Montag 25. September 2017
#182 - May 2015

 

Neuer Antisemitismus in Europa

 

In verschiedenen Ländern Europas zeigen sich besorgniserregende Phänomene eines neuen Antisemitismus. Hier sind auch die christlichen Kirchen herausgefordert.

 

Ein altes Gespenst geht um in Europa: der Antisemitismus. Bei Terroranschlägen in Paris und Kopenhagen wurden in diesem Jahr fünf Juden ermordet, weil sie Juden waren. Jüdische Friedhöfe wurden geschändet. Synagogen und jüdische Schulen müssen bewacht werden. Juden wagen es nicht mehr, öffentlich ihre Kippa zu tragen. Auf diesem Hintergrund rief Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu alle Juden Europas zur Auswanderung auf.

 

Frans Timmermans, erster Vize-Präsident der EU-Kommission, bekannte in einem Interview Anfang des Jahres, es bringe ihn um den Schlaf, dass sich die Juden in Europa wieder Sorge um ihre Sicherheit machen müßten. Für ihn sind hier die Fundamente Europas bedroht: „Die EU kann die allerbeste Politik machen, aber sie wird trotzdem scheitern, wenn eine Gemeinschaft sich hier bei uns nicht mehr zu Hause fühlt. Dann haben wir den wichtigsten Grundgedanken Europas verraten.

 

Ähnlich eindringlich warnte der Präsident des Europaparlaments Martin Schulz bei einer Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 11. April 2015 vor der "Rückkehr von Dämonen, die wir in Europa für überwunden hielten": Antisemitismus, Rassismus, Ultranationalismus, Intoleranz. Der Holocaust sei Teil unseres deutschen, aber auch unseres europäischen Bewusstseins geworden. Aus dem Gedenken an die Menschheitskatastrophe müsse Verantwortung für die Gegenwart und die Zukunft erwachsen.

 

In Europa leben derzeit 1,4 Millionen Juden. Das sind rund 10 Prozent der Juden weltweit. Mit 490 000 lebt die größte Zahl von ihnen in Frankreich, gefolgt von 291 000 in Großbritannien und rund 100 000 in Deutschland. In Frankreich hat sich die Zahl der Juden, die 2014 das Land in Richtung Israel verlassen haben,  mit 7231 seit 2012 verdoppelt. In Belgien erklärten 40 Prozent der Juden ihre Absicht, das Land zu verlassen. Israel zählte 2014 rund 25 000 Einwanderer.

 

Der neue Antisemitismus ist auch eine Herausforderung für die christlichen Kirchen. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, der am 9. April 1945 kurz vor Kriegsende auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers ermordet wurde, hat es schon in den Anfangsjahren des nationalsozialistischen Terrors auf die Formel gebracht: „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen.“ 1940 sagte er im Blick auf Europa: „Eine Verstoßung der Juden aus dem Abendland muß die Verstoßung Christi nach sich ziehen, denn Jesus Christus war Jude.

 

Die katholische Kirche schlug auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit ihrer Erklärung über ihr Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra Aetate“ nach der langen Tradition des christlichen Antijudaismus ein neues Kapitel in ihrem Verhältnis zum Judentum auf. Das vor 50 Jahren verabschiedete Konzilsdokument erkannte die bleibende Erwählung Israels an und verabschiedete sich damit von der Substitutionstheologie, nach der der Bund Gottes mit Israel auf die Kirche übergegangen sei. Alle Formen von Antisemitismus werden beklagt und zurückgewiesen.

 

Papst Paul VI. erklärte 1975 noch deutlicher jede Form des Antisemitismus und der Diskriminierung von Juden als dem Geist des Christentums widerstreitend. Papst Johannes Paul II. bezeichnete die Juden als "unsere älteren Brüder im Glauben". Auch Benedikt XVI., der das jüdisch-christliche Verhältnis durch seine Gespräche mit der Piusbruderschaft und die revidierte Karfreitagsfürbitte im "außerordentlichen" Messritus beunruhigte, blieb in den Fußspuren seines Vorgängers. Als am 13. März 2013 Kardinal Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt wurde, wurde bald bekannt, dass er als Erzbischof von Buenos Aires ein sehr gutes Verhältnis zu den jüdischen Gemeinden Argentiniens gepflegt hatte. So wurde etwa in Buenos Aires von Juden und Katholiken ein von einem jungen Rabbiner geleiteter Pflegedienst für Behinderte gegründet. In seinem programmatischen Dokument "Evangelii Gaudium" schrieb der neue Papst ganz im Geist von Nostra Aetate: "Ein ganz besonderer Blick ist auf das jüdische Volk gerichtet, dessen Bund mit Gott niemals aufgehoben wurde, denn 'unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt'" (Röm 11,29).

 

In ökumenischer Verbundenheit erklärten der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz Kardinal Reinhard Marx und der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm zum 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 2015: „Die Auseinandersetzung mit Auschwitz, die nicht zuletzt die Erklärung der Menschenrechte 1948 hervorgebracht hat, ist bleibend aktuell. Ohne die Achtung vor der Würde und den Rechten jedes Menschen gibt es kein humanes Zusammenleben.“ Die beiden Bischöfe sehen den Prozess der europäischen Einigung als eine wegweisende politische und zugleich zutiefst kulturell verwurzelte Antwort auf diese Erfahrung. Deshalb erfüllt es sie mit großer Sorge, dass das europäische Projekt heute von innen und außen empfindlich herausgefordert wird. „Angesichts der unzähligen Opfer von Gewalt und Menschenverachtung ist es eine Frage der Treue zu ihnen und zu uns selbst, dem Erstarken menschenverachtender, fremdenfeindlicher und nationalistischer Bewegungen in Europa entschieden entgegenzutreten, den Hilfsbedürftigen zur Seite zu stehen und den Menschenrechten Geltung zu verschaffen. Das Evangelium von Jesus Christus verpflichtet uns auf diesen gemeinsamen unbedingten Auftrag.

 

Martin Maier SJ

JESC

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