollte jeder Glaubensgemeinschaft Räume der Begegnung zur Verfügung stellen, an denen sie ihre gemeinsame Menschlichkeit zum Ausdruck bringen kann.

 

Um diese schwere Gegenwart zu meistern und gleichzeitig eine bessere Zukunft in Europa zu gestalten, bedarf es stärkerer Rückendeckung für die humanitären Akteure und die Zivilgesellschaft in Europa. Ansonsten laufen wir Gefahr, dass sich die Hilfsbereitschaft abnutzt und sich Gleichgültigkeit und Zynismus breit machen.

 

Die Ethik und die praktische Umsetzung einer respektvollen Gastfreundschaft (auf Griechisch Philoxenia) im Dienste der Gerechtigkeit und des Friedens erfordern einen langen Atem. Die Erfahrung zeigt, dass diese Arbeit in den einzelnen Ländern umso erfolgreicher ist, wenn sie von den Akteuren vor Ort im europäischen Schulterschluss – von Brüssel bis Athen – geplant und durchgeführt wird.

Cécile Deleplanque und Maurice Joyeux sj

Für JRS Ellada

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

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