Montag 29. Mai 2017
#182 - May 2015

 

Kann der interreligiöse Dialog einen Beitrag zur Bekämpfung von Radikalisierung leisten?

 

Auf der Grundlage von Artikel 17 AEUV fand vor kurzem ein Meinungsaustausch zwischen hochrangigen religiösen Vertretern der drei abrahamitischen Religionen und Abgeordneten des Europäischen Parlaments statt.


Am 24. März 2015 veranstaltete das Europäische Parlament ein wichtiges Treffen im Rahmen von Artikel 17 AEUV, der in Absatz 3 einen „offenen, transparenten und regelmäßigen Dialog“ zwischen der EU sowie den Kirchen und kirchlichen Vereinigungen oder Gemeinschaften vorsieht. Auf EU-Seite nahmen Parlamentspräsident Martin Schulz, der Vizepräsident der Europäischen Kommission, Antonio Tajani, und die Vorsitzenden des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten sowie des Ausschusses für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres,  Elmar Brok und Claude Moraes, aktiv daran teil. Unter den religiösen Vertretern befanden sich ein Imam, zwei Rabbiner und vier Geistliche verschiedener christlicher Konfessionen sowie die Vizepräsidentin der Gemeinschaft Sant' Egidio.


Es gibt einen weitreichenden Konsens dahingehend, dass Religion eine zentrale Rolle für den sozialen Zusammenhalt spielt und es eines regelmäßigen Dialogs sowie einer konkreten Zusammenarbeit zwischen den Vertretern der unterschiedlichen Religionen bedarf, die sich für den sozialen Frieden einsetzen.

 

Auch wenn die Redner während der Konferenz unterschiedliche Standpunkte vertraten, waren sie sich in bestimmten Punkten doch einig: Erstens, so die einhellige Meinung, trage Religion ihrem Wesen nach kein Konfliktpotenzial in sich, sondern sei ein soziales Gut, während der Radikalismus ein verzerrtes Bild von Religion darstelle. Zweitens sei Homogenität nicht erstrebenswert, wohingegen Unterschiedlichkeit einen Reichtum bedeutete, welcher politische Integration und nicht Assimilation erfordere. Drittens bestehe die Grundlage für das friedliche Zusammenleben in der gegenseitigen Achtung, welche wiederum eine konkrete Zusammenarbeit unter den Angehörigen verschiedener Religionen (insbesondere der drei großen monotheistischen Religionen) in verschiedenen gesellschaftlichen Umfeldern erfordere, mit dem Ziel, soziale Harmonie zu fördern, welche nicht nur von den religiösen Oberhäuptern abhänge. Als praktisches Beispiel wurde auf die unter Federführung des Vatikans erarbeitete gemeinsame Strategie zur Bekämpfung des Menschenhandels hingewiesen, welche im Dezember von hochrangigen Vertretern des Buddhismus, des Hinduismus, des Judentums und des Islams sowie den Oberhäuptern der Anglikanischen und Orthodoxen Kirche unterzeichnet wurde. Viertens war man sich darin einig, dass es von herausragender Bedeutung sei, über objektive Kenntnisse der Religionen zu verfügen und dass den Medien und Bildungseinrichtungen gesellschaftsübergreifend eine besondere Verantwortung zukomme, wenn es darum ginge, Verallgemeinerungen und ein verzerrtes Abbild der Realität zu vermeiden. Diese Aufgabe erfordere auch die Bekämpfung von Ignoranz und religiöser „Unwissenheit“, welche bedauerlicherweise in Europa weit verbreitet und die Ursache für Missverständnisse und Spannungen sei.


Der Vizepräsident der Europäischen Kommission, Frans Timmermans, und der Vorsitzende des Ausschusses für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres, Claude Moraes, beklagten einstimmig die falsche Auslegung der Rolle, die die Religion im Leben der Menschen spielt, und betonten die große Bedeutung von Motivation für Millionen europäischer und nicht-europäischer Bürgerinnen und Bürger. Ungeachtet der allgemein anerkannten Notwendigkeit eines Dialogs, so Timmermans, sei in Wirklichkeit der Monolog Teil der modernen europäischen Kultur geworden, der keinen Platz mehr zum Zuhören lasse. „Wenn wir nicht nah beim ‚anderen‘ stehen, kommt es zu einer Entmenschlichung unserer Gesellschaft. Der Radikalisierungsprozess beginnt dort, wo es keinen Dialog gibt.“ Parlamentspräsident Schulz brachte diese Erkenntnis mit anderen Worten zum Ausdruck: „In unserer Gesellschaft können wir nicht länger vom Grundsatz der Achtung und der Zusammenarbeit ausgehen, welcher die größte Errungenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts in Europa darstellt“.


Zu Recht bereitet der internationale Terrorismus, der Religion als Instrument für seine barbarischen Verbrechen innerhalb und außerhalb der EU-Grenzen missbraucht, den nationalen und europäischen Behörden große Sorgen. Um zu verhindern, dass sich Minderheiten auf der Grundlage eines verzerrten Religionsbildes, das Gewalt gegenüber jedem rechtfertigt, der sich ihrem hegemonialen Anspruch in den Weg stellt, radikalisieren, sind zum einen geeignete Sicherheitsmaßnahmen erforderlich, zum anderen eine Kultur der Begegnung und des gegenseitigen Respekts. Bis zu einem gewissen Grad kann der interkulturelle und interreligiöse Dialog einen Beitrag zur Förderung dieses Respekts leisten, vorausgesetzt, es besteht die echte Bereitschaft und Offenheit, den „anderen“ als Person anzuerkennen. Bei der Verhinderung von Radikalisierung spielen die religiösen Führer eine wichtige Rolle. Ihre Aufgabe ist es, Brücken zwischen den Gemeinschaften zu schlagen (anstatt Hass zu schüren). Gleichzeitig müssen sie dafür sorgen, dass jedweder Form von theologischer Rechtfertigung für die furchtbaren Gräueltaten, die einige der Mitglieder ihrer eigenen religiösen Gemeinschaft verüben, der Boden entzogen wird. Insbesondere sollten sie sich für einen ausgewogenen Dialog zwischen Glaube und Vernunft innerhalb ihrer eigenen religiösen Tradition einsetzen, so wie von Papst Benedikt XVI. vorgeschlagen, mit dem Ziel, die Entstehung von religiösem Sektierertum und Fundamentalismus zu verhindern. Von ebenso großer Bedeutung ist die Schaffung gemeinsamer gesellschaftlicher Räume im täglichen Leben, in denen Wissen erworben und sich Achtung unter den Völkern und Familien der unterschiedlichen Glaubensrichtungen entfalten kann. In diesem Zusammenhang sollte das Ethos jeder einzelnen Gesellschaft respektiert werden und die religiöse wie auch kulturelle Identität der Neuankömmlinge angemessen gewürdigt werden.


Radikalisierung zu verhüten ist keine einfache Aufgabe, da einige Gruppen ein begrenztes Verständnis der Bedeutung einer offenen und demokratischen Gesellschaft haben und daher nicht akzeptieren können, dass es unmöglich ist, Menschen, die die eigenen religiösen Überzeugungen nicht teilen, eine bestimmte Religion in Form einer Rechtsordnung überzustülpen. Indem wir die in der Würde des Menschen verankerten Grundrechte und Grundfreiheiten, darunter auch die Religionsfreiheit, verteidigen und fördern, leisten wir einen Beitrag zum Aufbau einer Kultur der Akzeptanz gegenüber denjenigen, die andere Traditionen und Kulturen ihr eigen nennen.

 

José Luis Bazán

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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