Donnerstag 16. August 2018
#173 - Juli-August 2014

 

Ein europäischer Kultursommer

 

Bringen uns kulturelle Austausche und offene und ehrliche Dialoge über unsere religiösen Überzeugungen einander näher oder treiben sie uns eher auseinander?


Die wachsenden internationalen Spannungen, von denen das Jahr 2014 gekennzeichnet ist – und wir sind gerade mal am Ende der ersten Jahreshälfte angelangt – werden von vielen als symptomatisch für einen tief greifenden Kampf der Kulturen, einem unmittelbaren Zusammenprall unterschiedlicher Weltanschauungen erachtet. Allzu oft sind religiöse Überzeugungen Teil dieses explosiven Gemischs. Kulturelle Feierlichkeiten dagegen tragen dazu bei, unseren Horizont zu erweitern, gleichwohl die unterschiedlichen Kulturen (nicht nur dank Facebook und dem Internet) mittelweile so sehr zusammengewachsen sind, dass der kulturelle Austausch zu einer Art Soft Power-Übung geworden ist, im Rahmen derer Musik, Literatur (insbesondere Poesie) und die bildenden Künste Menschen, die meinen, sehr unterschiedlich zu sein, erkennen lassen, wie groß die Gemeinsamkeiten in Wirklichkeit sind.

 

Der Sommer ist die Zeit der Festveranstaltungen. Und Festveranstaltungen – seien es Festspiele, Sommerschulen oder sportliche Wettbewerbe – fördern die interkulturelle Diplomatie.

 

Vor 55 Jahren fand in der irischen Stadt Sligo die erste Yeats International Summer School statt (mein verstorbener Vater war einer der Initiatoren). Seit über einem halben Jahrhundert ist diese Veranstaltung zu einem Magneten für Studierende und Stipendiaten aus der ganzen Welt geworden, die in eine der schönsten Städte Irlands kommen, um mehr über den Nobelpreisträger William Butler Yeats, der als der größte englischsprachige Dichter des 20. Jahrhunderts gilt, und die Landschaft, die ihn zu seinen Versen inspirierte, in Erfahrung zu bringen. Dem Sligo-Projekt folgten weitere internationale Sommerschulen und Festivals in ganz Irland, die allesamt für ihre angeregten Diskussionsrunden bis zum keltischen Morgengrauen bekannt sind.

 

Der englische Sommer beginnt am 1. Mai mit einem großen Literaturfestival in der walisischen, unmittelbar an der Grenze zu England gelegenen Ortschaft Hay on Wye, in der es mehr Second-Hand-Buchläden gibt als in allen anderen Städten des Vereinigten Königreichs. Das Festival selbst versteht sich als „Gelegenheit zu einem tief greifenden Austausch über das Entdecken und intellektuelle Abenteuer“. Wenn die Tage dann kürzer werden und die Temperaturen zu sinken beginnen, beginnt in Edinburgh nördlich des Hadrianwalls ein weiteres bekanntes Festival, das mit einem äußerst bunten und ereignisreichen Rahmenprogramm aufwartet.

 

Auch im restlichen Europa gibt es in den Sommermonaten zahlreiche Festveranstaltungen. Um nur einige zu nennen: die Salzburger Festspiele, auf denen neben Opern des gebürtigen Salzburgers Wolfgang Amadeus Mozart ein umfangreiches Repertoire an klassischen Werken zur Aufführung kommen; das Torhout-Werchter Rock Festival (bei dem die bekannte Rockband U-2 einen ihrer ersten Auftritte auf dem europäischen Festland hatte) oder aber die Bayreuther Festspiele, die in diesem Jahr vom 25. Juli bis 28. August stattfinden und die Jahr für Jahr Liebhaber von Richard Wagner-Opern aus der ganzen Welt nach Bayreuth locken.

 

Auch bei religiösen Feierlichkeiten kommen zahllose Menschen zusammen, um gemeinsam zu beten, zu singen, Prozessionen abzuhalten und sich um einen gemeinsamen Tisch zu versammeln. Zu solchen Veranstaltungen zählen das Liborifest in Paderborn (26. Juli - 3. August), das Jakobusfest in Santiago de Compostella (25. Juni) oder die jährlichen Wallfahrten zahlreicher fußmüder Pilger, die aus ganz Polen anlässlich des Festes Mariä Himmelfahrt am 15. August zum Schrein der Schwarzen Madonna nach Tschenstochau strömen.

 

Hat dies irgendetwas mit der europäischen Integration zu tun? Diese Frage lässt sich eindeutig bejahen. Festveranstaltungen schärfen das Bewusstsein für unser gemeinsames kulturelles Erbe und die ihm zugrunde liegenden Werte, sie ermöglichen Menschen, ihren Stolz auf ihre Stadt oder Region mit Besuchern aus anderen Teilen Europas oder der Welt zu teilen, führen uns vor Augen, dass gemeinsames Feiern, Singen und Beten dazu beiträgt, den anderen besser zu verstehen und lassen uns die vielen Facetten unserer komplexen Identität erspüren.

 

So richtete Kommissionspräsident José Manuel Barroso anlässlich eines Treffens ranghoher Glaubensvertreter am 10. Juni 2014 einen erneuten Appell an die Europäerinnen und Europäer und forderte sie auf, sich verstärkt auf die Suche nach der „Seele“ Europas zu machen. Dieser Aufruf war beinahe so etwas wie ein Abschiedsgruß des scheidenden Kommissionspräsidenten, dessen Mandat im Oktober zu Ende geht. Vielleicht sollte Herr Barroso vom 27. Juli bis 3. August ein Zimmer im Great Southern Hotel in Sligo buchen, um an der 55. Ausgabe der Internationalen Sommerschule in Yeats teilzunehmen.

 

Patrick H. Daly

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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