Friday 15. November 2019

Für eine ethisch vertretbare künstliche Intelligenz

Erny Gillen, Leiter der Beratungsfirma „Moral Factory“ in Luxemburg, befaßt sich mit den Ethik-Leitlinien für künstliche Intelligenz einer Expertengrupppe und einer diesbezüglichen Mitteilung der EU-Kommission.

Seit dem 8. April 2019 liegen die überarbeiteten Ethik-Leitlinien für eine sogenannte „vertrauenswürdige“ künstliche Intelligenz vor. Verantwortlich zeichnet eine der Industrie nahestehende hochrangige Expertengruppe für künstliche Intelligenz. Eingesetzt wurde sie von der EU-Kommission. Am gleichen Tag hat die EU-Kommission ihre Mitteilung (COM (2019)168) veröffentlicht. Darin leitet sie das 38 Seiten starke Dokument der Experten nicht etwa an das Europäische Parlament, den Rat, den europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen weiter, sondern ruft auf elf Seiten ihre eigene Strategie, ihre Ziele und Pläne in Erinnerung. Auf lediglich drei Seiten integriert sie die sieben Kernanforderungen aus den Ethik-Leitlinien, indem sie diese situiert und korrigiert.

 

Mittel im Dienst des Menschen

Ziel der Kommission ist es, „Vertrauen in eine auf den Menschen ausgerichtete künstliche Intelligenz (zu) schaffen”. Dafür setzt sie auf ethische Maßstäbe, Kontrolle und politische Entscheidungen - und nicht auf die Vermarktung einer vertrauenswürdig eingekleideten künstlichen Intelligenz für überforderte und unmündig gemachte Bürger.

 

Den Werten der Europäischen Union verpflichtet, nimmt die Kommission das Heft in die Hand und setzt Akzente für eine „ethisch vertretbare künstliche Intelligenz”: „Künstliche Intelligenz ist kein Selbstzweck, sondern ein Instrument, das den Menschen dienen muss und letztlich das Wohlergehen der Menschen steigern soll.” Dem gegenüber überschätzt die Expertengruppe das neue Instrument wiederholt euphorisch und beschwichtigt, wenn es um mögliche Risiken geht. Noch im Dezember 2018 hatte die Expertengruppe angemahnt, dass ihre Ethik-Leitlinien die Entwicklung der künstlichen Intelligenz in Europa ja nicht ersticken dürften.

 

DieBeamten der EU-Kommissionkorrigieren die Expertenvorschläge subtil, aberin der Sache entscheidend. So schaffen sie ein offenes Gleichgewicht, bei dem das Potential der künstlichen Intelligenz, „unsere Welt zum Besseren zu verändern”, kritisch und realistisch als eineMöglichkeit gesehen wird. Die damit einhergehenden Herausforderungen werden genauso ernst genommen.

 

Korrigierte Perspektive der ethischen Leitlinien

Die zweite große Korrektur durch die Behörde betrifft die Perspektive der ethischen Leitlinien. Während die 52-köpfige Expertengruppe vornehmlich die wirtschaftliche Entwicklung, den internationalen Wettbewerb und vor allem die künstliche Intelligenz selber vor Augen hat, richtet die Kommission ihre Anstrengung an den Bürgern aus und macht deutlich, dass etwaiges Vertrauen in die künstliche Intelligenz erst einmal verdient werden muss.

 

Entsprechend kürzt sie die Erläuterungen zu den sieben Kernanforderungen der Experten und formuliert sie im Sinn der von ihr eingeschlagenen Perspektive um. Eine genauere Lektüre und Analyse der Unterschiede lohnt sich, weil die Titel der Kernanforderungen in beiden Dokumenten gleich lauten: 1. Vorrang menschlichen Handelns und menschlicher Aufsicht; 2. Technische Robustheit und Sicherheit; 3. Privatsphäre und Datenqualitätsmanagement; 4. Transparenz; 5. Vielfalt, Nichtdiskriminierung und Fairness; 6. Gesellschaftliches und ökologisches Wohlergehen sowie 7. Rechenschaftspflicht.

 

Der Unterschied zwischen Ethik und Expertise

Daß dieses lose Gefüge offener Sätze von sich aus noch nicht zu einer ethisch vertretbaren künstlichen Intelligenz führt, wird im Dokument der Experten-Gruppe überdeutlich. Sie konnte sich auf keine roten Linien einigen, die ihren inhaltlich ethischen Standpunkt klarstellen würde: Weder beim Citizen-Scoring, noch bei verdeckt operierenden Systemen künstlicher Intelligenz erzielt sie Eindeutigkeit! Nicht einmal bei den autonom tötenden Waffensystemen konnte sie sich in ihren „E-Leitlinien” zu einer eigenen Position durchringen. Ethik und Expertise in künstlicher Intelligenz sind eben zwei paar Schuhe.

 

Vorläufig wird die begonnene Arbeit der Experten in die nächste Schlaufe geleitet. Diese sind nun beauftragt, ihre Vorschläge einer breiten Überprüfung zu unterziehen. Wenn die 52 hochrangigen Damen und Herren diese Hausaufgabe Anfang 2020 erledigt haben, „wird die Kommission das Ergebnis bewerten (!) und nächste Schritte vorschlagen“ (vgl. www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/kuenstliche-intelligenz-kommission-korrigiert-ethikleitlinien-16153875.html?premium)

 

Es bleibt zu wünschen, daß bis dahin die Politik und die EU-Kommission das von der Wirtschaft und ihren Experten eingeforderte Vertrauen in die von ihr gutgeheissenen künstlich intelligenten Systeme durch Rechte für die Bürger und ethisch ausgerichtete Prozesse ersetzen wird.

 

Erny Gillen,

Moral Factory

 

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