Dienstag 11. Dezember 2018
#220 - November 2018

Die Zukunft der Arbeit gestalten

Wie kann die Zukunft der Arbeit vor dem Hintergrund des digitalen und ökologischen Wandels gestaltet werden? Weihbischof Antoine Hérouard präsentiert die Grundsatzüberlegungen und die Vorschläge der COMECE mit Blick auf eine menschenwürdige, nachhaltige und mitbestimmte Arbeitswelt für alle in Europa.

Die Europawahlen 2014 waren von einer tiefgreifenden Wirtschaftskrise geprägt. Für die kommenden fünf Jahre dagegen wird eine der wichtigsten Herausforderungen darin bestehen, den digitalen und ökologischen Wandel der europäischen Gesellschaft und Wirtschaft zu gestalten. Diese beiden Entwicklungen werden die Arbeitswelt weiter nachhaltig verändern. Wie bereits zur Zeit der Industrialisierung gehen sie mit zahlreichen Unsicherheiten einher, was den Zugang zu Beschäftigung, die Arbeitsbedingungen und die zukünftige Rolle der Arbeit als zentraler Bestandteil des menschlichen Lebens anbelangt.

 

Für die Kirche war Arbeit immer eine menschliche und daher christliche Priorität: Inmitten der Industrialisierung des späten 19. Jahrhunderts wies Papst Leo XIII. auf die Folgen des technologischen Wandels und der Massenproduktion für den Menschen hin. Heute, im Zeitalter der Digitalisierung, fühlt sich die Kirche wieder ihrer Mission verpflichtet, die Zeichen der Zeit – die Digitalisierung, die künstliche Intelligenz und den ökologischen Wandel – zu erkennen und hierbei auf die Würde der Arbeit zu achten.

 

Auf der Grundlage der katholischen Soziallehre hat die COMECE-Sozialkommission ihre Überlegungen in enger Abstimmung mit den katholischen Bewegungen in Europa erarbeitet. Das Dokument stellt einen Beitrag zur aktuellen sozialethischen Debatte über die zukünftige Arbeitswelt in Europa dar und soll in die Diskussion der Agenda der nächsten EU-Kommission und des Europäischen Parlaments einfließen. Zugleich soll es zur globalen Initiative zur Zukunft der Arbeit beitragen, die die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) anlässlich ihres bevorstehenden 100-jährigen Bestehens führt (http://www.ilo.org/global/topics/future-of-work/lang--en/index.htm).

 

Die Überlegungen der COMECE ermutigen die EU-Institutionen, eine gemeinsame europäische Vision zu erarbeiten und den Wandel so zu gestalten, dass dieser den Bürgerinnen und Bürgern wie auch der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit zugutekommt.

 

Obgleich sie die Bedeutung der Freiwilligen- und Familienarbeit hervorheben, setzen sich die Überlegungen überwiegend mit der Erwerbsarbeit auseinander. Das Dokument betont die Notwendigkeit einer klaren europäischen Vision mit Blick auf die Gestaltung des aktuellen Wandels, damit jeder seinen Platz in der neuen Arbeitswelt finden kann. Es untersucht die Folgen des laufenden Strukturwandels und erarbeitet eine Vision einer menschenwürdigen, nachhaltigen und mitbestimmten Arbeitswelt für alle.

 

Die Reflexion schließt mit 17 politischen Empfehlungen, von denen folgende hervorgehoben werden sollen:

 

Förderung der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen (1):

Die EU und ihre Mitgliedstaaten sind eingeladen, ihre Politik auf das EU-Vertragsziel einer sozialen Marktwirtschaft auszurichten. Zu diesem Zweck sollte die EU die Klima-, Beschäftigungs- und Armutsziele der Europa-2020-Strategie strikt einhalten und die Ziele der nachhaltigen Entwicklung in den Mittelpunkt einer neuen Zehnjahresstrategie für 2030 stellen.

 

Einsatz für gute Arbeitsbedingungen in allen Beschäftigungsformen (3):

Das europäische Arbeitsrecht sollte gewährleisten, dass jeder Beschäftigte Anspruch auf einen Kern von durchsetzbaren Rechten, wie das Recht auf Arbeits- und Gesundheitsschutz, Zugang zu Aus- und Weiterbildung sowie auf notwendige Informationen hat.

 

Förderung der Anerkennung von Familien- und Freiwilligenarbeit (5): In der Erziehung ihrer Kinder und der Pflege älterer Menschen leisten Familienmitglieder einen wichtigen Dienst für das Gemeinwohl. Daher sollten sie Zugang zu einer Krankenversicherung und Anspruch auf eine angemessene Rente haben.

 

Begleitung im Übergang in die neue Arbeitswelt (15):

Das Dokument empfiehlt, die Unterstützung der vom Wandel betroffenen Arbeitnehmer auszubauen und den Europäischen Fonds für die Anpassung an die Globalisierung (EGF) in einen Europäischen Übergangsfonds mit erweitertem Budget umzuwandeln und damit den Arbeitnehmern zu helfen, sich an die neue Arbeitswelt anzupassen.

 

Förderung der Steuergerechtigkeit zwischen Arbeit und Kapital (17):

Eine gerechtere Besteuerung kann bei der Finanzierung eines sozialverträglichen Übergangs in der Arbeitswelt helfen. Der Rat der EU wird aufgefordert, die Besteuerung der digitalen Wirtschaft zu verbessern und eine Einigung über die vorgeschlagene Richtlinie über eine gemeinsame konsolidierte Körperschaftssteuer-Bemessungsgrundlage (GKKB) zu erzielen, damit Gesetzeslücken zwischen nationalen Steuersystemen und damit die Möglichkeiten für Steuervermeidung geschlossen werden.

 

Msgr. Antoine Hérouard

Weihbischof von Lille

Präsident der Kommission für soziale Angelegenheiten der COMECE

 

Die Vorschläge sollen im Rahmen der von der COMECE beim Europäischen Wirtschafts-und Sozialausschuss am 27. November 2018 organisierten Konferenz „Die Zukunft der Arbeit gestalten“ diskutiert werden.

 

 

Originalfassung des Artikels: Französisch

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