Donnerstag 27. Juli 2017
#182 - May 2015

 

Ein europäischer Islam“ oder „ein Islam in Europa“: Wem gehört die Zukunft?

 

Seit den Attacken von muslimischen Terroristen in Europa häufen sich die Appelle nach notwendigen Reformen im Islam.


Politiker, Intellektuelle und christliche Theologen fordern von Muslimen, die islamische Theologie mit der Moderne (Demokratie, Gleichberechtigung, Menschenrechte, Pluralismus, Zivilgesellschaft) in Einklang zu bringen. In der islamischen Welt ist dieses Anliegen schon seit der Eroberung Ägyptens durch Napoleon 1798 aktuell – also seit mehr als 200 Jahren. Tausend Jahre lebten die Muslime mit einem Satz festgelegter kultureller, politischer und religiöser Regeln, die ihrer Zivilisation ein Gesicht gaben und kodifiziert wurden, als sie die absolute politische und militärische Macht besaßen und mit dem Erbe der Antike eine Hochkultur hervorbrachten. Der europäische Kolonialismus brachte die Muslime mit der Moderne in Verbindung und seitdem fordern Muslime in der ganzen Welt eine Erneuerung der islamischen Theologie.

 

Eine vielfältige Koran-Auslegung

Die Al-Azhar-Universität in Kairo wählte unter der Federführung von M. Abdou (1849-1905) und Rida (1865-1935) die Methode, in den Koran das hineinzulesen, was man sucht. So setzten sie zum Beispiel den koranischen Begriff „shûra“ ´(Versammlung der Clanführer) mit der „parlamentarischen Demokratie“ gleich. Die Muslime hätten das Wissen verloren, und müssten wieder zum Islam der Älteren (salafiyya) zurückkehren. Der jetzige Rektor der Al-Azhar-Universität,  Scheich Ahmad Mohammed al-Tawyyeb, folgte dieser Logik als er im Februar 2015 auf einer Tagung in Mekka die historisch falsche Koran-Auslegung beklagte, die zu einer intoleranten Auslegung des Islam geführt habe und partielle Reformen verlangte.

 

Muslime in der EU werden auf etwa 15 Millionen geschätzt. Sie sind in den letzten 50 Jahren aus der islamischen Zivilisation eingewandert und brachten die unterschiedlichen Theologien, juristischen Schulen und die politische Vielfalt nach Europa. Einig sind sie sich nur im Bekenntnis des Glaubens an den einen Gott, an den Koran, an die Sunna, und dass sie Mitglieder der einen gottgewollten Gemeinschaft (umma) sind (Koran 3,110).

 

In Europa stehen die muslimischen Gelehrten, Imame und Ulamas, vor einem zweifachen Dilemma. Erstens bilden sie eine pluralistische Minderheit ohne politische Macht und können ihr klassisches Gesellschaftsmodell nicht durchsetzen. Der Hadith, „jeder Mensch wird als Muslim geboren, doch die Gesellschaft macht ihn erst zum Muslim“, greift nicht in der Minderheitensituation. Zweitens wird ihnen in dieser Diasporasituation bewusst, dass sie keine religiöse Autorität haben, mit der sie kraft ihres Amtes Reformen einleiten können. Imame, Intellektuelle, Religionsbeauftragte der Heimatländer der Großeltern, internationale islamische Organisationen, Sufi-Bruderschaften und Islamisten kämpfen miteinander über die Deutungshoheit über den Islam in Europa.

 

Einen Euro-Islam prägen

Die Herausforderung der Moderne liegt vor allem auf der theologischen Ebene. Reformen des Islam werden seit dem 19. Jahrhundert gefordert. Bassam Tibi prägte den Begriff „Euro-Islam“ 1992 auf einer Tagung im „Institut du Monde Arabe“ und versuchte, die islamischen Traditionen mit der Aufklärung neu zu formulieren. Tariq Ramadan übernahm den Begriff und propagierte eine islamische Ethik für die europäische Diasporasituation. Bei seiner islamischen Ethik wird nicht klar ersichtlich, ob er die Moderne islamisieren oder den Islam modernisieren möchte. Die Muslimbrüder und in ihrer Folge die Islamisten vertreten dagegen einen „Essentialismus“, d.h. sie negieren den theologischen und juristischen Pluralismus und beschränken den Islam auf einige gemeinsame Normen; ihr „Islam-verständnis“ wird als Lösung aller Probleme deklariert und wird so zu einer politischen Ideologie verfremdet.

 

Narin Tezcan, Soziologin und Professorin in Leiden, warnt die Muslime davor, sich bei der Organisation der Muslime zu sehr um eine Gleichstellung mit den christlichen Kirchen bemühen und darüber zu versäumen, notwendige Reformen einzuleiten. Malek Chebel fordert eine Theologiereform, die bei den zwei Fundamenten Koran und Sunna beginnen müsse. Mit der feministischen Theologie wird die Auseinandersetzung mit der Tradition schärfer. Für deren Verfechterinnen ist der Koran grundsätzlich nicht paternalistisch, wurde aber seit Beginn nur von Männern einseitig gelesen. Frauenfeindlich klingende Verse werden in akzeptabler Art und Weise gelesen. Am radikalsten sind die atheistischen Muslime, die die ganzen islamischen Traditionen verboten haben möchten.

 

Die Muslime in Europa stehen seit 50 Jahren vor der Herausforderung, eine 1000jährige Religiosität in einer Zivilisation, deren wichtigstes Fundament das Christentum ist, neu theologisch zu begründen. Da sie über keine Lehrautorität verfügen, muss dies im Konsensverfahren ablaufen. Dieses Verfahren ist langwierig und den Muslimen könnte die Zeit davon laufen.

 

P. Hans Vöcking

Georges Anawati Stiftung (GAS)

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