Donnerstag 27. Juli 2017
#181 - April 2015

 

Warum ziehen Junge Muslime aus Europa in den Krieg?

 

Europäische Konvertiten und die hier geborenen Kinder der muslimischen Einwanderer wollen sich bewusst von der Mehrheitsgesellschaft absetzen. Der Islam ist „cool“.


Auf seinen Internetseiten behauptet der IS (Islamische Staat), dass über 10.000 junge Djihadisten aus Afrika und Europa in seinen Reihen kämpfen. Die Geheimdienste der EU-Staaten bestätigen diese Meldungen und die Mitgliedsstaaten der EU haben Richtlinien erlassen, um junge Muslime und Musliminnen an der Ausreise nach Syrien und dem Irak zu hindern. Ihr Augenmerk liegt auch auf den Zurückkehrenden, denn sie werden als eine mögliche Gefahr für die Sicherheit der freien und pluralistischen europäischen Gesellschaft gesehen. Einige Mitgliedsländer der EU arbeiten auch daran, präventive Maßnahmen zu erarbeiten, um junge Muslime und Musliminnen von der Sinnlosigkeit eines Engagements in den kämpferischen Reihen des IS zu überzeugen.

 

Die dahinter stehenden Motivationen könnten lauten: junge Muslime und verschleierte Musliminnen lehnen die europäischen freiheitlichen demokratische Werteordnung ab; sie gehören zur neuen muslimischen Jugendkultur; sie praktizieren einen neuen Antisemitismus, der sich vom alten europäischen Antisemitismus absetzt. Die islamische Tradition kennt feindliche Stereotypen gegenüber der Juden, die islamische Jugendkultur ist dagegen eher eine antizionistische Haltung, denn sie ist zuerst gegen den Staat Israel gerichtet. Die Vertreter dieser Jugendkultur werden angezogen von nahen oder fernen Kriegsfeldern in Nigeria, Syrien oder Mali und der von Hass erfüllten Ideologie des IS oder der Boko Haram.

 

Diese jungen Muslime werden zu einer latenten Gefahr durch die blutigen Kämpfe in afrikanischen und arabischen Ländern sowie durch den Palästina- Konflikt. Aber auch ohne diese Konflikte gäbe es in Europa eine neue islamische Jugend- und Protestkultur. Europäische Konvertiten und die hier geborenen Kinder der muslimischen Einwanderer wollen sich bewusst von der Mehrheitsgesellschaft absetzen. Der Islam ist „cool“, die Freitagspredigt in ausgesuchten Moscheen wird ein Lebenselixier und der Prophet Muhammad ist das absolute Vorbild. Sie haben das starre Korsett des politischen Islam gewählt.

 

Die jungen Muslime in Europa werden in eine Identitätsfalle gestoßen. Sie sind nicht mehr Teil der arabisch-islamischen Kultur ihrer Eltern, fühlen sich auch nicht angenommen von der europäischen Gesellschaft, in der sie ihre Zukunft gestalten müssen. Sie folgen einer Interpretation des Islam, der ihnen einen festen Halt und eine sichere Orientierung gibt. Sie stoßen auf Gleichgesinnte und bilden Cliquen, wo sie Geborgenheit unter Brüder und Schwestern finden, und sie können sich von den „Anderen“, den „Ungläubigen„ besser abgrenzen. Ihre Eltern nannten sich noch Albaner, Algerier, Marokkaner oder Tunesier, die Söhne und Töchter nennen sich nun Muslime. Sie sind in ihrem Identitätsfindungsprozess und im Arbeitsprozess gescheitert. Auffällig bei dieser sozialen und kulturellen Entwicklung ist, dass die türkischstämmigen Jugendliche nach wie vor in den klassischen Moscheevereinen Halt und Heimat finden. In den Cliquen der islamischen Jugendkultur sind sie kaum vertreten.

 

Die djihadistischen oder salafistischen Rekruteure haben ein aufmerksames Auge auf diese Gruppe. Sie sind in den Moscheen aktiv, wo die suchende muslimische Jugend glaubt, eine Orientierung zu finden. Die Prediger in ihren bevorzugten Moscheen lassen sich nicht auf die komplizierte und vielstimmige islamische Tradition ein. Sie vereinfachen sie, indem sie den Islam kurz und bündig zu einer Religion des Friedens erklären. Oder sie verkürzen den Islam auf einen Djihad, einen bewaffneten Kampf für die Wahrheit, für Allah und für den Islam. Dieser simplistische Zugang zum Islam und zur islamischen Tradition lässt keinen Zweifel, Kritik oder Satire zu.

 

Die neue islamische Jugendkultur wird von Predigern genährt, die von der nebulösen Tradition des wahhabitischen Islam Saudi Arabiens beeinflusst sind. Der Islam wird buchstabengetreu interpretiert und außerhalb jeder geschichtlichen Entwicklung gesehen. Es kommt zur absoluten Trennung von „rein“ und „unrein“, von „religiös“ und „profan“. Die islamische Jugendkultur lebt gleichsam in der Situation wie Muhammad in Mekka von etwa 610 bis 622.  Er musste seine Gemeinde aus der Minderheiten- und Märtyrersituation durch die Auswanderung nach Medina mit Hilfe des Djihad zur politischen Macht führen. Die islamische Jugendkultur in Europa folgt diesem Modell, das ein Sich-Einschließen mit gleichgesinnten Muslimen und das Sich-Abgrenzen von der feindlichen Mehrheit bedeutet und den Djihad legalisiert.

 

P. Hans Vöcking

Georges Anawati Stiftung (GAS)

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Der Rat “Landwirtschaft und Fischerei” wird sich in Brüssel treffen. Die jeweils zuständigen Minister der Mitgliedstaaten werden Themen im Bereich der Landwirtschaft und Fischerei diskutieren, wie Lebensmittelsicherheit, Tiergesundheit, Tierschutz und Pflanzengesundheit.
 
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