Dienstag 27. Juni 2017
#137 - April 2011

 

Die politische Kritik am „Multikulturalismus

 

Multikulturalismus: ein vager Begriff und ein leichtes Ziel – doch welche Lösung wird empfohlen?

 

Die wachsende kulturelle und ethnische Vielfalt in den Ländern Europas löst mitunter heftige Reaktionen aus. Spürbares Zeichen hierfür ist beispielsweise der Erfolg extremistischer Parteien in Ländern wie den Niederlanden und Schweden, die früher als Bastionen des Liberalismus galten. Bezeichnend sind auch die kritischen Äußerungen von Politikern wie Angela Merkel oder David Cameron zu dem, was sie „Multikulturalismus “ nennen. Der Begriff und die politischen Reaktionen darauf sollen in diesem Artikel näher beleuchtet werden.

 

Die Kritik

Keiner der beiden Politiker kritisiert die Einwanderung oder den Islam an sich. Im Oktober 2010 stand die deutsche Bundeskanzlerin vor der Situation, dass sie von SPD-Politiker und Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin gegen türkische und arabische Einwanderer und gegen Muslime an sich gerichtete Angriffe scharf zurückweisen musste. In ihrer Rede erklärte sie, die Bemühungen um den Aufbau einer multikulturellen Gesellschaft seien absolut gescheitert.

 

Die Bundeskanzlerin erläuterte, Deutschland habe in Zeiten der Vollbeschäftigung und des Wirtschaftswachstums Gastarbeiter aufgenommen, aber nicht damit gerechnet, dass diese im Lande bleiben würden. Zu Beginn sei man naiv davon ausgegangen, die Menschen aus unterschiedlichen Kulturen würden glücklich „nebeneinander“ leben. Dieses räumliche Bild zeugt von Merkels Vorstellung von Multikulturalismus: autarke, nebeneinander existierende Gruppen, zwischen denen es jedoch nur ein Mindestmaß an Interaktion gibt.

 

Einwanderer, so Merkel, seien in Deutschland willkommen. Doch „müssten sie mehr tun“, etwa die deutsche Sprache erlernen. Dieser praktische Ratschlag ist so banal, dass er wohl kaum als Argumentationshilfe herhalten kann. Denn wenn aus Gastarbeitern „Einwanderer“ werden, lernen deren Kinder für gewöhnlich sowieso Deutsch. Was wohl fehlt, ist das Bewusstsein dafür, dass auch das Gastgeberland selbst das Modell des „Nebeneinanders“ bevorzugt und jegliche Verpflichtung vermieden hat. Anpassung nur in eine Richtung vorzuschlagen, heißt Multikulturalismus durch Monokulturalismus ersetzen zu wollen.

Der deutsche Bundespräsident allerdings legte in seiner ebenfalls im Oktober 2010 gehaltenen Rede eine wesentlich offenere Einstellung an den Tag als die Bundeskanzlerin: ‘Vielfalt schätzen, Risse in unserer Gesellschaft schließen – das bewahrt vor Illusionen, das schafft echten Zusammenhalt’. „Zusammenhalt“, so Christian Wulff, fordere Engagement von allen Seiten.

 

Der britische Premierminister David Cameron hielt seine Rede im Februar 2011, bezeichnenderweise im Rahmen einer Sicherheitskonferenz. Er verwahrte sich in erster Linie gegen den Terrorismus in seiner, wie er es zum Ausdruck brachte, dominanten Form, dem extremistischen Islamismus (im Gegensatz zum Islam als „Religion, die friedlich und gottesfürchtig von über einer Milliarde Menschen ausgeübt wird“). Die Ideologie des Extremismus sei das Problem, ganz gewiss nicht der Islam, so Cameron.

 

Zahlreiche Faktoren könnten Extremismus hervorrufen, räumte er ein, die eigentliche Ursache aber sei Entfremdung, „eine Frage der Identität“. So lehnten junge extremistische Moslems den „biederen“ Islam ihrer Eltern ab, eine Identifizierung mit Großbritannien falle ihnen aber auch schwer. Dann folgte seine zentrale Aussage: „Im Rahmen der Doktrin des staatlichen Multikulturalismus haben wir unterschiedliche Kulturen aufgefordert, getrennt voneinander zu leben, nebeneinander und abseits von der kulturellen Hauptströmung. Es ist uns nicht gelungen, das Bild einer Gesellschaft zu zeichnen, der sie gerne angehören wollen. Wir haben sogar Gemeinschaften toleriert, die abseits von uns leben und deren Verhalten in völligem Gegensatz zu unseren eigenen Werten steht“.

 

Als Lösung empfiehlt Cameron einen „wesentlich aktiveren, starken Liberalismus“, dessen grundlegende Werte „Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Gleichberechtigung unabhängig von Rasse, Geschlecht oder sexueller Ausrichtung“ sind.   „Genau dies macht uns zu einer Gesellschaft: hierher zu gehören bedeutet, an diese Dinge zu glauben“.

 

Merkel kritisiert eine allseits verbreitete Illusion („Wir haben uns selbst etwas vorgemacht“), Cameron das, was er merkwürdigerweise als „staatliche Doktrin“ bezeichnet. Beide Politiker rügen zumindest rhetorisch das Gastgeberland (Merkel wegen seiner Naivität, Cameron wegen seiner passiven Toleranz), doch richtet sich die eigentliche Kritik der deutschen Bundeskanzlerin gegen diejenigen, die sich nicht im Gastland integrieren, während Cameron in erster Linie die kulturelle Enklave des „Extremismus“ anprangert.

 

Überlegungen zu dieser Kritik

Merkels Stellungnahme ist im Wesentlichen konservativ, Camerons dagegen, auch wenn er behauptet, gegen „wirres Denken“ zu sein, konfus. Er beurteilt „unsere Gesellschaft“ nach ihren erklärten Werten, den extremistischen Islamismus dagegen nach seinen destruktivsten Aktivitäten.

Ein „Wert“ ist kein „Objekt“, das irgendwo herumliegt und von jedem aufgelesen werden kann. Ein Wert ist einfach „das, was geschätzt wird“. Beobachter mögen sich fragen, ob „britische Werte“ am ehesten als hehre Ideale beschrieben werden können oder ob die Summe dieser Ideale die „britische Kultur“ ausmacht. Richtig ist, dass die meisten Briten Demokratie, Rechtsstaatlichkeit usw. schätzen. Doch werden weder das tägliche Leben im Vereinigten Königreich noch die britische Regierungspolitik von diesen Werten bestimmt oder gar dominiert. Vielmehr spielen ganz andere, für die politische und wirtschaftliche Moderne typische Bestrebungen eine Rolle: nationale Souveränität, persönliche Freiheit, Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Wenn es hart auf hart kommt (Umstände, durch die die wahren Prioritäten am besten enthüllt werden), setzt sich Pragmatismus schnell gegen Idealismus durch. Ein Beispiel, stellvertretend für viele andere, sollte hier genügen: 2006 wurden offizielle Ermittlungen auf Regierungsebene  – es ging um angebliche Schmiergeldzahlungen von über 60 Millionen US-Dollar im Rahmen eines der größten, je von Großbritannien getätigten Waffengeschäfts mit Saudi Arabien (43 Milliarden US-Dollar) – mit dem Argument eingestellt, das „nationale Interesse“ stehe auf dem Spiel.

 

Generell haben die vom britischen Premierminister genannten Werte in allen EU-Staaten Gültigkeit, gleichwohl das Vereinige Königreich in der Praxis keine allzu enge Bindung an die EU wünscht.

 

Die meisten Christen, auch wirklich engagierte, haben über viele Jahrhunderte gelernt, innerhalb dieses zivilisatorischen Systems der Moderne zu leben und dabei einen gewissen Grad an spiritueller Freiheit gegenüber diesem System aufrechtzuerhalten. Wenn der „radikale Islam“ zu einem politischen Problem geworden ist, dann nicht, weil er die von Cameron angeführten „Werte “ an sich ablehnt. Er verwahrt sich vielmehr gegen das kulturelle Korsett, in das diese Werte eingezwängt werden und von dem sie (praktisch unweigerlich) zutiefst kompromittiert werden.

 

Historiker würden noch ein weiteres Argument anführen: Jahrhundertelang haben die europäischen Mächte ihre Vorherrschaft und ihre kulturellen Ideale als maßgebend durchgesetzt (etwa durch ihre Reichsstrukturen). Möglicherweise erkennt Europa heute mit einer gewissen Panik, dass es auch nicht vor kultureller Kolonialisierung gefeit ist. Dominante Kulturen neigen dazu, ihre Überlegenheit eifersüchtig zu verteidigen. Dabei können transzendente Visionen bzw. Werte nicht an einer einzigen Kultur festgemacht werden. Christen würden sagen, dass das Evangelium in allen Kulturen Fuß fassen muss, genauso wie es Elemente enthält, die überall „gegenkulturell“ sind.

 

„Multikulturalismus“, wie von Merkel und Cameron beschrieben, ist in der Tat kein schlüssiges Konzept, da er per definitionem ernsthaftes, gemeinsames Engagement und das Bestreben, voneinander zu lernen ausschließt. Die Lösung darf aber nicht darin bestehen, dass man Einwanderer abweist, wie ein Körper ein fremdes, transplantiertes Herz abstößt. Interkulturalität mag hier wohl der angebrachtere Begriff sein, da sie von einer Gegenseitigkeit ausgeht, die Multikulturalismus ausschließt.

 

In jedem Fall sind es Menschen, nicht Kulturen, die zusammentreffen, die interagieren und voneinander lernen. Jede Person, jeder Staatsbürger bzw. jede Volksgruppe lebt in einer komplexen Struktur aus kulturellen Gepflogenheiten sowie moralischen und spirituellen Idealen. Beides, Gepflogenheiten und Ideale stehen unter dem permanenten Druck durch individuellen und kollektiven Egoismus sowie durch globalisierende wirtschaftliche und politische Kräfte, von denen alle lokalen Identitäten bedroht sind. Letztendlich verkörpern jeder Mensch und jede Körperschaft sowohl Identität als auch Beziehungen. Das eine zu bejahen und das andere gleichzeitig implizit abzulehnen, macht keinen Sinn.

 

 

Frank Turner SJ

 

Originalfassung des Artikels: Englisch

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