Tuesday 26. January 2021
#166 - Dezember 2013

 

“Also habe ich bei all den Mächtigen in Brüssel angeklopft.’’

 

Dies erzählte Francesco Montenegro, Erzbischof von Agrigent, nachdem er in der Zeit vom 5. bis zum 8. November die höchsten Instanzen der EU aufgesucht hatte.


Francesco Montenegro, Erzbischof der Diözese Agrigent, zu der auch die Insel Lampedusa gehört, hatte sich von der „Insel der Traurigkeit“ in die „Hauptstadt der EU” aufgemacht, um die Stimme der Armen in die Hauptsitze der EU-Institutionen zu tragen. Während seines Brüssel-Aufenthaltes war er Gast der COMECE und ließ uns an seinen Gedanken teilhaben.

 

Haben Sie nach den Tragödien, die sich unlängst vor Lampedusa abgespielt haben, den Eindruck gewonnen, dass die italienischen und europäischen Behörden nun tatkräftiger auf die humanitäre Krise in Zusammenhang mit Migration reagieren?

 

Wir alle waren tief erschüttert angesichts des jüngsten Unglücks, bei dem mehr als 400 Menschen, die alle in einem einzigen Boot Afrika verlassen hatten, ihr Leben verloren. Gleichzeitig müssen wir uns vor Augen führen, dass Schätzungen zufolge in den vergangenen drei Jahrzehnten 20.000 Menschen auf ihrem Weg von Afrika in die EU ertrunken sind, so dass das Mittelmeer schon zu einem riesigen „Wassergrab“ geworden ist. Solche Tragödien sollten uns berühren, denn wenn ein Mensch unter derartigen Umständen stirbt, ist es eine Niederlage für die Menschheit. Wir sollten nicht warten, bis hohe Todeszahlen uns wach rütteln, und erst dann fragen, ob etwas getan werden muss.

 

Die jüngsten Ereignisse in Lampedusa haben viele Menschen zum Nachdenken angeregt und ihr Gewissen geweckt; allerdings muss hinzugefügt werden, dass dies bei zahlreichen Menschen nur ein momentanes Gefühl ist, das sich bereits verflüchtigt. Haben nun die Flüchtlingsdramen reale Initiativen ausgelöst, dank derer effektiver auf die Situation reagiert werden kann? Ich würde sagen, dass bis jetzt noch nicht allzu viel geschehen ist. Genau genommen können wir keine wirklichen Fortschritte erkennen. Es wurden viele Versprechen gemacht, aber noch nichts in die Tat umgesetzt. Am Auffangzentrum für Flüchtlinge auf Lampedusa, dessen Kapazität dem Massenansturm an Migranten nicht gewachsen ist, hat sich noch nichts geändert. Das Zentrum ist für die Unterbringung von bis zu 250 Menschen ausgelegt, beherbergt zurzeit aber etwa tausend Flüchtlinge in behelfsmäßigen Unterkünften.

 

Seit einigen Tagen sind Sie nun in Brüssel. Was hat Sie dazu bewegt, die EU-Institutionen aufzusuchen? Kann Ihrer Meinung nach das Problem der Asylsuchenden effektiver auf europäischer Ebene gelöst werden?

 

Bei meinem Besuch in Brüssel ging es mir vor allem darum, bei all den Mächtigen, bei den Entscheidungsträgern anzuklopfen, um ihnen die Botschaft der Armen zu überbringen und ihnen zu berichten, was diese Menschen tagtäglich erleben. Genau genommen muss man bei den Armen auf Lampedusa zwei unterschiedliche Gruppen mit ihrer jeweils eigenen Stimme unterscheiden: Zum einen gibt es die Gruppe der Migranten, zum anderen die der Inselbewohner, die von den Flüchtlingsmassen geradezu erdrückt und gleichzeitig mit der Bewältigung der Situation alleingelassen werden. Ich bin also zu den Hauptsitzen der EU-Institutionen gereist, um davon zu berichten, was auf der Insel und in den Aufnahmeländern geschieht. Meiner Meinung nach könnte die Situation der Asylsuchenden verbessert werden, aber dazu müsste auf der Ebene der EU-Mitgliedstaaten zumindest eine gewisse Einigkeit erzielt werden. Echte Zusammenarbeit innerhalb der EU im Bereich der Flüchtlingspolitik ist ein noch in weiter Ferne liegendes Ziel, und Fortschritte bei der Kooperation werden zu langsam erzielt, als dass der Migrationsdruck bewältigt werden könnte.

 

Was haben Ihre Gespräche mit den EU-Kommissaren und dem Präsidenten des Europäischen Rates, Herman Van Rompuy, ergeben?

 

Alle versicherten mir, wie betroffen sie von den jüngsten Ereignissen seien und dass sie seit dem Bootsunglück Anfang Oktober mehr über die Problematik nachgedacht hätten. Aber wie ich bereits gesagt habe, erweist sich die gemeinsame Entscheidungsfindung als sehr schwierig. Es gibt mehrere Initiativen wie Frontex und die Einrichtung der Europäischen Task Force im Mittelmeerraum. In diesem Zusammenhang können wir allerdings nur hoffen, dass es nicht allein darum geht, mit Hilfe neuer Instrumente Migranten den Weg nach Europa zu versperren oder, anders gesagt, Dämme gegen die Flüchtlingsflut zu bauen! Eine erhöhte Präsenz europäischer Schiffe im Mittelmeer brächte vermutlich mehr Sicherheit für die Menschen, die in Booten aus Afrika fliehen, und würde die Zahl der Todesopfer senken; aber wir dürfen nicht glauben, dass das Problem der Migration dadurch gelöst werden kann, dass Flüchtlinge lediglich abgewiesen werden, denn heutzutage ist Migration schon fast ein Naturgesetz.

 

Wir erleben derzeit einen Massenansturm an Migranten, weil vielerlei Schwierigkeiten, insbesondere Armut und Hunger, die Menschen zum Verlassen ihrer Heimat zwingen, so wie auch in der Vergangenheit Menschen aus unterschiedlichen Gründen emigrieren mussten. Auch Italiener haben in früheren Zeiten immer wieder ihre Taschen gepackt und sich über die ganze Welt verstreut. Versuchte man Emigration durch strengere Gesetzte einzudämmen, würde dies scheitern – da bin ich mir sicher. Es würde sogar heftige Gegenreaktionen auslösen … Wir sollten uns vor Augen führen, dass es gefährlich sein kann, wenn sich der Zorn der Armen entlädt. Wenn wir uns hingegen ernsthaft darum bemühen, Lösungen zu finden – mögen sie nun klein oder groß, kurz- oder langfristig sein –, dann besteht Hoffnung auf Erfolg.

 

Wir stehen kurz vor den Wahlen zum Europäischen Parlament, die im Frühjahr 2014 stattfinden werden. Welche Botschaft möchten Sie an die Katholiken als EU-Bürger richten, insbesondere im Hinblick auf die Migrationspolitik der EU?

 

Wir stehen kurz vor den Wahlen, und dies scheint leider ein schlechtes Zeichen zu sein, da während des Wahlkampfes alles zum Stillstand kommt. Stehen Wahlen an, muss meines Erachtens die Suche nach einer Lösung der Migrationsfrage auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Eine Botschaft an die Katholiken als EU-Bürger? Ich glaube, dass wir alle dazu aufgerufen sind, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Wir müssen Menschen unterstützen, die über den notwendigen Weitblick verfügen und ihre persönlichen und nationalstaatlichen Interessen hintanstellen. Wir müssen Menschen unterstützen, die daran glauben, dass nicht die Wirtschaft Europa dominieren sollte und dass nicht wirtschaftliche Aspekte allein die EU-Gesetzgebung bestimmen sollten, denn Geld ist nichts weiter als ein Götze. Ich glaube vielmehr, dass wir uns dafür einsetzen müssen, dass der Mensch in den Mittelpunkt gestellt wird.

 

Inwiefern?

 

In dem Sinne, dass es bei Migration nicht um Zahlen und Schlagzeilen geht, sondern um Menschen, die sterben müssen, weil sie überleben wollen. Es geht um Menschen, die gezwungen sind, einen solch hohen Preis für ihr Überleben zu zahlen. Dieser Preis ist letztendlich das Ergebnis von Entscheidungen, die wir selbst getroffen haben. Ich habe nun die Aufgabe, den Entscheidungsträgern der europäischen Institutionen zu verdeutlichen, dass wir heute für die Folgen der Kolonialisierung zahlen; wir haben den afrikanischen Kontinent benutzt und ausgebeutet – einen Kontinent, den wir als „arm“ bezeichnen, der aber tatsächlich reich ist; einen Kontinent, der Reichtümer besitzt, von denen wir profitieren, während die Afrikaner größtenteils weiterhin in Armut leben. Wir müssen unsere Augen – und vor allem unsere Herzen – öffnen, wenn wir auf der Grundlage des Evangeliums unsere Entscheidungen treffen.

 

die interview führte Johanna Touzel

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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