Montag 24. Juli 2017
#178 - Januar 2015

 

Hefe, CO2-Emissionen und Gott: die wunderbare Welt der synthetischen Biologie und ihre Herausforderungen für die EU

 

Es gibt ein neues Forschungsgebiet, das grundlegende ethische Fragen aufwirft, denen wir uns stellen müssen.


„Und der Mensch schuf das Leben“. Unter diesem einprägsamen Titel berichtete ein großes internationales Nachrichtenmagazin vor einiger Zeit über den jüngsten Erfolg zweier amerikanischer Biologen, Craig Venter und Hamilton Smith, denen es gelungen ist, ein Bakterium mit einem künstlichen Genom, mit anderen Worten ein Lebewesen ohne Vorfahren zu schaffen. Venter, der auch als einer der ersten Forscher gilt, dem es gelungen ist, das menschliche Erbgut zu entschlüsseln (wobei das erste Lebewesen, dessen Erbgut völlig entschlüsselt wurde, ebenfalls ein Bakterium war), verblüffte die wissenschaftliche Gemeinschaft und die Öffentlichkeit einmal mehr im vergangenen März, indem er nun ein künstliches Chromosom für ein Lebewesen mit komplexen Zellen herstellte, ein Hefe-Chromosom.

 

Darum geht es bei der synthetischen Biologie (SynBio): Es handelt sich um ein neues Forschungsgebiet, dessen Ziel es ist, „existierende Organismen durch die Gestaltung und das Synthetisieren künstlicher Gene zu verändern (...) und biologische Systeme zu vervollständigen, um (...) neue und nützliche Funktionen zu erfüllen“ (darunter auch solche, die in der Natur unbekannt sind). Diese Definition stammt aus einer im November 2009 veröffentlichten Stellungnahme der Europäischen Gruppe für Ethik, einem Beratungsgremium der Europäischen Kommission, zum Thema „Ethik der synthetischen Biologie“.

 

Das diesbezüglich anwendbare EU-Recht ist nicht vereinheitlicht worden. Es umfasst u. a. die Gesetzestexte, die für die unterschiedlichen Anwendungen der SynBio gelten, darunter auch die Gesetzgebung für die Bereiche gentechnisch veränderte Organismen (GVO), Arzneimittel, medizinische Produkte und In-vitro-Diagnostika, Gentherapie, klinische Studien, Kosmetika und Chemikalien.

 

Darüber hinaus strebt das EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation für den Zeitraum 2014-2020, Horizont 2020, als eines seiner spezifischen Ziele unter der Säule „Führende Rolle der Industrie“ die Führungsrolle in den Bereichen Grundlagen- und Industrietechnologie an. Ziel ist die Entwicklung „wettbewerbsfähiger, nachhaltiger, sicherer und innovativer industrieller Produkte und Verfahren als Innovationsmotor für eine Reihe europäischer Sektoren wie die Land- und Forstwirtschaft, den Lebensmittel- und Energiesektor, die chemische Industrie und die Gesundheit sowie die wissensbasierte Bioökonomie“. Zu diesen Technologien zählen auch die Biotechnologien, die wiederum die SynBio umfassen.

 

In diesem Zusammenhang sind bereits fünf Aufrufe zur Einreichung von Vorschlägen erfolgt, davon allerdings drei unter der Säule „Gesellschaftliche Herausforderungen“ und einer unter der Säule „Wissenschaftsexzellenz“. Die für diese Aufrufe bereitgestellten Mittel belaufen sich insgesamt auf 423,9 Millionen Euro. Zwei Aufrufe sind noch offen.

 

Mit einem dieser Aufrufe soll ein – wenn möglich auf der SynBio basierter – technologischer Durchbruch bei der Umwandlung von CO2 (aus der Nutzung fossiler Ressourcen) in Ausgangsstoff für die chemische Produktion erreicht werden, wobei das CO2 unmittelbar aus der Atmosphäre oder im Rahmen industrieller Prozesse aufgefangen werden soll. Mit einer derartigen nachhaltigen alternativen Ressource lassen sich industrielle Verfahren entwickeln, bei denen keine oder sogar negative Treibhausgasemissionen entstehen, wodurch sich der Klimawandel aufhalten ließe. Ein anderer Aufruf, ebenfalls aus dem Energiesektor, bezweckt die Entwicklung neuer Technologien für nachhaltige Biokraftstoffe, die nicht mit der Herstellung von Lebens- und Futtermittel um entsprechende Ressourcen konkurrieren. In diesem Zusammenhang ist beispielsweise eine Verbesserung der Umwandlungseffizienz bzw. eine verstärkte Nutzung von Biomasse vorgesehen. Auf diese Weise lassen sich die Produktionskosten senken, was letztendlich zu einem positiven Wettbewerb mit den fossilen Brennstoffen führen wird. Ein weiterer interessanter Aufruf zielt auf wissenschaftliche Durchbrüche in der SynBio ab, die zu sektorenübergreifenden Innovationen beispielsweise in der Gesundheitsfürsorge (Medikamente, Impfstoffe und Diagnostika), im Energiebereich, bei Werkstoffen, Chemikalien, Umwelttechnologien oder in der Landwirtschaft führen und zur technologischen Validierung von auf der Grundlage der synthetischen Biologie hergestellten Produkten dienen sollen. Interessanterweise wird in diesem Zusammenhang auch Wert auf die Risikoeinschätzung, auf ethische und gesellschaftliche Aspekte und auf Fragen des geistigen Eigentums gelegt, die integraler Bestandteil der Vorschläge sein sollen.

 

Die synthetische Biologie wirft wie gesagt grundlegende ethische Fragen auf: so mit Blick auf die biologische Sicherheit und die biologische Vielfalt (darunter auch der Generationengerechtigkeit) oder auf den Schutz vor biologischen Gefahren (im Zusammenhang mit Bioterrorismus und biologischen Massenvernichtungswaffen); auf die Rolle des Vorsorgeprinzips; die Freiheit der Forschung und das Prinzip der Rechenschaftspflicht und der Verantwortung sowie auf den Zugang zu den Forschungsergebnissen (internationale Gerechtigkeit, aber auch auf das Problem der Patentierung versus einem offenen Zugang). Die eigentliche Frage aber, die die synthetische Biologie aufwirft, ist die nach dem grundlegenden Sinn des Lebens und ob der Mensch das Recht hat, in das Leben einzugreifen. Wenn der Mensch wirklich in der Lage ist, „Leben zu schaffen“, stellt sich letztendlich die Frage, ob wir Gott überhaupt noch brauchen.

 

José Ramos-Ascensão

COMECE

 

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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