Montag 10. Dezember 2018
#135 - Februar 2011

 

2011: Europäisches Jahr der Freiwilligentätigkeit

 

EU-weit sind nahezu 100 Millionen Erwachsene ehrenamtlich tätig. Zur Unterstützung des Ehrensamtes beschloss der Rat Ende 2009, das Jahr 2011 zum Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit zur Förderung der aktiven Bürgerschaft auszurufen.


Eine Kultur, die alles verrechnen und auch alles bezahlen will, die den Umgang der Menschen miteinander in ein oft einengendes Korsett von Rechten und Pflichten zwingt, erfährt durch unzählige sich ehrenamtlich engagierende Mitmenschen, dass das Leben selbst ein unverdientes Geschenk ist.“ Diese Worte von Papst Benedikt XVI. verdeutlichen den Beitrag, den ehrenamtlich engagierte Menschen für unsere Gesellschaften wirklich leisten; ein Beitrag, der „Zeugnis vom Wert der Unentgeltlichkeit“ ablegt, wie Papst Johannes Paul II. einmal sagte.

 

Gemäß einer Studie über die Freiwilligentätigkeit in der Europäischen Union sind EU-weit etwa 92 bis 94 Millionen Bürgerinnen und Bürger (nahezu 23 % der Europäerinnen und Europäer über 15 Jahre) ehrenamtlich tätig. Dabei besteht laut Studie eine positive Korrelation zwischen Bildungsniveau und der Bereitschaft zum Ehrenamt. Viele ehrenamtliche Tätigkeiten und Dienstleistungen dienen der Förderung von sozialem Zusammenhalt, sozialer Eingliederung und Integration, welche wiederum oftmals wichtige Bestandteile der europäischen Sozialpolitik sind. Das Ehrenamt spielt eine wichtige Rolle bei der Förderung von Zivilgesellschaft und Demokratie. Auch volkswirtschaftlich ist die Freiwilligentätigkeit relevant: So macht sie in Belgien, Frankreich, Deutschland, Irland, Luxemburg und Spanien zwischen 1 % und 2 % des BIP, im Vereinigten Königreich, Finnland und Dänemark über 2 % und in Österreich, den Niederlanden und Schweden gar zwischen 3 % und 5 % des BIP aus.

 

Angesichts des wichtigen Beitrags der Freiwilligentätigkeit und ihrer positiven Auswirkung auf die aktive Bürgerschaft verabschiedete der Rat am 27. November 2009 unter Hinweis auf die in der Schlussakte zum Vertrag von Amsterdam als Anhang beigefügte Erklärung Nr. 38 zu freiwilligen Diensten den Beschluss, das Jahr 2011 zum Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit zur Förderung der aktiven Bürgerschaft auszurufen. Der Ausdruck „Freiwilligentätigkeit“ bezieht sich hierbei auf jede Art der freiwilligen Tätigkeit, ob formell, nichtformell oder informell, die aus freiem Willen, eigener Wahl und eigenem Antrieb von einer Person ausgeübt wird und nicht auf finanziellen Gewinn ausgerichtet ist. Eine besondere Bedeutung kommt in Europa dem in Artikel 165 (1) AEUV genannten freiwilligen Engagement im sportlichen Bereich zu (etwa zehn Millionen ehrenamtlich Tätige in ca. 700.000 Sportvereinen in der ganzen EU[4]).

 

Die Ziele des mit acht Millionen Euro dotierten Europäischen Jahres der Freiwilligentätigkeit (EJF) lauten: Schaffung günstiger Rahmenbedingungen für Freiwilligentätigkeiten in der EU, Stärkung der Freiwilligenorganisationen und Verbesserung der Qualität von Freiwilligentätigkeiten, Anerkennung von Freiwilligentätigkeiten auf sozialer, wirtschaftlicher und politischer Ebene sowie Sensibilisierung für den Wert und die Bedeutung von Freiwilligentätigkeiten.

 

Die mit Unterstützung nationaler Koordinierungsstellen in den Mitgliedstaaten organisierten Maßnahmen reichen vom Austausch von Erfahrungen und bewährten Verfahren über die Durchführung von Studien und Forschungsarbeiten, die Organisation von Konferenzen und anderen Veranstaltungen bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit in Form von Informations- und PR-Kampagnen.

 

Wie in Artikel 214 (5) AEUV gefordert, hat die Europäische Kommission am 23. November 2010 eine Mitteilung über den Aufbau des Europäischen Freiwilligenkorps für humanitäre Hilfe (EVHAC) verabschiedet, welches zum Ziel hat, einen Rahmen für gemeinsame Beiträge ehrenamtlich tätiger EU-Bürger zu humanitären Hilfsoperationen der Union zu schaffen. „Mit dem neuen Korps werden viele unserer Bürgerinnen und Bürger auf der ganzen Welt zu Botschaftern der europäischen Solidarität“, so EU-Kommissarin Georgieva im vergangenen November.

 

Das Ehrenamt als „wahrhaftiges Zeichen der Zeit“ hat es immer gegeben. Es ist Teil des christlichen kulturellen Erbes unserer Gesellschaft. Doch „sollten die Regierungen nicht versucht sein, sich des freiwilligen Dienstes zu bedienen, um sich jener Aufgaben zu entledigen, deren Wahrnehmung von Rechts wegen ihnen zustünde”[5], so die Worte von Kardinal Paul Josef Cordes aus dem Jahre 2002. „Auch wenn das Ehrenamt im Herzen der christlichen Botschaft steht, ist es nicht an der Kirche per se, für das Wohlergehen der Bürger zu sorgen. Dies ist die Aufgabe von Staat und Gesellschaft.“ Die Kirche ist weder eine NGO, noch lässt sie sich auf humanitäre Kategorien reduzieren. Zu denken, dass sich die christliche Erfahrung durch gemeinnützige Tätigkeiten ersetzen lässt, ist ein weit verbreiteter Irrtum. „Der freiwillige Helfer muss auf die Person Christi bezogen sein”. Auch Papst Benedikt XVI. betont in diesem Zusammenhang: „Im Ehrenamt geht es um die Schlüsseldimensionen des christlichen Gottes- und Menschenbildes: die Gottes- und die Nächstenliebe.”

 

Es bleibt zu hoffen, dass das EJF zum Ausgangspunkt für ein zukünftiges Weißbuch der Kommission über die Freiwilligentätigkeit wird, ein Weißbuch, welches ein umfassenden politischen Programm umfasst und eine Brücke zum für 2012 geplanten Europäischen Jahr für aktives Altern schlägt. Hierdurch könnten besonders schutzbedürftige Gruppen gestärkt und der Rechts- und Sozialschutz junger Ehrenamtlicher gestärkt werden.

 

José Luis Bazán



 

[4] Europäische Kommission, Weißbuch Sport, 11.7.2007

 

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