Friday 15. November 2019

Pitfalls for Sustainability

In den vergangenen Monaten hat die Europäische Kommission – genauer: der kommissionsinterne Think-tank «European Political Strategy Centre» zwei interessante Reflexionspapiere zum Thema «Nachhaltigkeit» veröffentlicht. Anlässlich des «2. Laudato Si’ Reflection Day» hat Saïd El Khadraoui, Mitarbeiter des EPSC und Ko-Autor beider Studien, diese Papiere vorgestellt.

Auf dem Weg zu einem Nachhaltigen Europa bis 2030

Das Reflexionspapier «Auf dem Weg zu einem nachhaltigen Europa bis 2030» ist die fünfte Detailstudie zu dem bereits im Jahr 2017 erschienenen Weissbuch über die Zukunft Europas. Anhand der im Jahr 2015 verabschiedeten Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der Vereinten Nationen wird die Frage gestellt: Wo steht Europa im Jahr 2019 mit Blick auf die Nachhaltigkeit? Das präsentierte Ergebnis ist zwiespältig. So schneiden die EU-27 zwar recht gut ab bei den Zielen «Armutsbekämpfung» und «Gesundheit und Wohlergehen der Bevölkerung» (SDG 1 und SDG 2, höchste bzw. zweithöchste Punktezahl), sind aber beschämendes globales Schlusslicht bei den Zielen «Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster» bzw. «Ozeane und Meere nachhaltig nutzen und schützen» (SDG 12 und SDG 14). Die Schlussfolgerung hier lautet: es gibt zwar erste Erfolge bei der Umsetzung, aber es bleibt noch viel zu tun.

 

Die wichtigsten Herausforderungen für die EU sind der Übergang von einer Linear- zu einer Kreislaufwirtschaft, eine nachhaltige Lebensmittelkette von der Produktion bis zum Konsumenten, die Umstellung auf nachhaltige und zukunftssichere Energie und Mobilität sowie die sozialverträgliche Gestaltung der Wende unter Einbezug von Faktoren wie Gesundheit, Inklusion und die Entwicklung der «Peripherie», der ländlichen Räume.

 

Das Reflexionspapier beschränkt sich auf allgemeine politische Empfehlungen, ohne selbst eine konkrete Empfehlung abzugeben oder Reihung der Optionen zu treffen. So steht die Option eines koordinierten Vorgehens der Mitgliedsstaaten und die Überwachung der Durchführung dieser auch zeitlich definierter Massnahmen neben den Möglichkeiten für die Mitgliedstaaten, die kollektiven Verpflichtungen der EU zur Erreichung der SDGs zu erfüllen bzw. einer Fokussierung der EU darauf, anderen Staaten beim Aufholen und Erreichen der SDGs-Ziele zu unterstützen. Dieses Vorgehen wird mit dem Hinweis begründet, nur einen Anstoß für die Debatte geben zu wollen, wie denn die SDGs am besten bis 2030 erreicht werden könnten.

 

Europas Nachhaltigkeits-Puzzle.

Interessanter ist in dieser Hinsicht ist eine zweite kurze Studie des EPSC, die im April 2019 unter dem Titel «Europe’s Sustainability Puzzle. Broadening the debate» erschien. Dieses Papier ist wesentlich deutlicher  in seinem Ansatz: «Business as usual» ist nicht mehr möglich, es müssen konkrete Entscheidungen getroffen und, im letzten, ein Systemwechsel eingeleitet werden. Europa steht vor mit der Nachhaltigkeit verbundenen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen, die in den bisherigen öffentlichen Debatten immer unter den Teppich gekehrt wurden.

 

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass das Papier ein Wirtschaftsmodell präsentiert, das das bisherige implizit von den europäischen Institutionen vertretene  Wirtschaftsmodell in Frage stellt: « (EU) policies remained overly constraint within silos, or rooted in traditional economic premises based on linear development approaches and a prevalence of short-term concerns - thereby falling short to address the root causes of these problems». Im Gegensatz dazu steht das zirkuläre Modell der Donut-Wirtschaftder englischen Wirtschaftswissenschaftlerin Kate Raworth, das den Zusammenhang von ökologischen und sozialen Faktoren berücksichtigt und für den Raum sinnvollen und gerechten wirtschaftlichen Handelns eine soziale Untergrenze sowie eine ökologische Obergrenze definiert. Nachhaltigkeit ist mehr als «Umweltschutz» und politisches Handeln unter dem Vorzeichen der Nachhaltigkeit muss den unterschiedlichen, miteinander verbundenen und aufeinander einwirkenden Dimensionen gerecht zu werden versuchen.

 

 

Genau darin liegt aber das Scheitern des bisherigen Vorgehens: in der Missachtung der Tatsache, dass letztlich «alles mit allem verbunden ist» (so Papst Franziskus in «Laudato Si’»). Hinzu kommt eine zweite Schwierigkeit, die das Papier konkret benennt: Europa hat eine hochentwickelte Wirtschaft, in der sich die Bürger an das hohe Niveau des Lebensstandards und des Sozialschutzes gewöhnt haben. Wie kann in diesem Kontext die Notwendigkeit eines eingreifenden systemischen Wandels verständlich gemacht und letztlich auch politisch durchgesetzt werden?

 

Sieben konkrete Risiken

Das Papier benennt sieben Risiken, die, wie bereits erwähnt, bei der öffentlichen Debatte über den Weg in eine nachhaltige Zukunft der Europäischen Union immer wieder ausgeblendet werden. Konkret handelt es sich dabei um die Fragen:

 

  • Wie ist wirtschaftliches Wachstum möglich angesichts der Grenzen, die unserem Planeten gesetzt sind? Interessant ist in diesem Zusammenhang die Graphik des «Global Footprint Network»: es zeigt, dass es bisher kein einziges Land schafft, hohe menschliche Entwicklung mit den Grenzen zu verbinden, die unserem Planeten gesetzt sind.
  • Wie kann der ökologische Wandel sozial gestaltet werden, ohne einen der beiden Faktoren zu vernachlässigen?
  • Wie kann der Sozialvertrag neu formuliert und gestaltet werden angesichts der Umwälzungen der Arbeitswelt durch neue Technologien?
  • Wie muss eine nachhaltige Fiskalpolitik mit gesicherten Einnahmequellen angesichts des demographischen Wandels und der alternden Gesellschaft in Europa aussehen?
  • Wie kann verhindert werden, dass Europa seine Nachhaltigkeitsziele auf Kosten anderer Länder und Kontinente zu erreichen versucht, in die es nicht-nachhaltige Produktionsweisen auslagert?
  • Wie kann der «Elefant im Raum», das nicht-nachhaltige individuelle Konsumverhalten, zur Sprache gebracht und verändert werden? Das gilt sowohl für Lebensmittel als auch für Wohnen, für Mobilität, für Energieverbrauch, für Freizeitverhalten und für vieles anderes mehr
  • Wie kann sichergestellt werden, dass Innovation sich vor allem an Nachhaltigkeit und am Gemeinwohl orientiert?

Die Schlussfolgerung aus all diesen Fragen führt zu der Feststellung: «Time for Systemic Change», d.h. es schlägt die Stunde für ein Umdenken auf allen Ebenen. Das klingt nicht ganz ungewohnt in katholischen Ohren: es ist die gleiche Schlussfolgerung, die Papst Franziskus in seiner Enzyklika «Laudato Si’» zieht, wenn er zu einer «ökologischen Bekehrung» einlädt, die einen grundsätzlichen Wandel ermöglichen und schließlich zur Erhaltung unseres Planeten Erde beitragen soll.

 

Michael Kuhn,

COMECE

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