Montag 25. September 2017
#157 - Februar 2013

 

Mit ihrer Biokraftstoff-Politik verschärft die EU die Ernährungsunsicherheit in Afrika

 

Die steigende Nachfrage nach Biokraftstoffen ist eine der Hauptursachen für die derzeitige Volatilität der Lebensmittelpreise. Zudem führt sie dazu, dass gerade in gefährdeten Regionen immer weniger landwirtschaftliche Nutzflächen für den Anbau von Lebensmitteln genutzt werden.


Mit ihren neuen Biokraftstoff-Regulierungen haben die EU und die USA in den vergangenen Jahren zur Volatilität der Lebensmittelpreise, unter der in erster Linie die Ärmsten der Welt leiden, beigetragen. Im Rahmen dieser neuen Biokraftstoff-Regulierungen kaufen Unternehmen aus der EU zudem in Afrika in großem Stil Land auf, welches den afrikanischen Bauern anschließend nicht mehr als Ackerfläche zur Verfügung steht. Beide Faktoren zusammen verschärfen die Ernährungsunsicherheit der armen Schichten in Afrika und die bedürftiger, von der Landwirtschaft lebenden Familien.

 

Seit der Ernährungskrise 2008 sind die Lebensmittelpreise weltweit stark gestiegen. Sie sind enormen Preisschwankungen unterworfen, jedoch nie wieder unter das Niveau von vor 2008 gesunken. Zwischen 2011 und 2012 sind vor allem die Preise für Grundnahrungsmittel wie Mais und Weizen gestiegen, die für die Armen von grundlegender Bedeutung sind. So etwa stiegen die Weizenpreise von Oktober 2011 bis Oktober 2012 um 24 %. Unter diesem Preisschock leiden insbesondere mittellose, in der Landwirtschaft tätige Familien und generell bedürftige Menschen in Afrika, da sie einen hohen Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen. Oftmals reicht das Geld nicht für die Ernährung, geschweige denn für Bildung und Gesundheit. Für kleine landwirtschaftliche Familienbetriebe führen höhere Lebensmittelpreise im Übrigen nicht zwangsläufig zu einer Einkommenssteigerung, da viele unter ihnen in der Regel Nettokäufer sind. Häufig reichen ihre Ernten noch nicht einmal, um die Kosten für die immer teurer werdenden Lebensmittel zu decken, etwa weil sie Probleme haben, ihre Ernte auf die Märkte zu bringen, um sie dort zu verkaufen, oder weil Produktionssteigerungen beispielsweise aufgrund des mangelnden Zugangs zu erschwinglichen Krediten sehr schwierig sind.

 

Laut FAO ist die steigende Nachfrage nach Biokraftstoffen in den letzten Jahren zu einem der Hauptfaktoren für die derzeitigen Schwankungen der Lebensmittelpreise geworden. Die steigende Nachfrage nach Biokraftstoffen ist die Folge einer klar formulierten Politik mehrerer Länder, allem voran der USA und der EU-Staaten. So sieht die Strategie Europa 2020 eine Verringerung der Treibhausgasemissionen in Höhe von 20 % vor. Diese Vorgabe wird in der Richtlinie über erneuerbare Richtlinien sowie in der Richtlinie über Kraftstoffqualität umgesetzt. Vor diesem Hintergrund werden Biokraftstoffe als umweltfreundliche Lösung zur Reduzierung der CO2-Emissionen sowie zur Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Kraftstoffen gefördert. Die von der EU-Biokraftstoff-Industrie durch staatliche Förderungen unterstützten Landübernahmen rufen in Afrika aber enorme Umweltschäden hervor. Die Tatsache, dass in vielen Ländern des südlichen Afrikas riesige Waldflächen gerodet werden, um Platz für den Anbau von Agrotreibstoffen zu machen, dass Unmengen an Düngemittel eingesetzt werden, dass es zu Bodenabtragung, zur Zerstörung der biologischen Vielfalt, zur Erschöpfung der lokalen Wasserressourcen sowie zu hohen Transportkosten für den Export der Anbauprodukte in die EU kommt, macht deutlich, dass die Agrotreibstoffe aus entwaldeten Gebieten einen größeren CO2-Fußabdruck auf der Welt hinterlassen als fossile Brennstoffe.

 

Parallel hierzu konkurriert die Produktion von Agrotreibstoffen mit der von Lebensmitteln. Sie führt dazu, dass Ackerflächen und landwirtschaftliche Erzeugnisse nicht mehr für die Ernährung der Menschen in armen Regionen genutzt werden. Verschärft wird die Ernährungsunsicherheit in Afrika durch die Ansiedlung von Agrotreibstoff-Plantagen auf Land, das den lokalen Gemeinschaften weggenommen wird. Der Landraub konzentriert sich in erster Linie auf Wald-, Feucht- und Brachgebiete, Regionen, die gerade in Zeiten von Hungersnöten oder schlechter Ernten die Bauern und die Landbevölkerung mit wertvollen alternativen Lebensmitteln versorgen können. Es kommt auch vor, dass Bewohner von ihrem an Flussufern gelegenen Land vertrieben werden, wodurch ihre Ernährungsunsicherheit weiter verschärft und ihnen der Zugang zum Wasser erschwert wird. Die meisten Großunternehmen siedeln sich um Wasserreservoirs oder an Flüssen an, um sich den Zugang zu Wasser zur Bewässerung ihrer Anbauprodukte zu sichern. Verfügbarkeit und Zugang zu Wasser sinken hiermit für viele landwirtschaftliche Familienbetriebe, was sich auch negativ auf ihre Ernteerträge auswirkt und ihnen den Zugang zu Fischfanggebieten nimmt.

 

 

Die EU hat die negativen Auswirkungen ihrer Biokraftstoffpolitik unlängst zumindest teilweise eingeräumt. Die vorgeschlagenen Abhilfemaßnahmen sind jedoch nur bedingt geeignet, den Folgen der Biokraftstoffproduktion entgegenzuwirken. In ihrem Entwurf zur Änderung der Richtlinie über erneuerbare Energie bekräftigt die EU, dass sich von den 10 % aus erneuerbaren Ressourcen produzierten Kraftstoffen 5 % aus Biokraftstoffen gewinnen lassen, die auf der Grundlage von Lebensmitteln produziert werden. Hält sie daran fest, wird sich allerdings am derzeit zwischen landwirtschaftlichen Familienbetrieben und der Agroindustrie herrschenden Wettbewerb um Nutzpflanzen und Land nichts ändern und die Lebensmittelpreise werden weiter steigen. Die EU sollte darauf hinwirken, dass die in den Mitgliedstaaten eingeführte staatliche Förderung von Agrotreibstoffen der ersten Generation abgeschafft wird. Des Weiteren bleibt abzuwarten, ob die EU-Mitgliedstaaten das von der Kommission vorgeschlagene 5 %-Ziel akzeptieren.

Gino Brunswijck

Politikbeauftragter beim AEFJN – Afrika-Europa Netzwerk für Glaube und Gerechtigkeit

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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