Montag 24. Juli 2017
#183 - Juni 2015

 

« Heilige Kühe » in Castel Gandolfo?

 

Dass Castel Gandolfo päpstlicher Sommersitz ist, das wussten wir. Dass dort Kühe weiden und Käse erzeugt wird wussten wir nicht. Bericht von einer Erkundungsreise.

 

Als am Anfang dieses Jahres der Generalsekretär des Europäischen Milchindustrieverbandes (EDA) an die COMECE die Anfrage richtete, ob es möglich sei, die « fattoria pontifice », den päpstlichen Milchbetrieb in Castel Gandolfo zu besuchen, mussten wir zugeben: keine Ahnung. Einige Mails mit dem päpstlichen Nuntius und dem vatikanischen Presseamt später wussten wir genaueres: es gibt nicht nur die « fattoria », sondern es ist durchaus möglich, sie dienstlich zu besuchen. Also wurde alles unternommen, um diesen Besuch auch zu ermöglichen, der schließlich am 7. Mai 2015 stattfand.

 

Der Hintergrund war aber weder ausschließlich professionelle Neugier oder « Jux und Tollerei », sondern eine ernsthafte Frage: wenn sich der Heilige Stuhl immer öfter zu ökologischen Fragen äußert, wenn für diesen Sommer die erste Enzyklika zu Ökologie und Klimawandel zu erwarten ist, wie wirtschaftet der Heilige Stuhl dann selbst? Genügt sein landwirtschaftlicher Betrieb ökologischen Standards? Die folgenden Eindrücke vom Besuch hat ein « milchwirtschaftlicher Profi », der Generalsekretär der EDA, Alexander Anton, festgehalten.

 

Ein päpstlicher Milchbetrieb

In Castel Gandolfo, eine knappe Autostunde entlang der via Appia südlich von Rom über dem Albaner See gelegen, leitet Alessandro Reali einen Betrieb, der mit 34 Milchkühen und sechs Melkstandplätzen in etwa der durchschnittlichen Grösse eines bayerischen Milcherzeugerbetriebes entspricht. Auch dass hier die tägliche Milchmenge von etwa 1000 kg vor Ort zu Käse, Frischmilch, Butter und Joghurt verarbeitet wird, ist kein unübliches Betriebsmodell.

 

Der Milchviehbetrieb und die 1930 erbaute Molkerei, ebenso wie die Haltung von etwa 500 Hühnern, die Bewirtschaftung der alten Olivenhaine, der Gemüse- und Blumengärten sowie die Aufzucht einiger Mastbullen, ist allerdings Bestandteil der 55 ha Anlage der päpstlichen Sommerresidenz mit der Villa Barberini und den herrlichen Terrassengärten des Belvedere. Und: die täglich zu Käse, Frischmilch, Butter und Joghurt verarbeitete Milch wird von der fattoria direkt in den Vatikan geliefert.

 

Wir brauchen kein Biosiegel, wir arbeiten heute noch in etwa so wie mein Vater hier schon gearbeitet hat. Unsere Produkte müsste man ja super-bio nennen”, so der Leiter der päpstlichen Fattoria, Dott. Alessandro Reali bei der Verkostung der drei hergestellten Käsesorten (Ricotta, Mozzarella und Hartkäse).“Den hohen Qualitätsansprüchen an unsere Produkte wie auch an unsere Produktion können wir nur gerecht werden, wenn wir alle Produktionsschritte in unserer Hand behalten. Aber: wir arbeiten wirtschaftlich und verkaufen einen gewissen Anteil unsere Milcherzeugnisse auch kommerziell”, so Reali.

 

In einem modernen offenen Laufstall stehen die Tiere, die quasi ausschließlich mit selbst angebautem Heu und Silage gefüttert werden. Die windexponierte Lage auf 400 m über dem Spiegel des Mittelmeeres, das man in 40 km erahnen kann, ermöglicht den Kühen auch heiße Tage relativ gut zu überstehen. Die Molkerei unterscheidet sich ebenfalls nicht von anderen oder weit größeren milchverarbeitenden Betrieben – die moderne Edelstahl-Produktionstechnik ist eben nur auf die Milchmenge abgestimmt.

 

Die Betriebsphilosophie der gesamten fattoria mit all ihren land- und lebensmittelwirtschaftlichen Produktionszweigen und den insgesamt 20 Mitarbeitern zeigt an einem sehr praktischen Beispiel, dass “Die Ökologie des Menschen” als Konzept auf der Achtung der Natur als Schöpfung, und auf dem  Wissen um die Stellung des Menschen innerhalb der Schöpfung, aufbaut (Alexander Anton, Generalsekretär EDA).

 

Was dem landwirtschaftlichen Laien beim Besuch auffiel war die Sauberkeit der Tiere und die fühlbare Ruhe und Entspannung im Stall. Das sei, so wurde mir von den Fachleuten erklärt, das Ergebnis des ruhigen und respektvollen Umgangs mit den Tieren. Diese Milchkühe würden eben nicht als ausschließlich als « Hochleistungsproduktionsfaktoren » gesehen, die es optimal auszubeuten gelte, sondern als Lebewesen, die zu achten sind.

 

Vor diesem Hintergrund ist es interessant, dass der Generalsekretär der EDA im Herbst bei der nächsten Generalversammlung das Thema « Ethik der Tierhaltung » auf die Tagesordnung eines freien Arbeitskreises gesetzt hat. Dabei wird sicher zu diskutieren sein, ob und wie denn diese « ökologisch sensible Haltung », die bei einem durchschnittlichen Betrieb wie der « fattoria » funktioniert, bei einem Mammutbetrieb mit mehr als tausend Kühen umgesetzt werden kann. Diese Frage, auch das wurde während des Besuchs deutlich, spielt mit dem Blick auf kritische Konsumenten aber zunehmend eine wichtige Rolle. Es ist gut, wenn sie Industrie und Theologie gemeinsam diskutieren.

 

Michael Kuhn

COMECE

 

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