Dienstag 26. September 2017
#172 - Juni 2014

 

Neues Erdbeobachtungsprogramm „Copernicus

 

Seit Anfang April dreht Sentinel-1A, der erste einer Reihe von Copernicus-Satelliten, im Weltall seine Kreise und ermöglicht uns eine weiträumige Umweltbeobachtung. Er ist Teil des neuen europäischen Vorzeigeprogramms „Copernicus“.


Schätzungsweise 600 Millionen Menschen weltweit verfolgten die Live-Übertragung der Mondlandung der Apollo 11 am 21. Juli 1969 (UTC) vor ihren Fernsehern. Heute gehören die bemannte Raumfahrt, Raumfahrtsysteme und weltraumgestützte Technologien, wie etwa der Bereich der Telekommunikation, des Fernsehen oder der Wettervorhersage zu unserem Alltag. Dementsprechend findet der Start eines neues Satelliten – wie der neue ESA-Satellit Sentinel-1A, der in der Nacht zum 4. April vom europäischen Weltraumbahnhof in Kourou (Französisch-Guayana) startete – wenig Niederschlag in der Öffentlichkeit.

 

4,3 Mrd. Euro schweres Programm

Nach Einigung im Trilog im vergangenen Dezember verabschiedeten das Europäische Parlament am 12. sowie der Rat der Europäischen Union am 24. März die Verordnung über den Aufbau des satellitengesteuerten Erdbeobachtungsprogramms Copernicus. Es setzt das Programm „Globale Umwelt- und Sicherheitsüberwachung (GMES)“ innerhalb des mehrjährigen Finanzrahmens für die Jahre 2014-2020 unter neuem Namen fort.

 

Wie der im polnischen Torun geborene Astronom Nikolaus Kopernikus im 16. Jahrhundert ein besseres Verständnis der Welt ermöglichte, soll das nach ihm benannte Programm tiefere Einsichten über unseren sich wandelnden Planeten eröffnen. Die gewonnenen Erkenntnisse wiederum bilden die Grundlage für konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger. Das Copernicus-Programm ist mit einem Budget von fast 4,3 Mrd. Euro ausgestattet. Streitpunkte im Rat waren dem Vernehmen nach bis zuletzt die Kompetenzverteilung zwischen der Kommission einerseits und der Europäischen Raumfahrtsorganisation (ESA) und der Europäischen Organisation für meterologische Satelliten (EUMETSAT) andererseits bei der Auftragsvergabe.

 

Bereitstellung von Informationen zur Umwelt

Mit Copernicus soll Europa ein kontinuierlicher, unabhängiger und verlässlicher Zugang zu Erdbeobachtungsdaten und -informationen ermöglicht werden. Das Programm besteht aus folgenden Komponenten: Die Dienstekomponente zur Gewährleistung der Bereitstellung von Informationen in den Bereichen Überwachung der Atmosphäre, Überwachung der Meeresumwelt, Landüberwachung, Klimawandel, Katastrophen und Krisenmanagement und Sicherheit. Unter der In-situ-Komponente sind all die Beobachtungssysteme zusammengefasst, die nicht im Weltraum betrieben werden. Das Programm sieht hier die Gewährleistung eines koordinierten Zugangs zu Beobachtungen durch luft-, see- und bodengestützten Einrichtungen vor. Schließlich enthält das Programm eine Weltraumkomponente zur Gewährleistung einer nachhaltigen Verfügbarkeit von satellitengestützten Beobachtungen.

 

In diese Komponente sind beiden Sentinel-1 (A und B) Satelliten als erste von insgesamt sechs Missionen aus der Reihe der sog. Sentinel Satelliten (zu Deutsch: „Wächter“) einzuordnen. Der jüngst erfolgreich gestartete Sentinel-1A Satellit sorgt nunmehr für eine weiträumige Umweltbeobachtung. Er ist so vorprogrammiert, dass hochauflösende Bilder der Landmassen, Küstenzonen und Schifffahrtsrouten auf den Weltmeeren geliefert werden. Auf diese Weise überwacht er beispielsweise die Meereisflächen und die arktische Umwelt, die Meeresumwelt oder sorgt für eine präzise Kartierung von Landflächen (Wälder, Gewässer, Böden und nachhaltige Landwirtschaft) oder unterstützt das Katastrophenmanagement.

 

Nutzer des Copernicus-Programms

Kernnutzer des Copernicus-Programms sind die Organe und Einrichtungen der Union sowie europäische, nationale, regionale oder lokale Behörden, die mit der Definition, Umsetzung, Durchsetzung oder Kontrolle eines öffentlichen Dienstes bzw. einer Politik (wie z. B. der Überwachung der Atmosphäre, der Meeresumwelt, der Landüberwachung, dem Klimawandel oder etwa Katastrophenschutz) betraut sind. Als weitere Nutzer des Copernicus-Programms werden die Forschung, d. h. Universitäten oder andere Forschungs- und Bildungseinrichtungen, Wohltätigkeitsorganisationen, nichtstaatliche Organisationen sowie internationale Organisationen und nicht zuletzt gewerbliche und private Nutzer genannt.

 

Im Jahr 2012 veröffentlichte das Netzwerk der Weltraumtechnologie nutzenden Regionen europäischer Regionen (kurz: NEREUS) zusammen mit der ESA einen Bericht The Growing Use of GMES Across Europe’s Regions“. In diesem stellen regionale Endnutzer, Forschungsinstitute und Industrieanbieter das Innovationspotenzial und den zu erwartenden wirtschaftlichen und sozialen Nutzen dar.

 

In der spanischen Region Andalusien hat man beispielsweise unter Nutzung von hyperspektraler Fernerkundungsdaten die Abgrenzung und Charakterisierung von Seegrasbeeten verbessern können. Seegraswiesen bilden ein wesentliches Küstenökosystem. Aus einer Kombination der Aufnahmen der zum Copernicus-Programm gehörenden Sentinel-2 und -3 Satelliten erhofft man sich eine bessere Umweltanalyse der Unterwasserküstenregionen. Der Zustand der Seegrasbeete stellt einen Referenzpunkt dar.

 

Mit Blick auf die Unternehmen in der EU erhofft man sich, dass Copernicus diesen hilft, neue Arbeitsplätze zu schaffen und durch die Dienste für die Erstellung und Verbreitung von Umweltdaten sowie durch die Raumfahrtindustrie selbst, neue Geschäftschancen zu erschließen. So zählt die Kommission ganz unterschiedliche Wirtschaftszweige, wie etwa den Verkehrssektor, das Versicherungsgewerbe oder gar die Landwirtschaft zu den (indirekten) Profiteuren von genauen und zuverlässigen Erdbeobachtungsdaten.

 

Politische und rechtliche Einordnung

Das Copernicus-Programm ist eingebettet in die europäische Raumfahrtpolitik. Der Vertrag von Lissabon stattet die Europäische Union erstmals mit einer Kompetenz in diesem Politikfeld aus. Es handelt sich jedoch um einen Bereich der sog. geteilten Zuständigkeit (Artikel 4 Absatz 3 AEUV). Das bedeutet, dass ein Tätigwerden der EU auf diesem Gebiet, ein Tätigwerden der Mitgliedstaaten nicht sperrt.

 

Konkretisiert wird das mögliche Handeln der EU in Artikel 189 AEUV. Er erteilt ihr das Mandat, eine europäische Raumfahrtpolitik zu entwickeln, indem sie gemeinsame Initiativen fördert, die Forschung und technische Entwicklung unterstützt und die zur Erforschung und Nutzung des Weltraums erforderlichen Aktivitäten koordiniert. Dies hat die Förderung des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts, der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und der Durchführung ihrer Politiken zum Ziel. Im Jahr 2011 hatte die Kommission mit der Mitteilung „Auf dem Weg zu einer Weltraumstrategie der Europäischen Union im Dienst der Bürgerinnen und Bürgerbereits ihre Pläne vorgelegt.

 

Neben den vorrangigen Maßnahmen im Bereich der Satellitennavigation (siehe die Programme Galileo und EGNOS) und dem Copernicus-Programm im Dienste der Umwelt und der Bekämpfung des Klimawandels wird u. a. in der Raumfahrtindustrie ein Wachstums- und Innovationsmotor gesehen. Von letzterer erwartet man hochqualifizierte Arbeitsplätze sowie Marktchancen für innovative Produkte und Dienstleistungen, die weit über den Raumfahrtsektor hinausreichen. So soll der Weltraumsektor einen direkten Beitrag zur Verwirklichung der Europa 2020-Strategie leisten. Der Rat der EU und das Europäische Parlament begrüßten die Mitteilung – wenngleich mit Modifikationen – grundsätzlich.

 

Zu guter Letzt ...

Die EU erhofft sich von ihrem neuem Prestige-Progamm Copernicus eine leistungsfähige und nachhaltige Erdbeobachtungsinfrastruktur für Europa. Ausgehend von Studien rechnet die Kommission zudem mit einem finanziellen Nutzen in Höhe von etwa 30 Mrd. EUR und 50.000 neuen Arbeitsplätzen bis 2030. Neben dieser rein ökonomischen Betrachtung bleibt schließlich ein nicht bezifferbarer Beitrag des Programms zu unserer gemeinsamen Verantwortung für den Erhalt unseres Planeten.

 

Anna Echterhoff

COMECE

 

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