Montag 29. Mai 2017
#176 - November 2014

 

Europa und die Welt treffen sich in Prag zum Gedankenaustausch

 

25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist die Hauptstadt der samtenen Revolution zu einem Ort des Gedankenaustauschs über Frieden, Demokratie und staatsbürgerliches Engagement geworden.


In der ganzen Welt, insbesondere aber im Nahen Osten und in Ägypten bedarf es verstärkter Anstrengungen, um die Ideale des Verzeihens, der Koexistenz, des Friedens, der Achtung des anderen und der Achtung der Freiheit, der Demokratie und der Menschenrechte zu verbreiten.“ Mit diesen Worten wandte sich der junge Führer der ägyptischen Revolution, Ahmed Maher, aus seinem Gefängnis in Ägypten an die Teilnehmer der Konferenz „Forum 2000“, die vom 12. bis 15. Oktober in Prag stattfand. „Ich wäre so gerne unter euch, doch die Gitter des Gefängnisses dieses Regimes halten mich fest.“

 

Das Forum 2000 wurde 1996 im Rahmen einer gemeinsamen Initiative des ehemaligen tschechischen Präsidenten Václav Havel, des japanischen Philanthropen Yohei Sasakawa und des Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel ins Leben gerufen. Zur ersten Konferenz 1997 luden sie zahlreiche ranghohe Politiker aus der ganzen Welt nach Prag, um über die Herausforderungen für die Menschheit an der Wende zum 21. Jahrhundert zu diskutieren.

 

In diesem Herbst feiert Prag den 25. Jahrestag seiner samtenen Revolution, der schnellsten Revolution innerhalb des gesamten ehemaligen Ostblocks: Nur anderthalb Wochen dauerte es von den Studentenprotesten in Prag am 17. November 1989, die von der Polizei niedergeschlagen wurden, bis zum Rücktritt der Führer der kommunistischen Partei am 28. November 1989. Und nur einen Monat später, am 28. Dezember, wurde der Intellektuelle und Oppositionsführer Václav Havel zum Präsidenten der Republik gewählt.

 

Bis zu seinem Rücktritt aus dem öffentlichen Leben im Jahr 2003 drückte der philosophische Präsident der tschechoslowakischen und internationalen Politik seinen Stempel auf. Sein Denken und seine politischen Ideen scheinen mehr denn je von Aktualität; seine Werke werden bemerkenswerterweise im Iran, in Venezuela, in Hongkong und überall auf der Welt gelesen, wo sich die Demokratie einen Weg zu bahnen versucht.

 

Während seiner Präsidentschaft und auf seinen Reisen durch die Welt formulierte Václav Havel den Gedanken, „dass es gut wäre, wenn intelligente Menschen von allen Enden der Welt, aus den verschiedenen Kontinenten, Kulturen und verschiedenen religiösen Gemeinschaften, aber auch aus verschiedenen wissenschaftlichen Fachbereichen an einem Ort zusammenkommen würden, um ruhig und besonnen miteinander zu sprechen.“ Auf diese Weise entstand die Idee für die Stiftung „Forum 2000“.

 

Das Forum führt nun das Erbe von Václav Havel fort, indem es die Werte der Demokratie und der Achtung der Menschenrechte fördert, zur Entwicklung der Zivilgesellschaft beiträgt und sich für religiöse, kulturelle und ethnische Toleranz einsetzt. Es bietet eine Plattform für die führenden Politiker der Welt ebenso wie für Freigeister und couragierte Persönlichkeiten aus allen Tätigkeitsbereichen, die es ihnen ermöglicht, sich in einer offenen Debatte über die großen Fragen der Zeit auszutauschen.

 

So haben in den letzten Jahren hochrangige Persönlichkeiten wie seine Heiligkeit der Dalai Lama, Aung San Suu Kyi, Bill und Hillary Clinton, Elie Wiesel, Mary Robinson, Rabbi Michael Melchior, José Ramos Horta, Grigori Jawlinski, Henry Kissinger oder Boutros Boutros-Ghali am Forum teilgenommen.

 

2014 jähren sich zum 25. Mal der Fall des Eisernen Vorhangs und das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989. Ein Vierteljahrhundert nach diesen Ereignissen, die große Hoffnungen geweckt, aber auch Enttäuschungen hervorgebracht haben, widmet sich die diesjährige Konferenz „Forum 2000“ mit dem Titel „Democracy and Its Discontents“ („Der Stand der Demokratie“) diesem Thema.

 

Welche Art von Demokratie erwarteten wir damals? Welche Demokratie wünschen wir uns heute?

Offiziell eröffnet wurde die Konferenz durch eine Rede des früheren russischen Oligarchen und kürzlich entlassenen Häftlings Michail Chodorkowski. Das Programm der dreitägigen Konferenz war beeindruckend, insbesondere angesichts seiner Fülle, mit bis zu vier Runden Tischen, die zeitgleich in verschiedenen Sälen des prachtvollen Palais Žofín im Herzen von Prag abgehalten wurden, sodass die Teilnehmer die Qual der Wahl hatten. Eine Vielfalt an Themen, allesamt gleich spannend: Ist Demokratie im postsowjetischen Raum möglich?; Das Wiederaufkommen autoritärer Regime in der Welt; Die Demokratie in Indien und seinen Nachbarstaaten; Die trojanischen Pferde von Putin: der russische Einfluss auf die rechts- und linksextremen Parteien in Europa; Religion versus Totalitarismus; Die Herausforderungen der Demokratie in Lateinamerika; Jugend in der Politik: zwischen Versprechen und Wirklichkeit u. v. m.

 

Renommierte Experten, Politologen aus Europa, Indien und Amerika tauschten ihre Sichtweisen der Situation aus. Führende Bürgerrechtler aus der ganzen Welt sprachen über ihre Erfahrungen mit Revolution und dem Übergang zur Demokratie, so etwa der junge Blogger aus China Murong Xuecun, der junge Studentenführer aus Venezuela Juan Requesens oder die kubanische Bloggerin und Aktivistin Yoani Sánchez. Ein internationales Publikum, darunter ehemalige Staats- und Regierungschefs, Diplomaten aber auch Studierende verfolgten die für jedermann frei zugänglichen Diskussionen.

 

Es ist bedauerlich, dass nur wenig politische Führungskräfte, Funktionäre und MdEP an der Konferenz teilgenommen haben. Brüssel mag zwar die Hauptstadt der europäischen Institutionen sein, doch sollte man dort auch Interesse an der intellektuellen Hauptstadt Europas zeigen, einem Ort, an dem Revolutionen und Übergänge stattgefunden haben, wo über die Veränderungen von heute und morgen nachgedacht wird: Prag.

 

Johanna Touzel

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

Videos der Runden Tische, das gesamte Programm

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