Samstag 18. November 2017
Juni Ausgabe #205

Eine dynamische und multikulturelle europäische Identität

Es ist der Nicht-Europäer Papst Franziskus, der mit aller Deutlichkeit darauf hinweist, dass es eine klare europäische Identität gibt. Eine Aussage, die so manchen Europäer überraschen mag. In einer Zeit, in der Europa nach neuen Impulsen sucht, kann es hilfreich sein, sich von dem inspirieren zu lassen, was ein Blick von außen auf unsere Geschichte entdecken lässt.

Papst Franziskus hat vier wichtige Ansprachen zum Thema Europa gehalten, aus denen sich zwei grundlegende Gedanken ableiten lassen: Europa steht für den Schutz eines bestimmten Menschenbilds und es ist in der Lage, seine Fähigkeiten zur Innovation in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen.

 

Ein bestimmtes Menschenbild unter dem Schutz Europas

Papst Franziskus sieht nicht in erster Linie die technische Struktur Europas. Für ihn ist Europa „ein Leben, eine Art, den Menschen ausgehend von seiner transzendenten und unveräußerlichen Würde zu begreifen“. Die Schrecken des Zweiten Weltkrieges haben in Europa ein geschärftes Bewusstsein für die Notwendigkeit geschaffen, die menschliche Person zu schützen. Europa engagiert sich mit ganzer Kraft für den Schutz der Menschenrechte,  der Demokratie und des Rechtsstaates.

 

Vor dem Europarat hat Papst Franziskus unterstrichen, dass dies „einer der großen Beiträge [ist], die Europa der ganzen Welt geliefert hat und noch liefert“. Er fügte hinzu, dass er sich daher in der Pflicht sehe, „an die Bedeutung des europäischen Beitrags und der europäischen Verantwortung für die kulturelle Entwicklung der Menschheit zu erinnern“.

 

Das für Europa gültige Menschenbild zielt nicht nur auf die Achtung jedes Menschen, sondern auch auf die Achtung des ganzen Menschen. Der Mensch, so das Oberhaupt der katholischen Kirche, ist keine „Monade“, er ist ein Beziehungswesen. Er ist nicht nur Konsument oder Produzent, er hat auch eine schöpferische und eine spirituelle Dimension. Deshalb ist Erziehung so wichtig, aber auch der Zugang zu Arbeit. In diesem Sinne hat der Papst das Europäische Parlament aufgefordert, sich der Gebrechlichkeit der Völker und der einzelnen Menschen anzunehmen“ und das Europa aufzubauen, „das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person, um die unveräußerlichen Werte“.

 

Er will weder ein Europa, das verängstigt ist und sich abschottet, noch eines, das der Versuchung erliegt,„die Gründungsideale der Union auf produktive, wirtschaftliche und finanzielle Erfordernisse zu reduzieren“. Für den Papst gilt, dass Europa ein Protagonist ist, Träger von Wissenschaft, Kunst, Musik, menschlichen Werten und auch des Glaubens. Das Europa, das den Himmel betrachtet und Ideale verfolgt; das Europa, das auf den Menschen schaut, ihn verteidigt und schützt; das Europa, das auf sicherem, festem Boden voranschreitet, ein kostbarer Bezugspunkt für die gesamte Menschheit.

 

Fähigkeit zur Innovation im Dienste des Gemeinwohls

Zu dieser Sorge um die menschliche Person gesellt sich die Fähigkeit zur Innovation im Dienste des Gemeinwohls. Das europäische Aufbauwerk ist bis heute ein in der Welt einzigartiger Prozess. Die Länder haben sich darauf verständigt, Souveränität zu teilen, „eine freie Entscheidung für das Gemeinwohl“, die langfristig für die Europäer, aber auch für die ganze Welt Früchte trägt. Bereits mit der Schuman-Erklärung unterstreicht das europäische Projekt die besondere Verantwortung Europas für den afrikanischen Kontinent. Von Beginn an sind Solidarität und Verantwortung Teil des europäischen Projekts.

 

Franziskus erklärt: „Die Kreativität, der Geist, die Fähigkeit, sich wieder aufzurichten und aus den eigenen Grenzen hinauszugehen, gehören zur Seele Europas.“ „Die Wurzeln Europas festigten sich im Laufe seiner Geschichte. Dabei lernte es, die verschiedensten Kulturen, ohne sichtliche Verbindung untereinander, in immer neuen Synthesen zu integrieren“. Er fügt hinzu: „Die europäische Identität ist und war immer eine dynamische und multikulturelle Identität.

 

Dieser Satz verdeutlicht zwei Prinzipien, die Papst Franziskus am Herzen liegen und in Evangelii Gaudium erläutert werden. Zum einen: Die Zeit ist mehr wert als der Raum (EG 222). Dem Raum Vorrang geben führt in eine Logik des Mauern-Errichtens. Der Zeit Vorrang geben heißt, sich damit zu befassen, Prozesse in Gang zu setzen, langfristig zu arbeiten, ohne davon besessen zu sein, sofortige Ergebnisse zu erzielen. Das europäische Projekt folgt diesem Ansatz. Und eben dieser Ansatz ist es, der ihm seine Dynamik verleiht.

Das zweite Prinzip lautet: Das Ganze ist mehr als der Teil (EG 235). Europa ist mehr alsdie Länder und die Völker, aus denen es sich zusammensetzt. Dabei geht es nicht um Uniformität; im Gegenteil, für Franziskus bedeutet das Modell des „Ganzen“ das Polyeder, in dem alle Teile ihre Eigenart bewahren und gleichzeitig ein besonderes Ganzes bilden, eine Gemeinschaft, die reich an kulturellen Unterschieden ist. Dies kommt im schönen Bild des europäischen Leitspruchs „Einheit in Vielfalt“ zum Ausdruck.

 

Indem Papst Franziskus Europa auffordert, den Weg zu einem neuen Humanismus zu finden, gibt er ihm ein Leitbild vor: „Europa hat ein ideelles und geistiges Erbe, das einzigartig ist auf der Welt. Dieses ist es wert, mit Leidenschaft und neuer Frische wieder aufgegriffen zu werden. Es stellt das beste Heilmittel gegen das Vakuum an Werten unserer Zeit dar, jenen fruchtbaren Boden für Extremismen aller Art.

Monique Baujard

 Ehemalige Direktorin des Service National Famille et Société

der Französischen Bischofskonferenz

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

 

Die in Europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Office dar.

 

Die Zitate sind den folgenden vier Ansprachen entnommen:

 

Ansprache an den Europarat

 

Ansprache an das Europaparlament 

 

Ansprache anlässlich der Verleihung des Karlspreises

 

Ansprache an die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union

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