Montag 25. September 2017

Erwartungen an die estnische EU-Ratspräsidentschaft

Ab Juli 2017 übernimmt Estland turnusgemäß die sechsmonatige EU-Ratspräsidentschaft. Der Bischof von Tallin, Msgr. Philippe Jourdan, spricht über seine Erwartungen.

Vor einigen Wochen haben sich die europäischen Staats- und Regierungschefs zur Feier des 60. Jahrestages der Unterzeichnung der Römischen Verträge, mit denen die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gegründet wurde, versammelt. Bezeichnenderweise haben sie sich in diesem Rahmen auch mit Papst Franziskus getroffen. Man kann darin den Wunsch lesen, das europäische Projekt in das geistige Erbe unseres Kontinents einzubetten.

 

Estland übernimmt die EU-Ratspräsidentschaft in einer Zeit der Identitätskrise und der Rückbesinnung auf die Grundlagen der Europäischen Union.

 

Wie viele andere Länder Mittel- und Osteuropas hat Estland das Trauma der totalitären Regimes und der materialistischen Ideologien des 20. Jahrhunderts durchlebt. Ein Großteil der Bevölkerung wurde deportiert, zahlreiche Familien auseinandergerissen. Die religiöse Tradition – die auf dem Papier toleriert, in der Praxis jedoch unterdrückt wurde – konnte in vielen Familien nicht weitergelebt werden. Dies erklärt zumindest teilweise, warum Estland heute zu den am wenigsten religiösen Ländern Europas zählt.

 

Letzten Endes wurden sogar die eigentlichen Symbole der Existenz Estlands als Staat vernichtet. Nur mit Mühe hat Estland diese schmerzhafte Vergangenheit hinter sich gelassen. Schritt für Schritt hat es den Weg in die europäische Familie zurückgefunden. Die Vorstellung, dass das Land nun sogar den Vorsitz der Europäischen Union übernimmt, grenzt an ein Wunder und wäre vor 25 Jahren, nachdem es praktisch schon von der Landkarte gestrichen war, undenkbar gewesen. Und so ist es nur verständlich, dass sich die Esten voller Stolz darüber freuen, von Rechts wegen am europäischen Projekt teilzuhaben.

 

Estland profitiert zudem von der zwar schmerzhaften, doch auch nützlichen Erfahrung einer trügerischen und sinnentleerten Vereinigung, wie sie der ehemalige Ostblock darstellte. Der Begriff „Union“ ist kein Allheilmittel gegen Egoismen. Die traurige Erfahrung der Sowjetunion hat dies bewiesen und leider lassen die Ereignisse der letzten Jahre berechtigte Sorgen mit Blick auf den Zusammenhalt der Europäischen Union aufkommen. Der Begriff „Union“ bewahrt auch nicht vor dem prometheischen Wunsch, anderen das Modell eines neuen Menschen aufzuzwingen. Dies war die Grundlage des sowjetischen Projekts, dessen Folgen unmenschlich waren, zumal, wie der französische Philosoph Blaise Pascal vorhersagte, „das Unglück es will, dass wer einen Engel aus dem Menschen machen will, ein Tier aus ihm macht.“ Glücklicherweise war dies nicht die Grundlage des europäischen Projekts, das aus dem Wunsch heraus geboren wurde, Frieden und gegenseitigen Respekt der Völker in ihrer historischen Identität und der alltäglichen Realität der menschlichen Person zu erzielen.

 

Als Kirche hoffen wir, dass die estnische EU-Ratspräsidentschaft dazu beitragen wird, die Entwicklung Europas ausgewogener zu gestalten. Das europäische Aufbauwerk darf nicht dazu führen, dass einige Länder ihre Jugend und ihre Arbeitskraft zugunsten der anderen verlieren. Hier gilt es, Gleichheit anzustreben.

 

Wir hoffen auch, dass die estnische Präsidentschaft darauf hinwirkt, den Menschen in den Mittelpunkt des Lebens der EU zu setzen und die Überzeugungen und Werte des Einzelnen zu achten. Wir hoffen, dass sie alles daran setzen wird, die Familie als unverzichtbaren Anker des Menschen zu unterstützen und zu stärken. Die Werte Europas sind kein Modell eines neuen Menschen, das es zu verbreiten gilt. Sie sind allem voran ein Abbild dessen, was wir sind und was wir glauben. Denn wir sind Familie und aus der Familie heraus geboren.

 

Zu diesen Werten gehört mit Sicherheit auch ein ehrlicher und offener Dialog mit den Religionen, ohne gegenseitige Vorurteile und Vorbehalte.

 

Und schließlich hoffen – und beten – wir, dass die estnische Ratspräsidentschaft dazu beiträgt, die schwierige Frage der Flüchtlinge und ihrer Aufnahme zu lösen, indem wir einen neuen solidarischen Ansatz unter unseren Ländern finden.

 

  Msgr. Philippe Jourdan

Apostolischer Administrator von Estland/Delegierter bei der COMECE

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

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Agenda

> 17. Juli
Die Kommission wird die Überprüfung der Arbeitsbezogenen und Sozialen Entwicklungen in Europa für das Jahr 2017 vorstellen. Dieses Jahr wird sie sich auf inter-generationelle Fairness konzentrieren.
 
> 24. Juli
Der Rat “Wirtschaft und Finanzen (ECOFIN)” wird die Wirtschafts- und Finanzminister aus allen EU-Mitgliedstaaten versammeln, um EU-Wirtschaftspolitik, Steuerfragen und die Regulierung der Finanzdienstleistungen zu überprüfen.
 
> 17. - 18. Juli
Der Rat “Landwirtschaft und Fischerei” wird sich in Brüssel treffen. Die jeweils zuständigen Minister der Mitgliedstaaten werden Themen im Bereich der Landwirtschaft und Fischerei diskutieren, wie Lebensmittelsicherheit, Tiergesundheit, Tierschutz und Pflanzengesundheit.
 
> 31. Juli – 11. August
Das COMECE-Büro in Brüssel bleibt geschlossen.
 
> 28. – 31. August
Die Ausschüsse des Europäischen Parlaments werden ihre Arbeit wiederaufnehmen, um die Gesetzgebungsarbeit für die Plenartagung des Parlaments vorzubereiten.

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