Saturday 24. August 2019

Ethik und Gesellschaft

Herman Van Rompuy, ehemaliger Präsident des Europäischen Rates, äußerte folgende Überlegungen auf einer Konferenz, die am 8. November 2018 in der Chapel for Europe stattfand und sich der „Neuentdeckung des europäischen Gemeinwohls” widmete.

Unterschiedliche Gesellschaften können friedlich nebeneinander und miteinander leben, aber innerhalb jeder einzelnen Gesellschaft bedarf es einer gemeinsamen Basis. Ein Konsens in Bezug auf grundlegende Werte schafft Harmonie. Dies ist ein langer, aber notwendiger Prozess, an dessen Ende wir noch nicht angelangt sind. Aber unsere einzigartige Zivilisation braucht eine permanente Rückkopplung zwischenmenschlicher Werte. Keine Gesellschaft kann ohne Respekt für jeden einzelnen Menschen und ohne Liebe überleben. Ohne private Werte sind öffentliche Werte nicht von Dauer.

 

Absolute Einheit in einer Gesellschaft sollte aber nicht das Ziel sein, denn dies ließe sich nur erzwingen oder gewaltsam erzielen. Wir alle sind unterschiedlich und möchten dies auch zum Ausdruck bringen. Eine pluralistische Gesellschaft mit gemeinsamen Werten und Institutionen ist dauerhafter als eine künstliche Einheit.

 

Vorbei sind die Zeiten, in denen Europa – von der Überlegenheit seiner eigenen Kultur überzeugt – seine „Zivilisation” anderen Nationen außerhalb seiner Grenzen aufzuerlegen versuchte. Selbst innerhalb Europas gab es Länder, die die Überlegenheit ihres eigenen Volkes gegenüber anderen europäischen Völkern proklamierten. Im heutigen Europa käme aber der Slogan „Make Europe great again” nicht gut an. Für diese abwegige Vorstellung haben die Menschheit und Europa einen hohen Preis gezahlt. Auf den Gräbern vieler Millionen unschuldiger Toten nahmen Umkehr und Reue ihren Anfang. Die Europäische Union wurde auf diesem tragischen Versagen errichtet. In Zeiten eines wachsenden Nationalismus müssen wir uns diese bittere Lehre aus der Geschichte wieder ins Gedächtnis rufen. Geschichte kann sich immer wiederholen, wenn auch nie genau gleich.

 

Die Notwendigkeit starker Gemeinschaften

 

Eine Gesellschaft besteht aus Menschen. Oftmals besteht ein Unterschied zwischen der offiziellen Verkündung von Werten und Verhaltensweisen auf der einen und dem Alltagsleben auf der anderen Seite. Es lässt sich nicht leugnen, dass in der heutigen Welt – sowohl in Asien als auch in Europa – Individualismus und Materialismus zunehmen. Die Konsumgesellschaft ist Realität. Alles dreht sich ums Geld. „Genießen“ ist ein häufig verwendeter Begriff. Eine solche Mentalität kann dazu führen, dass seit Langem bestehende Werte – Solidarität, Sinn für das Gemeinwohl, langfristiges Denken, soziales und familiäres Kapital usw. – in ihr Gegenteil verkehrt werden. Der Ursprung dieses wachsenden Individualismus liegt in der Marktwirtschaft mit ihrem Wettbewerbsmodell und in gewisser Weise auch in der Größe des modernen Staates mit dem daraus resultierenden Rückgang der individuellen Verantwortung.

 

Gemeinschaft ist mehr als die Summe ihrer Individuen. Gemeinwohl ist mehr als die Erfüllung der Wünsche jedes Einzelnen. Gesellschaft ist etwas anderes als Gemeinschaft. Der Kern der Harmonie liegt im Respekt jeder Person einschließlich des Mitgefühls mit den Schwächsten. Fehlt es den Menschen an Respekt, kann man von ihnen auch kein Interesse am Gemeinwohl, an einem gemeinsamen guten Leben aller, erwarten.

 

Dies ist weniger naiv, als manche denken. Ich glaube trotz allem daran, dass die Geschichte nicht dazu verdammt ist, die gleichen Fehler noch einmal zu machen. In den vergangenen Jahrzehnten war Fortschritt in vielerlei Hinsicht möglich. Wir haben in Europa weniger Kriege und weniger Armut als früher. Aber wir brauchen auch menschlichen Fortschritt. Die große Herausforderung besteht darin, unsere Errungenschaften zu erhalten und unsere Gesellschaften zu stärken, damit es zu keiner Fragmentierung, Isolierung und Polarisierung kommt. Nur starke Gesellschaften können Gutes bewirken. Der Schlüssel hierzu ist das zwischenmenschliche Gespräch. Es trägt zu einer moderaten Haltung bei, die ihrerseits den Respekt für alle Menschen fördert. Fanatismus hingegen lässt vergessen, dass wir Brüder und Schwestern sind. Extremisten sehen im einzelnen Menschen keine Person, sondern nur einen „Teil der Masse“ oder sogar einen möglichen Feind. Der Dschihadismus hat nicht das alleinige Monopol auf Terrorismus und Extremismus. Vergessen wir nicht, dass in Nordirland 3000 Menschen durch einheimische Terroristen getötet wurden.

 

Das europäische Gemeinwohl

 

Die Gründerväter der Vereinten Nationen vertraten einen personalistischen Ansatz. Die UN sind keine Form von Weltregierung; sie sind ein Zwischenregierungsorgan, das sich um Kooperation in vielerlei Bereichen bemüht und das Schlimmste zu verhindern sucht. Die UN hängen vom guten Willen aller Nationen und ganz besonders der wichtigsten unter ihnen ab. Mangelt es an einem solchen gemeinsamen Streben für das nationale Interessen übersteigende Gemeinwohl, so sind die UN machtlos. Es ist das zweite Mal in der Menschheitsgeschichte, dass eine derartige Institution ins Leben gerufen wurde. Durch Dialog tragen die UN jedenfalls zur Stabilität in der Welt bei. Die einzige Alternative zum Dialog ist Krieg, das Gegenteil jeglichen menschlichen Wertes und der größte Feind der Menschheit.

 

Auf globaler Ebene Unterschiede zu überbrücken, bedeutet weit mehr, als den Westen und den Osten einander anzunähern. Aber letzteres wäre schon ein wichtiger Schritt. Der Königsweg zu einem besseren Verständnis füreinander ist das Knüpfen von Beziehungen zwischen Menschen, insbesondere zwischen jungen Menschen. Wir haben von Emmanuel Lévinas gelernt, dass Liebe und Respekt am stärksten im Antlitz des Anderen entstehen. Kultur wird von Menschen gemacht. Kulturen ändern sich, wenn Menschen einander begegnen. Dieser Dialog ist entscheidend. Aber wir müssen gegen allgemeine Bedrohungen unserer Gesellschaften ankämpfen, etwa gegen den wachsenden Nationalismus und Individualismus. Ein ausschließlicher Fokus auf materielle Güter hält die Menschen davon ab, miteinander in engere Beziehung zu treten. Mehr als je zuvor sind christlicher Personalismus und Humanismus, die von Menschen authentisch und glaubwürdig gelebt werden, gefragt. Wir brauchen beides. Wir brauchen in der Tat solche Menschen.

 

Herman Van Rompuy

Ehemaliger Präsident des europäischen Rates

 

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