Montag 29. Mai 2017
#151 - Juli-August 2012

 

Europäische Kohäsionspolitik: Die Rolle kirchlicher Akteure

 

Diese Thematik haben das Sekretariat der COMECE unter besonderer Beteiligung des Kommissariats der deutschen Bischöfe und seine ökumenischen Partner die Kommission für Kirche und Gesellschaft der Konferenz europäischer Kirchen und dem Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland jüngst in einer Gemeinsamen Stellungnahme herausgearbeitet.

 

Den Anlass für die Gemeinsame Stellungnahme, die im Folgenden dargestellt werden soll, bildet die aktuelle Debatte um die Zukunft der EU-Kohäsionspolitik. Gemäß Artikel 3 Absatz 3 EUV ist es Ziel der EU, „den wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalt und die Solidarität zwischen den Mitgliedsstaaten“ zu fördern. Mit der Regionalpolitik soll das Strukturgefälle zwischen den Regionen verringert sowie eine ausgewogene räumliche Entwicklung und Chancengleichheit zwischen ihnen gefördert werden. Damit ist die Regionalpolitik Ausdruck der Solidarität innerhalb der EU. Kirchliche Akteure sind in vielfältiger Weise und auf unterschiedlichen Ebenen als Partner in der Regional- und Kohäsionspolitik aktiv. Besonders in den Bereichen der transnationalen Kooperation, der Bildung, der Kultur und der sozialen Inklusion sind Kirchen und kirchliche Einrichtungen relevante Akteure und wirken über die staatlichen Grenzen hinweg am gesellschaftlichen Zusammenhalt in Europa mit.

 

Kirche – regional, transregional, transnational

Die Kirchen spiegeln in ihren Strukturen und Traditionen die historische, kulturelle und geographische Vielfalt der europäischen Regionen wider. Dabei halten die Kirchen untereinander enge Kontakte und Beziehungen. Diese transregionalen Beziehungen finden auf ganz unterschiedliche Weise statt. So existieren überall in Europa Kirchengemeindepartnerschaften, enge institutionelle Partnerschaften und Begegnungsstrukturen. Dabei werden gemeinsame Projekte realisiert, zum Beispiel die gemeinsame Gestaltung von grenzüberschreitenden Pilgerwegen wie etwa dem Jakobsweg. Darüber hinaus unterstützen die Kirchen die Gestaltung der makroregionalen Strategien. Exemplarisch kann in diesem Zusammenhang die Unterstützung der EU-Donaustrategie genannt werden.

 

Kirchen und Bildung in Europa

Die Kirchen nehmen in den EU-Mitgliedstaaten in verschiedener Hinsicht Bildungsverantwortung wahr. Kirchliche Bildungsarbeit folgt einem ganzheitlichen Bildungsverständnis. Sie zielt auf die persönliche Entwicklung des Einzelnen und fördert die Vermittlung von Werten und sozialen Kompetenzen. Sie will Menschen befähigen, den Herausforderungen in ihrem Leben gewachsen zu sein. Daneben kommt der Bildung aus kirchlicher Sicht eine wichtige Funktion als Mittel der Chancengerechtigkeit zu; sie hilft dabei, Armut und sozialer Ausgrenzung vorzubeugen. Kirchen und ihre Organisationen sind in allen Bereichen der Bildung anzutreffen: sie sind im Bereich der formalen Bildung in Schule, Ausbildung und Hochschule tätig, haben aber auch ein breites Angebot der non-formalen Bildung in den Bereichen Kinder- und Jugendarbeit sowie der Erwachsenenbildung. Mit ihren Angeboten in der non-formalen Bildung zielen die Kirchen insbesondere auf die benachteiligten Gruppen der Bevölkerung ab und ermöglichen Menschen, die aus dem formalen Bildungssystem herausgefallen sind, neue Chancen. Kirchen sind Anbieter theologischer und interreligiöser, interkultureller und politischer Bildung und bieten neben der beruflichen Ausbildung auch berufsbegleitende Hilfen an, insbesondere für die in der Sozialarbeit tätigen Berufsgruppen. Kirchen und ihre Organisationen widmen sich in ihrer Bildungsarbeit auch aktuellen und gesellschaftlichen Fragestellungen, bringen sich in fachliche Diskurse ein und arbeiten in grenzüberschreitenden Bildungsprojekten.

 

Kirche und Kultur in Europa

Das Christentum hat Europa kulturell geprägt. Augenfällig ist dies u. a. in Kirchenbauten, die das Bild der Städte und Dörfer prägen. Sie sind architektonische Zeugnisse christlichen Glaubens. Neben ihrer Bestimmung für die Liturgie werden die Kirchenräume auch zu außerliturgischen und gemeindlichen Zwecken genutzt, wie zum Beispiel für Konzerte, Ausstellungen und Diskussionen. Sie sind Ankerpunkte individueller und kollektiver Identität der Menschen und ihrer Gemeinschaft. Darüber hinaus sind Kirchen als Denkmäler auch baugeschichtlich bedeutsam, stehen mithin im öffentlichen Interesse. Als historische und architektonisch-künstlerische Zeugnisse haben sie Relevanz über den kirchlichen Raum hinaus. Der Europarat stellte bereits im Jahr 1989 fest, dass Kirchengebäude wegen ihrer architektonischen und historischen Bedeutung als kulturelles Erbe gelten. Nicht selten sind sie zudem touristische Anziehungspunkte und besitzen wirtschaftliche Bedeutung für die gesamte Region.

 

Darüber hinaus schaffen die Kirchen – vornehmlich über die Pfarr- und Kirchengemeindestruktur – ein breites Angebot an Leistungen und Diensten und tragen somit zum Erhalt der kulturellen Infrastruktur bei. Mit vielfältigen kulturellen Veranstaltungen komplementieren Kirchen den kulturellen Reichtum der Gesellschaft. Exemplarisch hierfür stehen auch Kirchenchöre und Instrumentalgruppen sowie die von vielen Gemeinden betriebenen Büchereien, die den Einwohnern einen wohnortnahen Zugang zu Literatur und anderen Medien gewähren. Darüber hinaus engagieren sich die Kirchen in vielfältiger Weise im Bereich des interkulturellen Dialogs vor Ort, in der Region und darüber hinaus.

 

In diesem Zusammenhang können beispielsweise die kirchlichen Sportvereine genannt werden. In ihnen wird durch das Engagement im Vereins- und Verbandswesen soziale Verantwortung eingeübt. Gleichzeitig erwerben Menschen durch ihr Engagement in den Pfarr- und Kirchengemeinden oder in kirchlichen Organisationen wichtige Fähigkeiten und werden motiviert, sich auch außerhalb dieser Gemeinschaften für die Gesellschaft einzusetzen und mit anderen gemeinsam politische oder kulturelle Ziele zu verwirklichen.

 

Soziale Inklusion

Die von den Kirchen und ihren Wohlfahrtsverbänden erbrachten sozialen Dienstleistungen sind Wesens- und Lebensäußerung der Kirchen und Manifestation ihrer religiösen Überzeugungen. Das Engagement für benachteiligte Personen und die Bekämpfung von Armut sind ihre fundamentalen Arbeitsbereiche. Die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände leisten ihre Dienste dem Hilfsbedürftigen unabhängig von seinem religiösen Bekenntnis, seiner Nationalität und seiner politischen Einstellung.

 

Die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände sind bestrebt, neue soziale Problemlagen frühzeitig zu identifizieren und entsprechende Angebote zu entwickeln. In den von ihnen angebotenen Beratungs- und Betreuungsdiensten, etwa bei der seelsorgerischen Unterstützung von Selbsthilfe- und Freiwilligengruppen, der Sterbebegleitung oder bei Hilfen zur „Trauerarbeit“, kommt die sinnstiftende Funktion kirchlicher Arbeit zum Ausdruck.

 

Die kirchliche Arbeit leistet darüber hinaus einen unverzichtbaren Beitrag zur Stärkung der Sozialkultur. Dies gilt insbesondere für soziale Dienste, die zum Beispiel in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen und in Einrichtungen für behinderte Menschen erbracht werden. Mit europaweit verankerten Einrichtungen der Altenhilfe, der Behindertenhilfe und der Jugend- und Familienhilfe ermöglichen diakonische und caritative Einrichtungen die Teilhabe von Schwächeren und schlechter gestellten Menschen an unserer Gesellschaft. Die Kirchen unterstützen aktiv die soziale Eingliederung von einkommensschwachen und erwerbslosen Menschen. Mit der Bereitstellung von Sozialwohnungen, der Unterstützung von Erwerbslosen und der Beschäftigungsförderung wirken sie unmittelbar an der Überwindung von gesellschaftlichen Trennlinien mit. Gleichzeitig werden die Kirchen und ihre Einrichtungen anwaltschaftlich insbesondere für diejenigen tätig, die nicht für sich selbst eintreten können. Daher stellen etwa die Arbeit mit Migranten und Flüchtlingen sowie der Bereich der Roma-Inklusion einen Schwerpunkt des kirchlichen Engagements dar.

 

In und mit ihren Tätigkeiten werden die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände zu Solidaritätsstiftern, sie motivieren Menschen nicht nur zum Engagement in der Nächstenliebe, sondern bieten ihnen auch die Möglichkeiten hierzu. Somit liefern sie einen substantiellen Beitrag zur sozialen Infrastruktur in Europa.

 

Der vollständige Text der Gemeinsamen Stellungnahme ist auf der Webseite der COMECE erhältlich.

 

dargestellt von Anna Echterhoff

COMECE

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