Donnerstag 16. August 2018
#177 - Dezember 2014

 

Papst Franziskus in Straßburg: Moderne Päpste im Dialog mit der Welt

 

Als Papst Franziskus letzte Woche nach Straßburg kam, um vor dem EU-Parlament und dem Europarat zu sprechen, hat er ein neues Kapitel in der Zuwendung der Kirche zur europäischen Gesellschaft aufgeschlagen.


Als Papst Johannes XXIII. am 11. April 1963 die Enzyklika Pacem in terris veröffentlichte, brach er mit fest verwurzelten Traditionen, denn er richtete seine Worte nicht – wie bislang üblich – an die Geistlichen und Gläubigen der Katholischen Kirche, sondern wandte sich direkt an „alle Männer und Frauen guten Willens“. Die Bewahrung und Schaffung von Frieden und die Vermeidung von Krieg waren schließlich Anliegen aller Menschen. Erfüllt von dem neuen Geist einer Hinwendung zur Welt, durch den sich die Pastoral-Konstitution Gaudium et Spes des Zweiten Vatikanischen Konzils auszeichnete, wagten auch die Nachfolger von Johannes XXIII. den Blick über den traditionellen katholischen Tellerrand hinaus und wandten sich – insbesondere, wenn sie sich zu sozialen oder ethischen Themen äußerten – an ein breiteres Publikum.

 

Knapp ein halbes Jahrhundert ist nun seit dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils vergangen, und seither wurden Enzykliken, Nachsynodale Apostolische Schreiben und Motuproprios von den vier Nachfolgern von Johannes XXIII. auf dem Papstthron veröffentlicht, aber all diese Schreiben waren – unabhängig von der anvisierten Adressatengruppe – im Apostolischen Palast verfasst worden. Mit dem Besuch von Papst Paul VI. in der UNO im Jahre 1965 wurde jedoch eine neue Tradition begründet: die eines gesellschaftlichen Engagements und Dialogs mit der Welt. Statt wie bislang vom Adlerhorst in der obersten Etage des Papstpalastes zu schreiben, suchten die Bischöfe von Rom fortan die persönliche Begegnung mit ihren Zuhörern und sprachen – gewöhnlich auf deren Bitte und Einladung hin – direkt mit ihnen auf ihrem eigenen Grund und Boden. An diese Tradition knüpfte nun Papst Franziskus an, als er am 25. November das Europaparlament besuchte.

 

Als Paul VI. im September 1965 vor den Vereinten Nationen sprach, gebärdete er sich keineswegs wie ein mittelalterlicher Herrscher, der seinen Untertanen die Leviten las, sondern verwies mit Bedacht auf die Kompetenz der Kirche in Sachen „Menschlichkeit“ und erinnerte an ihre lange Tradition als gemeinschaftsbildende Kraft und Förderer echten menschlichen Fortschritts. Die Rede des Papstes in New York wird aufgrund ihres leidenschaftlichen Plädoyers für den Frieden für immer in Erinnerung bleiben: „Jamais plus la guerre.” („Nie wieder Krieg.“). Und tatsächlich haben sich seine Nachfolger vorrangig als Botschafter des Friedens hinaus in die Welt gewagt. Von daher war und ist es für sie naheliegend, auch die als „Friedensprojekt“ geltende EU aufzusuchen.

 

Papst Johannes Paul II. besuchte im Mai 1985 die Europäische Kommission und sprach 1988 zur Vollversammlung des Europaparlaments in Straßburg; mit beiden Besuchen zollte er der Idee des Europäischen Projekts Anerkennung und brachte seine Unterstützung der breitgefächerten politischen Ziele der EU zum Ausdruck. Aber es sollte noch etliche Jahre dauern, bis der polnische Pontifex im Apostolischen Schreiben Ecclesia in Europa (2003) seine Vision von Europa schließlich in Worte fasste; es war die Vision eines Europas, das im Christentum verwurzelt ist und in dem die Kirche eine maßgebliche Rolle spielen müsse.

 

Auch Papst Benedikt XVI. stellte sich der Herausforderung, Parlamentarier in ihren eigenen Gefilden aufzusuchen und mit ihnen in einen Dialog einzutreten: Am 17. September 2010 sprach er in Westminster Hall zu britischen Politikern und führenden Vertretern der britischen Zivilgesellschaft; ein Jahr später, am 22. September 2011, wandte er sich im Deutschen Bundestag in Berlin an die Volksvertreter seines Geburtslandes. Die Stimme, die im Reichstagsgebäude erklang, war die eines Philosophenpapstes, eines weisen und erfahrenen Kirchenmannes, der auf der Grundlage seines eigenen Wissensschatzes und des christlichen Evangeliums einen Rahmen setzte, an dem sich die Entscheidungsträger bei ihrer Suche nach Antworten auf die großen ethischen und sozialen Fragen unserer Zeit orientieren konnten.

 

Als Papst Franziskus nach Straßburg kam, um vor dem EU-Parlament und dem Europarat zu sprechen, wurde ein neues Kapitel in der Zuwendung der Kirche zur europäischen Gesellschaft aufgeschlagen. Es kann keinen Zweifel daran geben, dass der Papst, der gleich zwei seiner Vorgänger, Johannes XXIII. und Johannes Paul II., heiligsprach und einen dritten, Papst Paul VI., bei der Eucharistiefeier zum Abschluss der Außerordentlichen Bischofssynode seligsprach, sich auch in Zukunft für den Frieden einsetzen und der Europäischen Union in ihrem Bestreben, eine offene, menschliche und Armen und Bedürftigen gegenüber großzügige Gesellschaft zu sein, mit weisem Rat beiseite stehen wird, damit sie dieses Ziel bestmöglich erreichen kann. Und nicht zuletzt darf man gewiss sein, dass die Reden, die Papst Franziskus in Straßburg gehalten hat, Teil eines umfassenderen Dialogs mit der Welt sein werden.

 

Patrick H. Daly

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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