Dienstag 25. April 2017

Du sollst nicht lügen!

Wahrheit und Lüge sind durch die Verbreitung gefälschter Nachrichten zu einem drängenden Thema in der politischen und gesellschaftlichen Debatte geworden.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache wählte das Kunstwort „postfaktisch“ zum Wort des Jahres 2016 aus. Dabei handelt es sich um eine Übertragung des englischen Begriffs „post truth“, der von den Oxford Dictionaries zum Internationalen Wort des Jahres 2016 erklärt wurde. Darin spiegelt sich der symptomatische Befund, dass in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen objektive Fakten immer mehr durch Emotionen und willkürliche Behauptungen ersetzt werden. Mari Sol Pérez Guevara zeigt in dieser Ausgabe von Europe Infos die Bedeutung der sozialen Netzwerke in der Verbreitung von gefälschten Nachrichten. Was ist dann noch Wahrheit?

 

Im klassisch-philosophischen Sinn gilt als Wahrheit die Übereinstimmung einer Aussage mit der Wirklichkeit. Das Gegenteil von Wahrheit ist die Lüge als wissentliche Falschaussage. Sowohl im Zusammenhang mit dem Referendum über den Austritt von Großbritannien aus der EU als auch im US-Präsidentschaftswahlkampf wurden Lügen verbreitet. Auf Bussen in London wurde behauptet, Großbritannien bezahle wöchentlich 350 Millionen Pfund an die EU. Der Brexit-Befürworter Nigel Farage gab einen Tag nach dem Referendum zu, dass diese Behauptung falsch war. Donald Trump vertrat im Wahlkampf, Barack Obama habe die Terrororganisation „Islamischer Staat“ gegründet.

 

Die Wahrheit hatte in der Politik noch nie einen leichten Stand. Es gibt Politiker, die zwar Lügen ablehnen, aber keine Verpflichtung sehen, immer die ganze Wahrheit zu sagen. In einem engen Zusammenhang damit steht die Einhaltung getroffener Absprachen. So veröffentlichte der EVP-Fraktionschef Manfred Weber eine Woche vor der Wahl des neuen EU-Parlamentspräsidenten eine jahrelang geheim gehaltene Vereinbarung, wonach zur Hälfte der Legislaturperiode die Sozialdemokraten ihre Unterstützung für einen konservativen Nachfolger zusagt haben. Weber warnte vor Wortbruch. Doch mindestens ebenso problematisch ist das Zustandekommen dieser Vereinbarung und ihre Geheimhaltung. Damit wird das wachsende Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber den Politikern nur bestätigt und gefördert.

 

Im Krieg, so wird gesagt, sei das erste Opfer die Wahrheit. Immanuel Kant hat in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ gefordert, dass auch mitten im Krieg noch „irgendein Vertrauen auf die Denkungsart des Feindes“ übrigbleiben müsse, weil sonst auch kein Friede geschlossen werden könnte. Das läßt sich auf die Politik in dem Sinn übertragen, dass irgendein Vertrauen auf die Wahrhaftigkeit auch des politischen Gegners erhalten bleiben muss. Sonst würde das wichtigste und wertvollste Kapital in der Politik verloren gehen: eben das Vertrauen.

 

Doch es geht nicht nur um das Vertrauen der Politiker untereinander, sondern um das Vertrauen der Bürger und Bürgerinnen in die Politik überhaupt. Dies haben die französischen Bischöfe in ihrer über die Kirche hinaus vielbeachteten Schrift „Den Sinn der Politik in einer sich verändernden Welt wiederfinden“ überzeugend auf den Punkt gebracht: „Die Krise der Politik ist in erster Linie eine Krise des Vertrauens denen gegenüber, die beauftragt sind, über das Gemeinwohl und die gemeinsamen Interessen zu wachen.“ Damit ist auch das Fundament der Europäischen Union berührt, das Jean Monnet 1950 so beschrieben hat: „Wir sind hier, um ein gemeinsames Projekt zu verwirklichen, nicht um über Vorteile zu verhandeln, sondern unseren Vorteil im gemeinsamen Vorteil zu suchen.“ Eine Voraussetzung dafür ist Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Wer es noch einfacher haben will, sei auf das achte der zehn Gebote verwiesen: Du sollst nicht lügen!

 Martin Maier SJ

JESC

 

Teilen |
europeinfos

Monatliche Newsletter, 11 Ausgaben im Jahr
erscheint in Deutsch, Englisch und Französisch
COMECE, 19 square de Meeûs, B-1050 Brüssel
Tel: +32/2/235 05 10, Fax: +32/2/230 33 34
e-mail: europeinfos@comece.eu

Herausgeber: Fr Olivier Poquillon OP
Chefredakteure: Johanna Touzel und Martin Maier SJ
© design by www.vipierre.fr

Hinweis: Die in europeinfos veröffentlichten Artikel geben die Meinung der Autoren wieder und stellen nicht unbedingt die Meinung der COMECE und des Jesuit European Office dar.
Darstellung:
http://www.europe-infos.eu/