Donnerstag 18. Oktober 2018
#177 - Dezember 2014

 

Vor 25 Jahren: Die „Samtene Revolution“

 

Petr Mucha studierte 1989 an der Prager Karlsuniversität in der damaligen Tschechoslowakei. Er entstammt christlich geprägten oppositionellen Kreisen und arbeitet heute als Dozent an der Universität. Hier schildert er, wie er die „Samtene Revolution“ persönlich erlebt hat.


Ganz Europa feiert derzeit den 25. Jahrestag des Falls des Kommunismus. Wie begannen all die Veränderungen damals in Prag?

Es war im Januar 1989, als sich der Todestag Jan Palachs – eines Studenten, der sich aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 selbst verbrannt hatte – zum zwanzigsten Mal jährte. Die kommunistischen Machthaber verboten natürlich jegliche Gedenkfeier; trotzdem fanden während der so genannten „Palach-Woche” mehrere spontane Veranstaltungen und Demonstrationen statt. Diese wurden zwar schließlich von der Polizei brutal niedergeschlagen, aber dennoch blieb einiges an Energie und Hoffnung bestehen.

 

Heißt das, dass das autoritäre kommunistische Regime in der Tschechoslowakei immer noch in der Lage war, oppositionelle Aktivitäten und Umbruchbestrebungen erfolgreich zu unterdrücken?

Nicht ganz, denn es gab ja natürlich die Charta 77 und andere unabhängige Aktivitäten sowie Menschen wie Václav Havel. Aber aufgrund eines zunehmenden Drucks in der Zeit der „Normalisierung“ nach der blutigen Niederschlagung des Prager Frühlings im Jahre 1968 konnte die Opposition in der Tschechoslowakei nicht so rasch wachsen wie in Polen oder Ungarn. Es gab jedoch ein gewisses Erwachen einer religiösen Opposition, in der František Kardinal Tomášek eine wichtige moralische Autorität darstellte. In den 1980er-Jahren gewann die Untergrundkirche an Bedeutung und konnte unbeschadet der kommunistischen Überwachung agieren. Diverse Geheimtreffen und illegale Theologieseminare, die in unserem Keller stattfanden, sind mir in Erinnerung geblieben. Ich war ja damals Student, und ich weiß noch genau, wie ich verbotene Bücher, in einem Schlafsack eingewickelt oder zwischen Sportsachen versteckt, mit Hilfe des gut organisierten Untergrundnetzwerks verteilt habe.

 

Wie war die Situation in der Tschechoslowakei im Herbst 1989, und von wem ging der entscheidende Impuls aus?

Das Schlüsseldatum war der 17. November – der Internationale Tag der Studenten, an dem der von den Nazis 1939 ermordeten Studenten gedacht wurde. Im Gegensatz zur Gedenkfeier für den überzeugten Antikommunisten Jan Palach war diese von Studenten im Gedenken an den nationalsozialistischen Terror organisierte Veranstaltung von den Behörden genehmigt worden. Studenten meines Landes lösen übrigens oft Initialzündungen für Demokratisierungsprozesse aus.

 

Aus dem offiziellen Programm dieser Feierlichkeiten wurde schon bald ein politischer Massenprotest. Der Demonstrationszug, der rasch auf mehrere Zehntausend Teilnehmer anwuchs, machte sich auf den Weg durch die Prager Innenstadt. Ich befand mich im vorderen Teil der Menge und trug eine tschechoslowakische Fahne meiner Hochschule, als der Zug durch eine Polizeiabsperrung in der Narodni-Straße gestoppt wurde. Studenten setzten sich auf den Boden und begannen, das Protestlied „We shall overcome” zu singen, das später zum Hymne der „Samtenen Revolution“ wurde. Anstatt die Demonstration einfach aufzulösen, kesselten die Polizeieinheiten den vorderen Teil des Protestzugs ein und begannen, auf uns einzudreschen. Als wir zu fliehen versuchten, prügelten die Sicherheitskräfte mit Schlagstöcken auf uns ein und veranstalteten mit uns einen wahren Spießrutenlauf.

 

Bereits vorher hatte es etliche Übergriffe durch die Polizei gegeben. Warum nahmen die Ereignisse der „Samtenen Revolution“ gerade mit dieser Demonstration ihren Anfang?

Dieser Marsch wurde zum Katalysator eines solchen Massenprotestes, weil die Polizei bei dieser friedlichen Studentenversammlung noch brutaler vorgegangen war als bei vorherigen Demonstrationen. Ich entsinne mich, wie einige meiner Kommilitonen aus der Menge herausgegriffen und direkt vor unseren Augen von der Anti-Terror-Einheit der Polizei bewusstlos geschlagen wurden.

 

Das war der Anfang vom Ende, nehme ich an?

Ganz genau. Keine Gesellschaft möchte, dass ihre eigene Jugend von der Polizei zusammengeschlagen wird; daher verband uns alle schließlich dieses Ereignis in unserem Protest gegen das Regime. Unser Studentenstreik wurde sofort von den Dissidenten und Künstlern, die oft dem Gewissen der Gesellschaft eine Stimme geben, unterstützt. Meiner Erinnerung nach war es ungeheuer wichtig für uns, dass sich bekannte Schauspieler unseren Kampagnen in den einzelnen Regionen anschlossen oder während des Besetzungsstreiks auch nur einfach in der Universität vorbeischauten. Wir besetzten Tag und Nacht die Universitätsgebäude, und es war alles andere als klar, wie die ganze Sache ausgehen würde. Eine Intervention der Armee, ähnlich wie beim Tian'anmen-Massaker in Beijing, war immer noch im Bereich des Möglichen. In den folgenden Tagen führten die Gründung des oppositionellen Bürgerforums durch Václav Havel, ein landesweiter Generalstreik und auch die Unterstützung durch Kardinal Tomášek dazu, dass der Wandel unumkehrbar wurde. Die Revolution in der Tschechoslowakei vollzog sich ungemein schnell – bereits Ende Dezember 1989 wurde Václav Havel zum tschechoslowakischen Präsidenten gewählt. Es gibt in diesem Zusammenhang übrigens eine sehr passende Redewendung, die besagt, dass das, was 10 Jahre in Polen, 10 Monate in Ungarn und 10 Wochen in Ostdeutschland dauerte, sich innerhalb von 10 Tagen in der Tschechoslowakei vollzogen hat.

 

Es waren wirklich faszinierende Wochen – wir durften die Geburtsstunde unserer Zivilgesellschaft miterleben, und es herrschte eine Atmosphäre von tiefer Solidarität und gegenseitiger Unterstützung. Die Menschen fühlten sich damals einander sehr nah, und es war ein ganz besonderes Erlebnis für viele von uns, in gewisser Hinsicht vergleichbar mit einer spirituellen Erfahrung …

 

Sie haben mehrfach die christliche Dimension erwähnt. War sie in irgendeiner Weise wichtig?

Nun, dies ist wirklich paradox. Unser Land ist bekannt als einer der säkularsten Staaten Europas, und tatsächlich nehmen die Menschen nicht sehr stark am kirchlichen Leben teil. Und doch begann die entscheidende Woche des Umbruchs mit einem sehr religiösen Ereignis – der Heiligsprechung der Agnes von Böhmen in Rom. Für die meisten Menschen war es während der kommunistischen Ära nicht möglich, in den Westen zu reisen; nachdem jedoch Papst Johannes Paul II. ein Datum für die Heiligsprechung im November 1989 festgelegt hatte, entschlossen sich die tschechoslowakischen Behörden, so zu tun, als bestünde in der ČSSR Reisefreiheit, und ließ die Pilger nach Italien fahren. So etwas hatte es bislang noch nie gegeben. Ich selbst wurde gebeten, als Reiseführer eine Pilgergruppe in einem der Busse zu begleiten. Können Sie sich vorstellen, wie es ist, als Student mit Anfang 20, ohne wirkliche Fremdsprachenkenntnisse, auf einmal für eine Gruppe von 50 Pilgern auf ihrer Reise durch Europa verantwortlich zu sein? Es war eine aufregende Zeit … Es hatte seit langer Zeit die Prophezeiung gegeben, dass die tschechischen Gebiete frei sein würden, wenn Agnes von Böhmen heiliggesprochen würde. Obwohl es seit dem 14. Jahrhundert immer wieder Bemühungen um eine Heiligsprechung gegeben hatte, geschah dies erst am 12. November 1989. Und sehen Sie einmal, was dann passierte: fünf Tage nach der Heiligsprechung, am 17. November, brach die „Samtene Revolution” aus! Wie Sie sich sicher vorstellen können, wurde diese Geschichte schnell von der säkularen Tschechoslowakei aufgegriffen …. Man konnte sie einfach nicht ignorieren. Hat Gott nicht einen ausgeprägten Sinn für Humor?

 

Was waren die Erwartungen der „Samtenen Revolution“, und wie sehen Sie es heute?

1989 waren die Erwartungen selbstverständlich riesig. Die Menschen waren damals sehr idealistisch und gingen davon aus, dass sich der Wandel rasch vollziehen werde. Es zeigte sich, dass es nicht ausreicht, lediglich neue demokratische Institutionen zu schaffen, um eine postkommunistische in eine demokratische Gesellschaft umzuwandeln. Die allmähliche Wandlung eines totalitären Geistes in einen freien Geist ist sogar noch viel wichtiger. Ein solcher Prozess braucht länger als eine Generation … Václav Havel machte von Anfang an klar, dass wir nicht nur einen politischen, sondern auch einen moralischen Wandel bräuchten. Auch wenn dies nicht immer ein leichter Weg ist, so bin ich doch glücklich, Teil dieser Reise sein zu dürfen.

 

Das Interview führte Johanna Touzel

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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