Mittwoch 14. November 2018
#220 - November 2018

Schuman-Encounters: eine Gelegenheit zum besseren gegenseitigen Kennenlernen

Die im Oktober 2017 von der COMECE in Rom organisierte Veranstaltung zum Thema „Re)thinking Europe“ war für diejenigen, die von der Sinnhaftigkeit des europäischen Aufbauwerkes überzeugt sind und es für die europäischen Bürgerinnen und Bürgern greifbarer machen wollen, Anlass zu einem intensiven Gedankenaustausch. So entstand die Idee der „Schuman-Encounters“.

Die Idee basiert auf dem großen Erfolg der Erasmus-Austauschprogramme, die Tausenden jungen europäischen Studierenden ermöglichen, während ihres Studiums neue Horizonte zu entdecken, indem sie ein Semester lang an einer anderen Hochschuleinrichtung als ihrer eigenen, vorzugsweise in einem anderen Land, studieren. Die Europäische Union setzt sich nachdrücklich für die Förderung dieser Austauschprogramme ein, deren Nutzen weit über einen rein intellektuellen Beitrag hinausgeht. Die Erasmus-Austausche folgen dem Grundgedanken von Robert Schuman, der da sagte: „Die Hürden überwinden, ist nicht alles; es gilt, die Zusammenarbeit zu organisieren. Letztere setzt vor allem eine Vielfalt persönlicher Kontakte voraus; Austausche und Praktika, Kongresse und Studienreisen, Ausstellungen, Führungen, Treffen junger Handwerker und Intellektueller“ (Auszug aus Für Europa, Erste Ausgabe).

 

Leider gibt es auch heute noch zahlreiche Spannungen, Vorurteile und Missverständnisse zwischen den Bürgern und Regierungen der verschiedenen EU-Mitgliedstaaten, zwischen den Ländern des Nordens und des Südens, des Ostens und des Westens. Nach wie vor gehören verletzende Worte, Pauschalurteile und Ablehnung zur Tagesordnung. Wenn wir an einem gemeinsamen Projekt mitwirken wollen, das so ehrgeizig ist wie das vor 60 Jahren initiierte, wenn wir an die unverzichtbare Rolle Europas in der Welt von morgen glauben, müssen wir einander besser kennen, müssen wir die Möglichkeit haben, uns zu begegnen und uns in dem, was uns voneinander unterscheidet, schätzen zu lernen. All dies, indem wir unser gemeinsames kulturelles Erbe (wieder) entdecken und den Geist der Geschwisterlichkeit über die Grenzen hinweg zum Ausdruck bringen.

 

Die Kirche muss auf ihre Weise dazu beitragen, diese so wichtigen zwischenmenschlichen Begegnungen zu fördern. Genau dies tut sie im Rahmen der Initiative der Schuman-Encounters, die sich mit der Organisation jährlicher Begegnungs-, Gesprächs- und Freundschaftswochen zumindest zu Beginn bescheiden gibt. Die Christen sollen daran erinnert werden, dass sie im Grunde genommen Pilger sind. Das Programm lädt dazu ein, für eine knappe Woche das eigene Land zu verlassen (vgl. Gen 12,1), sich aufzumachen, um die für das Leben eines Gläubigen so wichtige Aufnahme und Gastfreundschaft zu erleben (vgl. Heb 13, 1-2).

 

Vorgesehen ist, dass der Bischof einer Diözese und seine Mitarbeiter in einem ersten Schritt ihr Interesse bekunden, an diesem Austausch mitzuwirken. In einem zweiten Schritt schlägt die in Brüssel ansässige Steuerungsgruppe des Projekts eine Art Partnerschaft zwischen drei Diözesen vor, einer aus einem osteuropäischen, einer aus einem südeuropäischen und einer weiteren aus einem nordeuropäischen Land. Jedes Jahr im Sommer empfängt eine Diözese zu gemeinsam zu vereinbarenden Terminen fünf Tage lang Vertreter der beiden anderen Diözesen. Nach drei Jahren soll geprüft werden, ob die Initiative neu aufgelegt werden kann.

 

Die aufnehmende Diözese erarbeitet ein buntes Ausflugs-, Austausch- und Besichtigungsprogramm, welches neben religiösen, kulturellen und gesellschaftlichen Programmpunkten auch genügend Zeit für das gesellige Miteinander lässt. Die Kosten sollen sich in einem möglichst bescheidenen Rahmen bewegen. Dies sollte aber möglich sein, beispielsweise, indem man die Besucher in Gastfamilien oder in Einrichtungen der Pfarrgemeinde unterbringt. Das Projekt soll im Sommer 2019 mit einem ersten Austausch zwischen Diözesen beginnen.

 

Die Begegnungen sind als Antwort auf Ignoranz und Vorurteile und gleichzeitig als Beitrag zur Förderung von Frieden und Versöhnung zwischen den Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern zu sehen. Damit stehen sie im Einklang mit dem erklärten Willen der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft.

 

Auch wenn sich das Projekt der Schuman-Encounters zunächst nur an katholische Diözesen richtet, so steht doch zu hoffen, dass es langfristig auch auf Schwesterkirchen ausgedehnt werden kann.

 

Jean Kockerols

Weihbischof des Erzbistums Mecheln-Brüssel, Mitglied der COMECE

 

Weitere Informationen können Sie anfordern unter: erasmus4churches@comece.eu

 

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

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