Montag 24. Juli 2017
#184 - Juli/August 2015

Tierversuche und „Laudato Si“: ein ganzheitlicher Ansatz

Papst Franziskus äußert sich zum Thema des Tierschutzes.

Unlängst hat die Europäische Kommission die von den Initiatoren der Europäischen Bürgerinitiative (ECI) „Stop Vivisection“ geforderten Maßnahmen, welche ein vollständiges Verbot der Verwendung von Tieren zu Forschungszwecken und den verpflichtenden Einsatz alternativer Versuchsmethoden vorsehen, abgelehnt. Die Bürgerinitiative „Stop Vivisection“ verfolgt einen radikalen Tierschutzansatz und verweist auf das „Recht auf Leben, Freiheit und Wohlergehen aller Lebewesen“ sowie auf die „Grundrechte von Tieren“ und fordert die Abschaffung von „Tierversuchen“. Die Organisatoren unterstreichen die fehlende Gültigkeit des „‚Tiermodells‘ zur Vorhersage der Reaktion beim Menschen“, da dieses Modell ihrer Ansicht nach im Gegensatz zu gewissen alternativen Methoden keine „für die menschliche Spezies relevanten Daten“ liefere.

 

In ihrer Mitteilung als Reaktion auf die ECI vom 3. Juni 2015 teilt die Europäische Kommission den Initiatoren mit, dass das Exekutivorgan der EU ihren Standpunkt einer derartigen fehlenden Gültigkeit nicht teile. Unter Verweis auf dank tierexperimenteller Forschung entwickelter „Behandlungen“– Narkosemittel, Impfstoffe, Penizillin, Insulin oder Organtransplantationen, um nur einige zu nennen –, unterstreicht die Kommission, dass auch sie sich für die schrittweise Abschaffung von Tierversuchen ausspreche, Letztere aber in gewissen Fällen weiterhin als nötig erachte und die gegenwärtige EU-Gesetzgebung vor diesem Hintergrund angemessen sei. Ferner verweist sie darauf, dass ein vollständiges Verbot von Tierversuchen die Gefahr berge, dass die biomedizinische Forschung in Länder außerhalb der EU verlagert werde, in denen die Schutzstandards niedriger seien und eine größere Anzahl von Tieren benötigt werde, um die gleichen Ergebnisse zu erreichen. Mit Blick auf die Abschaffung des Tiermodells plant sie, „eine Reihe von Maßnahmen zu ergreifen, mit denen schnellere Fortschritte bei der Einführung und beim Einsatz alternativer Ansätze erzielt werden sollen“. Zu derartigen Alternativen gehören von der EU finanzierte Methoden, im Rahmen derer menschliche embryonale Stammzellen verwendet werden, deren Gewinnung die Zerstörung menschlicher Embryonen voraussetzt.

 

„Laudato si“, der Wert aller Lebewesen und die Hierarchie unter ihnen: das Problem der Tierversuche

Am 18. Juni 2015 sorgte Papst Franziskus mit der Veröffentlichung seiner Enzyklika „Laudato Si zur „ganzheitlichen Ökologie“ international für Aufsehen. In dieser Enzyklika spricht er u. a. von bedeutenden Entwicklungen innerhalb des Lehramts der Kirche mit Blick auf den moralischen Status von Tieren und der Verantwortung des Menschen ihnen gegenüber. Der Wert der Tiere hänge nicht vom Nutzen ab, den sie für den Menschen haben, da sie „einen Eigenwert besitzen“. Menschen stünden nicht im Zentrum, sondern über der Schöpfung. Eine Vormachtstellung bringe aber Verantwortung mit sich: „Alles ist miteinander verbunden“ und wir sollten uns nicht „für unabhängig von der Wirklichkeit erklären“ und nicht „als absoluter Herrscher auftreten“. Der Mensch sei aufgerufen, „die Schöpfung mit ihren inneren Gesetzen zu respektieren“ (und) „das Konzept des Menschen als ‚Herr‘ des Universums zu deuten besteht darin, ihn als verantwortlichen Verwalter zu verstehen“.

 

Da „ganzheitliche Ökologie“ zwangsläufig Menschen voraussetzt, denen zufolge

„das christliche Denken einen besonderen Wert für den Menschen gegenüber den anderen Geschöpfen einfordert“, empfindet es Papst Franziskus als „besorgniserregend, dass einige ökologische Bewegungen, wenn sie die Unversehrtheit der Umwelt verteidigen und zu Recht gewisse Grenzen für die wissenschaftliche Forschung fordern, bisweilen dieselben Prinzipien nicht für das menschliche Leben anwenden.“ „Ein erzieherischer Weg, die Schwachen anzunehmen, die uns umgeben (...) scheint nicht machbar, wenn man nicht einen menschlichen Embryo schützt“, so Papst Franziskus weiter. Mit Blick auf Experimente mit lebenden menschlichen Embryonen „wird für gewöhnlich das Überschreiten aller Grenzen gerechtfertigt“, lautet seine Schlussfolgerung.

 

Diese von Papst Franziskus aufgezeigte Tendenz ist auch auf EU-Ebene spürbar, auf der sich die Gesetzgebung und die Vorgehensweise der Kommission mit Blick auf die Förderung alternativer Methoden unter Nutzung menschlicher embryonaler Stammzellen nicht sehr von der Position der Initiatoren der ECI unterscheiden (s. auch Europe Infos Nr. 149 vom Mai 2012).

 

In diesem Bereich ist ein sachlicher, nicht ideologischer, ethischer und evidenzbasierter Dialog erforderlich. Es besteht kein Zweifel daran, dass der Rechtsgrundsatz der drei Rs „replacement, reduction, refinement“ (Ersetzen, Verringerung und Verbesserung) auch eine moralische Komponente umfasst. So ist es – um nur ein Beispiel zu nennen – unethisch, zur Kontrolle chemischer Toxizitätstests Millionen von Tierleben zu opfern. Wer dieses Problem aber ganzheitlich betrachtet, sollte erkennen, dass das Bestreben, Tierversuche durch alternative Methoden zu ersetzen, im Rahmen derer embryonale menschliche Stammzellen verwendet werden, ebenfalls ethisch verwerflich ist. Der Mensch sollte stets Vorrang haben. Insofern sollten zur Heilung menschlicher Krankheiten oder zur Rettung menschlichen Lebens Forschungsarbeiten mit Tieren solchen mit Menschen vorgezogen werden (s. Artikel 5 des Zusatzprotokolls der Konvention von Oviedo zum Thema biomedizinische Forschung), es sei denn, diese Arbeiten erweisen sich als unwirksam oder es stehen bessere, ethisch akzeptable Alternativen zu Tierversuchen zur Verfügung. Bei allem Verständnis für die neue Priorität des Tierschutzes: Wir dürfen auch nicht zulassen, dass Menschen zu neuen Versuchskaninchen werden.

 

José Ramos-Ascensão

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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