Thursday 21. January 2021
#144 - Dezember 2011

 

Flüchtlinge in Jordanien, Syrien und im Libanon: Wie werden sie dort aufgenommen?

 

Anne Ziegler ist Projektkoordinatorin im Zentrum St. Vartan des JRS (Jesuiten Flüchtlingsdienst) im syrischen Aleppo. Sie berichtet uns von der alarmierenden Situation der irakischen Flüchtlinge in Syrien und Jordanien.

 

Weder Jordanien noch Syrien oder der Libanon haben die Genfer Flüchtlingskonvention vom 28. Juli 1951 unterzeichnet. Dabei halten sich über eine Million Iraker in Syrien auf, in Jordanien sind es rund 500.000. Hinzu kommen drei Millionen Palästinenser, die seit Jahrzehnten in Flüchtlingslagern in der Region untergebracht sind, sowie rund 8.000 Flüchtlinge anderer Nationalitäten (Somalier, Afghanen etc.).

Im Libanon werden die Iraker mangels entsprechender Gesetzgebung als illegale Einwanderer gesehen. Völlig schutzlos müssen sie damit rechnen, inhaftiert und in ihr Land zurückgeschickt zu werden. Die Palästinenser ihrerseits haben keine anerkannte Staatsbürgerschaft, weswegen ihnen zahlreiche grundlegende Menschenrechte verweigert werden und sie nicht die gleichen Rechte wie andere Ausländer genießen. Allerdings gilt dies nicht für Jordanien und Syrien, wo die Palästinenser praktisch die gleichen Rechte wie die Bewohner dieser Länder haben.

 

In Syrien und Jordanien leben die irakischen Flüchtlinge praktisch unsichtbar, vorwiegend in den großen Städten (Damaskus, Amman oder Aleppo) und hoffen, ohne Hilfe zurechtzukommen: Lediglich 170.000 von ihnen sind beim Hohen Flüchtlingskommissariat (HCR) gemeldet. Von Beginn an hat man in Syrien und Jordanien für die Flüchtlinge, die dort als Gäste gesehen werden, eine medizinische und schulische Grundversorgung sichergestellt, ungeachtet der Belastung, die die Flüchtlingsmassen für die Wirtschaft, den Wohnungssektor und das Schulwesen, insbesondere in Syrien, bedeuten. Zwar haben die Iraker kein Recht auf legale Arbeit, doch drücken die Regierungen bei Schwarzarbeit beide Augen zu.

 

Die Iraker, die ihr Land aufgrund unmittelbarer Bedrohung oder wegen der unsicheren Lage vor Ort häufig überstürzt verlassen müssen, glauben zu Beginn, nach wenigen Monaten bereits wieder nach Hause zurückkehren zu können. Erst wenn die eigenen Ressourcen nach Jahren des Exils ohne Einkünfte erschöpft sind und die Menschen keinen anderen Ausweg mehr sehen, wenden sich die Notleidendsten und Hoffnungslosesten unter ihnen an den HCR: 70 % der beim HCR registrierten Flüchtlinge sind seit über vier Jahren im Exil und mehr als 40 % brauchen besondere Hilfe (Menschen in kritischem gesundheitlichen Zustand, Behinderte, Schutzbedürftige, Folteropfer, traumatisierte Menschen etc.).

 

Die Sicherheitslage im Irak sowie fehlende bzw. qualitativ minderwertige oder unzuverlässige Grunddienstleistungen (Bildung, Wasser, Strom, soziale Dienste etc.) führen dazu, dass immer mehr Iraker ihr Land verlassen: Im ersten Halbjahr 2011 wurden 12.000 neue Flüchtlinge beim HCR registriert. Angesichts des für Ende des Jahres geplanten Abzugs der Amerikaner aus dem Irak und der daraus resultierenden Unsicherheit mit Blick auf die Situation der Menschen, ist nicht mit einer Verbesserung der Lage zu rechnen. Die Flüchtlinge, die trotz ihrer Angst in den Irak zurückkehren, tun dies nur, weil sie ihre Familien nicht mehr ernähren können und jede Hoffnung auf eine andere Lösung verloren haben. Einige Muslime, die 90 % der Flüchtlinge ausmachen, streben langfristig eine Rückkehr an, doch die große Mehrheit der Christen sieht keinen anderen Ausweg als sich in einem Drittland niederzulassen, auch wenn die Aussicht auf Erfolg nur sehr gering ist (seit 2007 wurden beim HCR 128.000 Anträge auf Aufnahme in einem Drittland gestellt, weniger als der Hälfte wurde stattgegeben).

 

Es gibt Zahlen und es gibt die Menschen, die dahinter stehen... Im Zentrum von St. Vartan des Jesuiten Flüchtlingsdienstes im syrischen Aleppo sind die Flüchtlinge immer verzweifelter und ihre Lage ist immer aussichtsloser. Im Irak waren sie Lehrer, Computerspezialisten, Piloten oder Geschäftsleute… Hier kommen sie ins Zentrum auf der Suche nach Kleidung oder Heizmaterial, wenn möglich außerhalb der Öffnungszeiten, um den Blicken der anderen zu entgehen. Einige können die Ausbildungs- und Schulangebote für ihre Kinder nicht mehr wahrnehmen, weil kein Geld für den Schulbus da ist. Viele Kinder gehen nicht mehr zur Schule, weil sie leichter eine kleine Arbeit finden als die Erwachsenen. Prostitution und häusliche Gewalt sind auf dem Vormarsch.

 

Seit Beginn der Unruhen in Syrien nehmen die psychischen Störungen zu; die Spannungen steigen: Die Iraker leben in der Angst, dass sich die Geschichte wiederholt und sie erneut fliehen müssen. Wohin aber sollen sie sich dann wenden?

 

Anne Ziegler

Mourad Abou Seif sj

Paul Diab sj

Jesuiten Flüchtlingsdienst, Aleppo, Syrien

 

Originalfassung des Artikels : Französisch

 

 

 

 

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