Dienstag 26. September 2017
#175 Oktober

 

Eine gerechte Energiewende in Europa

 

Die Energieunion wird für die neue EU-Kommission eine wichtige Rolle spielen, ist das Thema Energie doch Teil des Geschäftsbereichs von Alenka Bratušek, die zu den sieben designierten Vizepräsidenten gehört. Wird es ihr gelingen, eine gerechte Energiewende einzuleiten?


Die drohende Ölverknappung ist der beste Beweis dafür, dass Europa alternative Energiequellen benötigt. Die Zukunftsperspektive dieser begrenzten Ressource wird angesichts des steigenden Verbrauchs in den wirtschaftlich aufstrebenden Ländern noch dramatischer, da dieser Anstieg nur bedeuten kann, dass das Erdöl noch schneller zur Neige gehen wird. Die Logik der Erschließung fossiler Energiequellen besteht darin, dass man zunächst die leicht zugänglichen Ressourcen abbaut, bevor man sich an die schwerer zugänglichen Quellen (Tiefsee, Polargebiete) oder an diejenigen heranwagt, die eine komplizierte Abbautechnologie erfordern (wie das Fracking). Ressourcenknappheit und höhere Preisen sind aber in jedem Fall vorprogrammiert. Ist dies die Art von Energiewende, die wir wollen?

 

Eine gerechte Energiewende: eine Herausforderung für Europa“, so lautete das Motto einer Konferenz, die vom 10. bis 12. September 2014 in Paris stattfand. Konferenzveranstalter waren das CERAS, ein von den französischen Jesuiten geleitetes  Zentrum für soziale Analysen, sowie der Herausgeber der bekannten französischen Zeitschrift Projet.

 

Das Konferenzmotto einer „gerechten Energiewende“ ist umso wichtiger, als es eng mit dem Thema Klimawandel verbunden ist. Da eine nachhaltige Zukunft nur möglich ist, wenn es gelingt, die globale Erderwärmung auf einen Wert unter 2° C zu begrenzen, muss auch der Ausstoß von Treibhausgasen, insbesondere von CO2 reduziert werden. Die Erzeugung und der Transport von Energie sind für mehr als die Hälfte der gesamten CO2-Emissionen verantwortlich. Eine Reduzierung der CO2-Ausstöße wiederum ist ohne den Beitrag der erneuerbaren Energien nicht möglich. Die CO2-Ziele werden sich nur mit einem neuen Energiemix, in dem erneuerbare Energien eine wichtige Rolle spielen, erreichen lassen.

 

Ein weiterer Punkt, der die Bedeutung des gewählten Konferenzthemas unterstreicht, ist folgender: Da die Energie in Zeiten schwachen Wachstums eine wichtige Rolle für die europäische Wettbewerbsfähigkeit spielt, würden preiswertere Energieressourcen zweifelsohne ein gewichtiges Argument für die Abkehr von den fossilen Ressourcen bzw. für die Erschließung alternativer Energiequellen darstellen.

Der derzeitige Konflikt in der Ukraine – im Rahmen dessen sich die Europäische Union und Russland gegenseitig mit immer neuen Sanktionen belegen – zeigt, wie akut das Thema der Energiewende ist. Um mehr Energieautarkie zu erlangen, müssen wir neue Modelle zur Erzeugung, Verteilung und zum Verbrauch von Energie entwickeln. Die gegenwärtige Abhängigkeit Europas von ausländischem Gas und Öl stellt eine echte Bedrohung für unsere Lebensstandards und unsere Wirtschaftsaktivitäten dar.

 

Im Übrigen hat es bereits im Vorfeld der Konferenz zielgerichtete Aktivitäten gegeben. So war das CERAS in den Monaten vor der Konferenz im Rahmen unterschiedlicher Arbeitsgruppen tätig. Energieunternehmen, Gewerkschaften und die Zivilgesellschaft waren aufgefordert, ihre Standpunkte auszutauschen und bei der Vorbereitung der Konferenz mitzuwirken. Den Veranstaltern ist dabei zweierlei gelungen: Zum einen haben sie ein Treffen von Experten und Wissenschaftlern zu einem äußerst komplizierten Thema auf die Beine gestellt, zum anderen auf die sozialen Auswirkungen – die soziale Gerechtigkeit – einer derartigen Neuausrichtung aufmerksam gemacht. Die sozialen Auswirkungen der Energiewende wurden während der gesamten Konferenz immer wieder thematisiert. So war in jeder Plenarversammlung und in jedem Workshop mindestens ein Vertreter der Zivilgesellschaft anwesend.

 

Die mehr als 200 Konferenzteilnehmer hörten in den Plenarrunden und den Workshops Vorträge von über 50 Experten aus Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft, Regierung und der Zivilgesellschaft. Erstes großes Diskussionsthema waren die aus dem Energieverbrauch resultierenden Ungleichheiten (Schwierigkeiten beim Zugang zu Transport, Energiearmut) bzw. die aufgrund von Energieproblemen verstärkten Diskrepanzen (Biotreibstoffe versus Nahrungsmittelproduktion). Zweites Thema waren die großen, von CERAS herauskristallisierten Herausforderungen: unsere Konsumgewohnheiten, unser Demokratieverständnis und die Notwendigkeit, die erforderlichen Veränderungen sozial gerecht zu gestalten (insbesondere in sensiblen Bereichen wie der Beschäftigung, der Besteuerung oder der Regulierung der Energiemärkte).

 

Drittes Kernthema der Konferenz schließlich war die europäische Perspektive, in erster Linie mit Blick auf die Finanzierung der Energiewende, den Energiezugang für alle und die europäische energiepolitische Interdependenz. Innerhalb der EU gibt es unterschiedliche Ansätze in Sachen Energieproduktion. In Frankreich setzt man auf Atomenergie, in Polen auf Kohle, in Großbritannien auf die Ölreserven, wobei es natürlich auch darauf ankommt, ob ein Land über die entsprechenden Energieressourcen verfügt oder nicht. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass sich die Europäische Union dazu verpflichtet hat, saubere und erneuerbare Energiequellen aufzutun und in Europa ein integriertes Stromversorgungsnetz aufzubauen. Wie bei der Konferenz unterstrichen, ist die Energiewende nur dann sinnvoll, wenn sie in einem Europa stattfindet, dass sich nicht nur als Energieunion, sondern auch als Raum der Integration versteht. Vor dem Hintergrund der gewaltigen Summen, die zur Umsetzung dieser Wende erforderlich sind, sollte die Energie einen Beitrag zur Integration unserer Wirtschaften und Gesellschaften leisten.

 

Auch hier wurde in der Diskussion deutlich, dass Fragen der Gerechtigkeit in Europa nicht nur aus einem technischen Blickwinkel heraus gelöst werden können. Eines aber wurde auch klar: Zur Förderung einer gerechteren Gesellschaft brauchen wir den integrierenden Beitrag aller Beteiligten. Hierfür ist der Energiebereich ein gutes Beispiel.

 

Jose Ignacio Garcia SJ

JESC

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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