Mittwoch 20. März 2019
#160 - Mai 2013

 

Schiefergas: eine kontroverse Diskussion

 

Unsere Wirtschaft und Lebensweise basieren auf einem immer höheren Energiebedarf. Technologisch ist es heute möglich, Erdgas zu gewinnen, das bislang außer Reichweite lag. Doch wie tief können wir in den Erdboden bohren und wie stark sollten wir unserem Hunger nach Energie nachgeben?


Europa hat zwar im Vergleich zu anderen Kontinenten eine relativ geringe Oberfläche, doch ist der Kontinent einer der größten Gasimporteure der Welt. Angaben der Internationalen Energieagentur zufolge sinkt die europäische Gaserzeugung stetig, während die Importe aufgrund der steigenden Nachfrage bis 2035 auf rund 450 Milliarden Kubikmeter anwachsen werden. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum das weltweite Interesse an der amerikanischen „Schiefergasrevolution“, dem sogenannten „Fracking“, einem Phänomen mit konkreten Folgen für die globalen Gas- und Energiemärkte, so groß ist. Das Thema ist allerdings alles andere als unumstritten, insofern das Verfahren zur Gewinnung von Schiefergas ernsthafte ökologische und gesundheitliche Bedenken und damit ethische Fragen mit Blick auf die Abwägung der zu erwartenden positiven und negativen Auswirkungen aufwirft.

 

Was genau ist Schiefergas?

Schiefergas ist ein unkonventionelles Naturgas, das ähnlich wie eingeschlossenes Erdgas (Tight Gas) und Methan aus Steinkohlevorkommen in organisch reichhaltigen Gesteinsformationen tief im Erdboden lagert. Seine Gewinnung erfordert zwei neue, äußerst anspruchsvolle Technologien. Beim horizontalen Bohren wird zunächst in eine Tiefe von bis zu 7000 Metern gebohrt, bevor horizontal bis zu weiteren 2000 Metern weiter gebohrt wird. Anschließend erfolgt eine sogenannte hydraulische Frakturierung (auch Fracking genannt), im Rahmen derer unter Hochdruck eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien in das Felsgestein eingepresst wird. Aus den so entstandenen Rissen kann das eingeschlossene Gas schließlich durch die Bohrlöcher an die Oberfläche entweichen.

Unter dem europäischen Kontinent wurden drei derartige Schiefergasvorkommen ausgemacht. Worauf warten wir also? Sollten wir uns nicht schleunigst an die Ausbeutung dieses Naturguts machen?

 

Eine lebhafte politische und öffentliche Debatte in Europa

Befürworter der ihrer Ansicht nach viel versprechenden Fracking-Technologie in Europa verweisen gerne auf die langjährigen Erfahrungen aus Nordamerika, wo bereits in den 1820er-Jahren in New York die ersten Bohrungen stattfanden. Eine rentable Produktion jedoch ist technologisch erst seit wenigen Jahren möglich. Zwischen 2000 und 2009 ist der Anteil des Frackings an der amerikanischen Erdgasförderung von 1 % auf 20 % gestiegen, was zu einer erheblichen Reduzierung der Energiepreise geführt und Nordamerika von einem Gasimporteur zu einem Gasexporteur gemacht hat. Die Folgen für die europäische Wirtschaft liegen auf der Hand. Unsere hohe Abhängigkeit von Energieimporten aus oftmals politisch instabilen Regionen ist nicht nur aus geopolitischer Sicht, sondern auch mit Blick auf die Energieversorgungssicherheit von großer Bedeutung. Auch die Angebotsvielfalt ist ein wichtiger Faktor bei der Umsetzung der ehrgeizigen Ziele der EU-Energie- und Umweltagenda.

 

Andererseits ist die Schiefergasproduktion extrem problematisch, in erster Linie aufgrund der hydraulischen Frakturierung. Das Fracking erfordert nämlich eine Unmenge an Wasser, das anschließend nicht wiederverwendet werden kann, da es mit Sand und Chemikalien versetzt ist. Ein anderes Problem ist die an den Bohrzonen infolge der Frakturierung der unterirdischen Felsformationen zu beobachtende Seismizität. Die Bohrungen lösen zwar für gewöhnlich nur sehr schwache Erdbeben aus, doch stellen diese eine Bedrohung für die Bohrungsintegrität und damit ein Kontaminationsrisiko für das Grundwasser dar. Hinzu kommt, dass Schiefergas Analysten zufolge nicht dazu geeignet ist, Europas Abhängigkeit von anderweitigen oder externen Energiequellen in erheblichem Maße zu reduzieren.

Diese und ähnliche Erwägungen spiegeln sich auch in den von den EU-Institutionen vertretenen Positionen wider. Vertraglich steht es den EU-Staaten frei, über ihren eigenen Energiemix zu entscheiden. Polen etwa ist federführend bei der europäischen Schiefergaserzeugung, wohingegen Frankreich und Bulgarien das Fracking verboten haben. Einige der mit diesem Verfahren zusammenhängenden Faktoren haben grenzüberschreitenden Charakter, andere fallen sogar unmittelbar unter EU-Recht, wie Wasser, Chemikalien oder die Umwelthaftung.

 

Kann und sollte die EU eine gemeinsame Position zum Thema Schiefergas verabschieden?

Die Institutionen der Europäischen Union setzen sich derzeit intensiv mit der Frage auseinander, ob und wie Europa einen Schiefergasmarkt schaffen sollte. Das Europäische Parlament hat im vergangenen November zwei nichtlegislative Entschließungen verabschiedet, die eine zu „Industrie-, Energie- und anderen Aspekten von Schiefergas und -öl“, die andere zu „den Umweltauswirkungen von Tätigkeiten zur Gewinnung von Schiefergas und Schieferöl“. Die Kommission ihrerseits hat drei Studien und eine öffentliche Konsultation durchgeführt. Letztere wurde vergangenen Monat beendet und die Ergebnisse werden in Kürze auf ihrer Webseite Energie und Umwelt veröffentlicht. Unter einvernehmlichen Verweis auf die kontroverse Natur dieser Thematik fordern beide Institutionen als conditio sine qua non für entsprechende Entscheidungen weitere wissenschaftliche Untersuchungen und eine aktive Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger. Wissenschaftliche Präzision und öffentliche Rechenschaftspflicht sind gewiss der richtige Weg, aber können wir sicher sein, dass möglich und akzeptiert gleich gerecht und fair sind?

 

Eine erste ethische Beurteilung des Frackings wurde im Januar 2013 von der Europäischen Gruppe für Ethik der Naturwissenschaften und der neuen Technologien der Europäischen Kommission herausgegeben. In ihrem Abschlussbericht vertritt die Gruppe einen klaren Standpunkt: Grünes Licht für das Fracking sollte es erst geben, wenn die Garantien für Sicherheit und Umwelt gegeben sind. Derzeit aber sollte diese Technologie „innerhalb der EU nicht weiter verfolgt werden“.

 

Aus christlicher Sicht von Schöpfung und Leben ist Folgendes zu sagen: Zum einen verstößt die Ausbeutung von endlichen fossilen Rohstoffen gegen die Politik der Nachhaltigkeit, insbesondere vor dem Hintergrund des Klimawandels. Zum anderen stellt das Bohren in tiefe Gesteinsformationen eine extrem schädliche, ressourcenverschlingende (Wasser, Land, Abzweigung von Investitionen aus ökologischeren Projekten) und invasive Technologie dar. Und schließlich ist die Ausbeutung von Gemeinschaftsgütern als privater Rohstoff äußerst umstritten. Es stellt sich ferner die Frage, ob die Beibehaltung des gegenwärtigen, nicht nachhaltigen Energiemodells wirklich eine gute Option ist. Sollten wir nicht vielmehr die Menschen dazu anregen, besser mit weniger Energie zu leben?

 

Die politischen Entscheidungsträger werden sämtliche relevanten Aspekte abwägen müssen, tragen sie doch Verantwortung für nicht rückgängig zu machende Aktionen auf unserem Planeten, den wir alle auch in Zukunft unsere Heimat nennen möchten.

 

Francesco Masina

COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

Teilen |
europeinfos

Erscheint in Deutsch, Englisch und Französisch
COMECE, 19 square de Meeûs, B-1050 Brüssel
Tel: +32/2/235 05 10
e-mail: europeinfos@comece.eu

Chefredakteure: Martin Maier SJ

Hinweis: Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung des Jesuit European Office und der COMECE dar.
Darstellung:
http://europe-infos.eu/